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Zug nach Zürich

von (Kommentare: 2)

Amerika ist für uns Deutsche zurzeit so gut erreichbar wie der Mond. Wer sich mit Menschen, die dort ansässig sind, persönlich treffen will, braucht dazu neutralen Boden. Zum Beispiel die Schweiz.

Das Land meines letzten Auslandsaufenthaltes 2020 wird zum ersten im Jahr 2021. Über ein halbes Jahr ist seitdem vergangen. Schon damals dachte ich bei der Hin- und Rückreise, schlimmer geht’s nimmer. Doch nicht zum ersten Mal seit Corona kann der Chronist nun in sein Erfahrungstagebuch schreiben: „Schlimmer geht immer!“

Noch vor sechs Monaten waren die Vorbereitungen für die einfache Aufgabenstellung „Reise von Berlin nach Zürich und zurück“ in weniger als 15 Minuten erledigt – inklusive Bezahlung und Ticket ausdrucken.

Und heute? Selbst wenn du ein Flugticket in der Hand hältst, ist nicht sicher, wie weit du damit kommst. Im Zweifelsfall nicht mal bis zum Flughafen. Unserer fürsorglichen und umsichtigen Regierung und ihrer vorausschauenden Corona-Politik sei es gedankt. Mit zuverlässiger Unzuverlässigkeit jagen sich Verordnungen und Bestimmungen und wechseln sich schneller ab als die Mitfahrer auf dem Kirmeskarussell.

Irgendwie wollen die Regierenden nicht, dass wir unsere downgelockten Leiber aus den Häusern ins Freie befördern und schon gar nicht jenseits irgendwelcher Grenzen, die Städte, Länder und Kontinente voneinander trennen. Weil aber der Wunsch nach Mobilität den Menschen weder mit moralischen Appellen ausgetrieben noch per Gesetz total verboten werden kann, bedient sich die herrschende Kaste eines alten Hilfsmittels, um ihre Untertanen zu disziplinieren, zu lähmen und in den Wahnsinn zu treiben: Bürokratie. Beim Lösen von Problemen hilft die bekanntlich niemandem. Fürs Gegenteil aber ist sie perfekt geeignet.

Von den unzähligen, sinnfreien, sich widersprechenden oder nicht nachvollziehbaren Bestimmungen, die im Laufe der Pandemie rausgehauen wurden, bleiben auch Flugreisende nicht verschont. Wer seit Ende März ein Flugzeug borden will, muss einen negativen Corona-Test vorlegen. Das gilt gleichermaßen für Flüge von und nach Deutschland, egal, ob das Reiseziel als hochriskant eingestuft ist oder nicht. Warum das so ist, erklärt einem natürlich niemand. Zumindest nicht plausibel. Ganz einfach deswegen, weil es dafür keine plausible Erklärung gibt. Sozusagen Willkür. Wieder mal.

Wenn es wirklich darum gehen sollte, zu verhindern, dass viele Menschen auf engem Raum mit weniger als 1,5 Meter Abstand eine gewisse Zeit miteinander verbringen, dann müsste an jeder Bus- oder U-Bahn-Tür bei allen öffentlichen Verkehrsbetrieben der Republik jemand stehen und sich die negativen Test-Zertifikate der Mitfahrenden zeigen lassen. Passiert aber nicht. Warum nicht? Keine Ahnung. Einfach mal die Kanzlerin fragen. Bei der Fliegerei machen es sich die Verordnenden ganz einfach. Da wird die Arschkarte an die Fluglinien weitergereicht. Sollen die sich doch mit den frustrierten Reisenden rumschlagen.

Es ist der erklärte Wille der Regierung, dass die Menschen in diesem Land nicht mehr fliegen. Warum sie vor weniger als 12 Monaten noch neun (9) Milliarden Euro in die Lufthansa gepumpt hat, weiß heute auch niemand mehr so richtig. Aber was sind schon neun Milliarden?

Wie auch immer. Im konkreten Fall bräuchte es zwei PCR-Tests, die zusammen mehr kosten als ein Rückflugticket Deutschland-Schweiz. Zum Glück gibt es im richtigen Leben richtiger Menschen aber immer eine Alternative zur merkelschen Alternativlosigkeit. In diesem Fall heißt sie: Flugzeug stehen lassen und entweder das Auto nehmen oder die Bahn, denn - Achtung Logikfalle - wer auf dem Landweg die Grenze zur oder aus der Schweiz überquert, muss keinen Test vorlegen. Da der Chronist unbedingt reisen, sich aber nicht verarschen lassen will, nimmt er also die Bahn; statt einer Stunde Flugzeit nun acht Stunden Bahnfahrt. Unwesentlich länger brauchen meine kalifornischen Freunde, um den Kontinent zu wechseln.

Zürich empfängt den Besucher mit blauem Himmel und Temperaturen um 20 Grad. Winterjacke und Herz des Chronisten öffnen sich schlagartig. Das Wiedersehen mit meinem guten alten Freund Mike und seinem ältesten Sohn Leon runden den Tag ab. Es gibt einfach keinen Ersatz für die persönliche Begegnung.

Auch die Schweiz ist vom Virus gebeutelt. Im Januar war man dort in einen langen, harten Lockdown gegangen. Nun versuchen die Menschen, ihr Leben zurückzubekommen. Hotels empfangen wieder Gäste und dürfen diese sogar innerhalb ihrer Restaurants verköstigen. Die sonstige Gastronomie verkauft nach wie vor nur außer Haus. Beim Betreten der Geschäfte ist das Tragen einer Maske Pflicht. Tests werden nicht verlangt. Alles in allem, sind auch das nicht die besten Voraussetzungen für einen total entspannten Aufenthalt, aber immerhin besser als derzeit in Deutschland.

Die nächsten Tage führen nach Como kurz hinter der italienischen Grenze, nach Solothurn und Luzern. Alles Orte, die sich in Vor-Pandemiezeiten vor Besuchern nicht retten konnten. Nun ist auch die Schweiz auf sich selbst und seine eigene Bevölkerung zurückgeworfen. Es ist angenehm, die Sehenswürdigkeiten und Naturschönheiten ohne die einst alles verschandelnden Menschenmassen und Besucherströme zu erleben. Dennoch fühlt es sich mehr als nur „anders“ an. Irgendwie blutarm. Am Ende sind Städte ohne Menschen auch nur Architektur. Statisch. Leblos.

Die Zeit verfliegt wie immer viel zu schnell. Und trotzdem war dieser Ausflug mehr als nur eine wohltuende Abwechslung vom grauen Corona-Alltag zu Hause.

Mit dem Spagat zwischen Freiheit und Sicherheit wirken immense Kräfte gegeneinander. Egal wofür man sich entscheidet, alles hat seinen Preis. Ich persönlich gehe jede Wette ein, das am Ende der Wunsch nach Freiheit immer stärker sein wird als die Angst vor was auch immer. Der Mensch ist einfach so.

Und so wird beim Abschied bereits die nächste Verabredung festgemacht. Wenn sich nichts wesentlich ändert, wird es wieder zu einem Treffen in der Schweiz kommen. Ein Land, das mir mit jedem Besuch besser gefällt.

Modern sitzen oder Ein Gruß an die Bandscheibe

Morgens um 5 könnte Bahnfahren die schönste Form der Fortbewegung sein. Auslastung im einstelligen Prozentbereich. Platz ohne Ende. Himmlische Ruhe. Wenn da nur nicht die neue, knüppelharte Leder-Bestuhlung in den ICEs wäre: die reinste Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Physiotherapeuten. Erst ab Basel geht es kuschelig weiter – im französischen TGV, mit Sitzen, in denen man sich erholen und sogar schlafen kann.

Zürich geht immer

Seit Jahren findet sich Zürich in den Rankinglisten der Orte mit der höchsten Lebensqualität wieder. Das wissenschaftliche, gesellschaftliche und wirtschaftliche Herz der Schweiz hat sich diesen Platz wahrlich verdient.

Durch Berge und über Grenzen

Vorbei an Seen und Bergen und durch die Berge hindurch bis ins italienische Como, an den gleichnamigen See. Nasskaltes Wetter zwingt förmlich zum Kauf von Qualitäts-Pasta und Kaffee. Zweimal geht es 16,9 km lang durch den Gotthard-Straßentunnel, inklusive Pizza vom Pappdeckel an der Raststätte.

Es (ba)rockt!

Solothurn gilt als die schönste Barockstadt der Schweiz. Hier verbindet sich am Flusslauf der Aare italienische Grandezza mit französischem Charme und Deutschschweizer Bodenständigkeit.

Die Schweiz auf einen Blick

Jede Menge denkmalgeschützter Sehenswürdigkeiten und die malerische Lage am Vierwaldstättersee vor Alpenpanorama machen Luzern zur Schweizer Rivera.

Heimkehr

Deutschland verlangt keinen Test bei der Wiedereinreise. Aber die Rote. Sie und Kochmaus halten die Tür zu, bis der Graue einen aktuellen Test durch den Briefschlitz schiebt. Für das angezeigte Ergebnis findet sich allerdings kein Beispiel auf dem Beipackzettel. Der Beweis für „Superimmunität“, sagt der Graue. „Superspreader – quasi tot“, meint Kochmaus. Ob tot oder lebendig, am Ende will die Rote einfach nur den Mann zurück (und die 10 Kilo Schweizer Schokolade) - und gewährt Einlass.

 

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Kommentare

Kommentar von Martina |

Sehr schöner, wenn auch leicht melancholischer Bericht. Allein wegen der Schoki hat sich die Reise für uns gelohnt mmmmhhhhh. Hab jetzt auch Urlaub eingetragen und wir planen im August Provence...Wohnungen in Aix gibts jedenfalls unbegrenzt

Kommentar von Klaus Heller |

Toller Reisebericht und wunderbare Fotos, denen man sofort ansieht, dass sie nicht mit einem Smartphone geschossen wurden! - Wenig erfreulich der Testbericht und die Bilder von den neuen DB-Sitzen, zumal ich künftig gerade innerdeutsch mehr Bahnfahren als Fliegen wollte ...

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