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Wo sich Fuchs und Dachs gute Nacht sagen

von Simone Keil (Kommentare: 2)

Seit der Rückkehr von unserer großen Reise sind Monate vergangen. Corona kam dazwischen, und das Reisen bekam einen ganz anderen Stellenwert in unserem Leben. Wir entdeckten die Schönheiten vor der Haustür. Den Schlachtensee. Den Grunewald. Den Kudamm und die Wilmersdorfer Straße. Nun jedoch zog es uns wieder hinaus in die weite Welt: Nach Kleinzerlang.

Dorthin haben sich liebe Freunde von uns in diesem Jahr zurückgezogen. Sie hatten die Nase voll vom Berliner Stadtgebrüll und verlegten ihren Lebensmittelpunkt an die Brandenburger Seenplatten. Häuschen mit Garten. Ländliche Idylle, mitten im Grünen. Ruhe, Vogelgezwitscher, Hase und Igel, alles dieses. Das ganze Programm.

Meine Erinnerung an Kleinzerlang rührte aus der Zeit, als ich – lange vor der Erfindung des Navi – mich in den Wäldern um diesen Ort verfahren hatte, an Waldarbeitern vorbei und mitten durch Forstarbeiten hindurch nach einer befestigten Straße suchte und dachte: Wenn Du hier nicht wieder rausfindest, dann gute Nacht!

Inzwischen waren Jahre vergangen und Kleinzerlang war auf schönen Straßen auf Anhieb gut zu erreichen. Das Häuschen unserer Freunde war gemütlich, der Garten ruhig, bunt und überschaubar. Wir spazierten durch die Ortschaft, guckten Häuser und Natur rechts und links. Ein paar Geschichten, die wir aus dem aufregenden Dorfleben hörten, erinnerten mich sehr exakt an den Roman „Unterleuten“, den ich kürzlich gelesen hatte. Hier ist das also, dachte ich….

In der Dorfkirche fanden wir einen erstaunlichen kleinen Schatz: Eine Fotoausstellung „Unser Dorf heiratet“. Der Heimat- und Kulturverein Kleinzerlang e.V. hat hier Hochzeitsfotos der letzten 100 Jahre zusammengetragen - eine bemerkenswerte, wunderschöne und sehr anrührende Fotosammlung. Die kleine Kirche wurde 1896 errichtet und eröffnet, und im Mai des folgenden Jahres fand darin die erste Trauung statt. In der Ausstellung gibt es ein Foto von einer Eheschließung aus dem Jahre 1910, als sich die riesige Hochzeitsgesellschaft vor dem „Gasthof zur Krone“ aufstellte, eine andere Gesellschaft posierte 1913 vor der gleichen Kulisse. 1930 steht eine Doppelhochzeit vor dem „Gasthof Krone“, andere Fotos stammen aus den 50er und den danach folgenden Jahren. Auf einer Schautafel wurde die Fotosammlung kurz erklärt - und man bedankte sich bei den Familien für die Mitarbeit und für das Zur-Verfügung-Stellen von Bildern und den dazugehörigen Informationen. „Das Hochzeitsfoto ist oft ein hochemotionales Erinnerungsstück“, stand da zu lesen. Wir bedankten uns im Stillen, dass uns Besuchern dieser kleine, aber sehr rührende Einblick in die Familiengeschichten gewährt wurde. Ich habe mir besonders die sehr alten Fotos aufmerksam angeschaut und mich gefragt, was wohl für unglaubliche Lebensgeschichten sich hinter den Schwarz-Weiß-Gesichtern verborgen haben.

Nach einem großartigen Abendessen bei unseren Freunden (Danke, Paul!) bezogen wir unser Quartier in Rheinsberg. Die erste Übernachtung in einem Hotel seit unserer großen Reise. Und was soll man sagen: Hotelübernachtungen unter Corona-Bedingungen sind nur mittelmäßig entspannt. Am nächsten Morgen beim Frühstück (etwas, was wir normalerweise total mögen!) schleicht man mit Maske ums Büfett, bekommt von Maskengesichtern alles doppelt verpackt und dreifach gesichert gereicht und wundert sich am Ende über den Müllberg, den man produziert. Vor dem Speisesaal warten die nächsten Gäste. Das Hotel war gut gebucht.

Bei herrlichem Sonnenschein erkundeten wir Rheinsberg: Der riesige Schlosspark ist gepflegt und schön und erinnert uns an die phantastischen Park-Anlagen in Neuseeland; in der Orangerie tragen die Kübelpflanzen Blüten und kleine grüne Zitrusfrüchte gleichzeitig. Der Blick über den See ist herrlich, das Schloss strahlt in der Sonne und spiegelt sich romantisch im unbeweglichen Wasser. Nur ein paar Seerosen schaukeln kaum merklich auf der spiegelglatten Oberfläche.

Im kleinen Städtchen Rheinsberg entdecke ich schließlich – nach einem sensationellen Eis in der „Eiszauberei“ – mein persönliches zweites Highlight: Ein kleiner Schaukasten am Straßenrand. Thema: „Frauen-Orte im Land Brandenburg“. Ausgewählte Biografien zeigen, in welch vielfältiger Weise Frauen die Gesellschaft und das Land Brandenburg mitentwickelt und gestaltet haben. Mir fallen die schönen Bräute auf den Fotos der Kirche in Kleinzerlang ein.

Der Schaukasten, vor dem ich stehe, erzählt über Else Weil. Ich muß zugeben, den Namen noch nie gehört zu haben. Beschämend genug als Fan von Tucholskys „Rheinsberg“. Else Weil, Studentin der Medizin, reiste 1911 mit ihrem Freund Kurt nach Rheinsberg, um hier die romantische Zweisamkeit zu genießen. Das Wochenende wurde zur Vorlage einer der schönsten und schlichtesten Liebeserzählungen der Weltliteratur. Aus der jungen Else Weil wurde in der Geschichte die freche und emanzipierte Claire, die selbstbewusst, modern und ihrer Zeit weit voraus in „Rheinsberg“ die Leser verzaubert.

Else Weil wurde 1917 Ärztin und promovierte zum Doktor der Medizin. Tucholsky heiratete sie 1920, die Ehe scheiterte zwar, aber dennoch war Tucholsky von ihrer fortschrittlichen und emanzipierten Persönlichkeit sehr geprägt. 1933 wurde Else Weil wegen ihrer jüdischen Herkunft die Zulassung entzogen, fünf Jahre später, nachdem sie sich mit Gelegenheitsarbeiten durchgeschlagen hatte, flüchtete sie nach Frankreich. Drei Jahre später wurde sie aufgegriffen und ausgeliefert. Ihre Spur verliert sich auf einer Liste von Deportierten, auf dem Weg nach Auschwitz. Hier wurde aufgeführt: „Weil, Else, Ex-Deutsche, Ärztin“

„Von den Spuren der Frauen wird in der Geschichtsschreibung soviel bleiben wie von den Spuren eines Schiffes im Meer…“, steht über ihrem Bild zu lesen.

Bei mir hat Else Weil auf jeden Fall eine Spur hinterlassen, die ich hier sichtbar machen möchte.

Wir verlassen Rheinsberg ein bisschen wie Wolfgang und Claire, und kehren zurück „in die große Stadt, in der es wieder Mühen für sie gab, graue Tage und sehnsüchtige Telefongespräche, verschwiegene Nachmittage, Arbeit und das ganze Glück ihrer großen Liebe.“

 

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Kommentar von Mudda Mayer |

Das machst du aber schön mein Grosskind. Arbeitest du auch noch?

Kommentar von Martina Perreng |

Als großer Tucholskyfan liebe ich zwar Schloss Gripsholm besonders ( wohl mein Lieblingsbuch), mag aber Schloss Rheinberg auch. Und die sehr farbigen Berichte von euch gefallen mir sehr.