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Zukunftsreisend

von Peter Schäfer (Kommentare: 3)

Wer hätte das gedacht. Jahrelang hat die Bahn unter einem gewissen Herrn Mehdorn versucht, das Zugfahren zu einer Art „Fliegen auf der Schiene“ umzubasteln. Dem spontan am Bahnhof aufkreuzenden Reisenden sollte der Garaus gemacht werden. Mit Vorabbuchungen, Zugbindungen und Platzreservierungen sollte eine bessere Plan- und Berechenbarkeit für das Unternehmen Bahn erzielt werden, um ihre Transportmittel optimal auslasten und disponieren zu können. Außerdem wollte man auf Biegen und Brechen mit dem elitären Verkehrsmittel Flugzeug auf Augenhöhe gelangen.

Das ist 20 Jahre her. Schlechter werdende Bilanzen und stark zurückgehende Passagierzahlen zeigten allerdings bald auf, was viele Nicht-Fachleute (sogenannte „regelmäßige Bahnfahrer“) auch schon vorher wussten: nämlich dass es Schwachsinn ist, einen Apfel in eine Pflaume umzugestalten.

Was der Topmanager - der in seinen Anschlussverwendungen mithalf, das Traditionsunternehmen Air Berlin zu beerdigen und ein stark kränkelndes Projekt namens BER zur Hospizreife zu sanieren - nicht hinbekam, gelang nun einem chinesischen Virus, der uns allen mittlerweile sehr ans Herz gewachsen ist.

Inzwischen ist Bahnfahren wie Langstreckenfliegen in der Economy Class ohne Service – und nur halb so sexy. Die große weite Welt ist von Interkontinental auf Inter-City geschrumpft. Abstandsregeln und Mund-Nase-Schutz machen das Reisen mit der Bahn aber vor allem deswegen wieder so interessant, weil man schon vor dem Erreichen des Reiseziels das Verkehrsmittel verlassen kann, wenn man nicht weiß, wohin mit seinen Atembeschwerden und klaustrophobischen Anfällen.

Das Reisevergnügen fängt für uns schon vor Einfahrt des Zuges an - und zwar mit Überraschungen. Was man früher Bahnhof nannte, ist in den letzten Jahrzehnten zum Einkaufszentrum mit Bahnanschluss geworden. Und die haben ihre Öffnungszeiten dem aktuellen Reiseaufkommen angepasst. Offensichtlich sind die zurzeit irgendwie an Wochentagen von 12 bis 13 Uhr? Wir wissen es nicht so genau. An einem Sonntag morgen um halb neun ist jedenfalls tote Hose und die Vielzahl der geschlossenen Läden eignen sich vor allem für einen Zweck: menschenlose Architekturfotografie.

Die letzte Hoffnung auf heißen Kaffee, süße Teilchen und belegte Brötchen ruht nun auf den Verkaufsbuden direkt am Bahnsteig. Dank umsichtigen Zeitmanagements (Zugbindung!!) sind wir zwei Stunden vor Abfahrt am vorgesehenen Ort. Bei strahlender Sonne bewundern wir das abwechslungsreiche Schattenspiel auf dem menschenleeren Bahnsteig, der sich erst nach und nach füllt. Die letzte verbleibende Stunde nutzen wir, um gemütlich und in Trippelschritten den Punkt auf dem kilometerlangen Gleis 3 zu erreichen, an dem der Waggon mit unseren reservierten Sitzplätzen halten wird. Woher wir das so genau wissen? Der „Wagenstandanzeiger“ macht’s möglich. Aufgestellt von der Deutschen Bahn und so revolutionär wie die Erfindung des Kompasses für die Seefahrt.

Servicewüste Bahnhof

In der Wirklichkeit ist die angezeigte Wagenreihung nichts anderes als die Grundvoraussetzung für das beliebte Bahnsteig-Bingo. Die deutsche Version des international bekannten Bullshit-Bingos steht dem Original in nichts nach. Und das geht so: frühestens 60 Sekunden bevor der Zug einfährt, wird kaum hörbar über Lautsprecher und kaum lesbar auf der digitalen Anzeige bekannt gegeben, dass die Wagen heute in umgekehrter Reihenfolge einfahren oder bestimmte Wagen gar nicht vorhanden sind - oder beides.

Jeder nicht beteiligte Zuschauer kann sich in diesem Moment einnässen vor Lachen. Die betroffenen Reisenden tun es aus einem anderen Grund. In heller Aufregung versuchen sie nun vor Abfahrt des Zuges (Zugbindung!) ihren Waggon zu erreichen, der sich nun außer Sichtweite am anderen Ende des Gleises befindet. Der Effekt ist wie beim Berlin-Marathon, wenn sich beim Startschuss 50.000 Leute auf einmal vom Fleck bewegen wollen. Da geht ab Reihe drei für die nächsten Minuten erstmal auch nichts mehr. Ein wesentlicher Unterschied zwischen Bahnhof und sportlichem Wettlauf ist, dass die Marathonis kein Gepäck mitführen.

Wer es tatsächlich schafft, vorm automatischen Schließen der Türen in seinen Waggon zu gelangen, darf in den Re-Call von DSDV („Deutschland sucht das Superverkehrsmittel“). Auch wir erreichen schweißgebadet, kurzatmig und mit Augäpfeln, die an die Brillengläser stoßen, die reservierten Plätze. Da sitzt schon jemand. Unsere Reservierung ist auf der elektronischen Anzeige, die am Sitz angebracht ist, nur schwer zu lesen. Schwarze Schrift auf schwarzem Hintergrund. Im ganzen Zug ist das so. Ist das jetzt noch DSDV oder schon eine Sondersendung von „Versteckte Kamera“? Weder noch. Es ist Bahnfahrer-Alltag.

Weil das von uns gebuchte „Ruheabteil“ lautes Schreien und hysterische Anfälle verbietet, bleiben als Alternative nur noch stumme körperliche Gewalt oder eine Runde Fahrschein-Poker. Mit Rücksicht auf seine Angetraute entscheidet sich der männliche Teil der Reisegruppe für die pazifistische Variante. Die Rote zieht den ausgedruckten Fahrschein - unser Pik As - aus der schicken Umhängetasche, die sie extra für diese Reise erst kürzlich von ihrer Internet-Freundin Julia aus China bezogenen hat. Nur einer kann gewinnen. Diesmal sind es wir.

Der Rest der Reise verläuft unspektakulär und ruhig (Ruhebereich und Mundschutz). Der frühe Zug ist zu ca. 30% ausgelastet. Wir erreichen Erfurt pünktlich und relativ entspannt. Dass wir am selben Tag mit der Bahn auch wieder heimfahren, blenden wir aus. Und so wird es ein wunderschöner Tag, den wir mit unseren lieben Eltern verbringen.

Viel Spaß beim Bullshit-Bingo

Irgendwann müssen wir dann doch zurück. Als lernfähige Wesen möchten wir diesmal nicht am DB-Bingo teilnehmen und platzieren uns dort, wo wir die Mitte des Zuges vermuten. Die Entfernung zum reservierten Waggon (falls mitgeführt) ist somit in jede Richtung gleich weit entfernt; statt Sprint reicht diesmal vielleicht ein lockerer Trab, um mit einem Puls unter 200 den reservierten Platz zu erreichen.

Tatsächlich landen wir ohne drohenden Schwächeanfall in einem Abteil, in dem 2 der 6 Plätze uns zugedacht sind - laut Fahrschein und Anzeige (leuchtende Schrift(!) auf schwarzem Hintergrund). Die Menschen, die es sich bereits auf unseren Plätzen gemütlich gemacht haben, verweisen wir nach Abgleich der Reisedokumente mit strengem Blick auf den überfüllten Gang. Dort liegen sie nach zwei Stunden bei der Ankunft in Berlin noch immer vor irgendeiner Toilette im Weg herum und klammern sich an ihre Habseligkeiten wie Schiffbrüchige an die Schwimmweste. Reisen war schon immer auch ein bisschen Abenteuer. Und wer Verlautbarungen glaubt, die das Unternehmen Bahn über die Medien verbreitet wie ein Schlachthof das Coronavirus über die westfälische Provinz, der darf sich nicht wundern, wenn er den Reiseverlauf aus der Froschperspektive miterlebt.

Unser fortgeschrittenes Lebensalter, diverse Schulabschlüsse und Berufsausbildungen lassen uns jedenfalls nur mit den Schultern zucken, sobald versucht wird, kühne Behauptungen mit Statistiken zu untermauern. Sowas perlt an uns ab wie Wasser an der eingefetteten Ente. 50% Auslastung bei der Bahn? Na klar! Auf dem Papier. Unter Einbeziehung jeder Rangier-Lock und aller Güterzüge zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Mit der 30% Belegung unserer Morgenfahrt und den 120% bei der Rückfahrt weist der Mittelwert der von uns bereisten Züge jedenfalls schon mal eine 75%-ige Auslastung auf. Und das sagt noch nichts über das Fahrvergnügen im vollbesetzten Abteil unter vermummten Mitreisenden aus. Immerhin ist das besser, als durch 1-Meter breite Gänge (bitte halten Sie 1,5 Meter Abstand!) durch den Zug zu rammeln wie über eine Dorfkirmes und verbrauchten Atem noch durch die bunteste Maske zu riechen.

Wer einen Sitzplatz hat, rührt sich während der Fahrt nicht vom Fleck. Jeder ist danach qualifiziert, eine 8-Stunden-Schicht in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett zu übernehmen - als Exponat.

Früher konnte man während einer Zugfahrt mit etwas Glück interessanten Leuten begegnen. Heute bist Du froh, wenn du unterwegs keine Bekanntschaft mit einem interessanten Virus machst.

 

Bahnfahren war mal eine tolle Sache. Wehmütig erinnere ich mich daran, wie ich vor Jahren mit einer 100-%-Probe-Bahncard mit Kochmaus von Sylt zur Zugspitze gefahren bin – einfach so, quer durch Deutschland. Bahnfahren war Klasse, ich hab es geliebt, meinen Laptop auszupacken und im Zug zu arbeiten, während draußen die Landschaft vorbeisauste.

Das Reisen um des Reisens Willen funktioniert jetzt auch bei diesem Verkehrsmittel nicht mehr. Wird es irgendwann eine Renaissance erleben? Und werden wir dann noch da sein?

Jetzt suchen wir zuhause erst einmal nach ein paar Dokumentationsfilmen in der Mediathek: Die schönsten Bahnreisen der Welt.

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Kommentar von Martina Perreng |

Nach dieser Schilderung bin ich SEHR froh, dass wir einen Mietwagen für unsere Fahrt nach Saarburg im August haben

Kommentar von Peter Schaefer |

Eine sehr weise Entscheidung, liebe Martina!

Kommentar von Marion |

Wunderschöne Beschreibung einer Bahnfahrt! Ich habe mich köstlich amüsiert und mich an so manches Erlebnis mit der DB erinnert, wenn ich, was selten vorkam, mal mit dem Zug gefahren bin.
In dieser Woche fahre ich nach Essen. Aber mit dem AUTO! Ich liebe mein Auto. Keine ungewollten Begegnungen (Corona) und niemand macht mir den Platz streitig!

Liebe Grüße