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Wenn der Putz bröckelt

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Wenn man mal die rosarote Brille von Influencern, gekauften Reise-Bloggern und Instagram-Fetischisten ablegt, dann gleicht die portugiesische Hauptstadt dem ungepflegten Gebiss eines gealterten Menschen, der kurz vorm kompletten Zahnausfall begonnen hat, sich einer Generalsanierung zu unterziehen. Diese Regenerierung läuft seit etwa 10 Jahren und wird ganz offensichtlich noch viel länger als eine weitere Dekade anhalten. Immerhin sind bereits einige schöne Behandlungserfolge zu verzeichnen, so dass die Stadt an ihren guten Tagen wieder mit offenem Mund lächeln kann.

Ende der neunziger Jahre stürzten in Lissabon jährlich etwa 20 Häuser ein, so schlecht war ihr Zustand. 2010 sollen allein im Stadtzentrum Lissabons Schätzungen zufolge 30.000 Wohnungen leer gestanden haben. Da die Fenster und Türen der leerstehenden Gebäude inzwischen meist zugemauert wurden, kam es nicht mehr so oft zum Kollaps ganzer Häuser. Aber schön ist was anderes.

Das Erdbeben von 1755 dauerte sechs Minuten und legte Lissabon zu 85% in Trümmer. Nach dem Wiederaufbau hatte die Stadt ein neues Gesicht. Die zweite Katastrophe, die dem Stadtbild böse zugesetzt hat, war menschengemacht. Diesmal lief das Beben in Zeitlupe ab, hielt 60 Jahre an und fand erst 2012 sein vorläufiges Ende.

1947 erließ Diktator Salazar einen Mietpreisstopp für die Städte Lissabon und Porto. Ende der achtziger Jahre mussten für manche Altbau-Wohnungen zum Teil weniger als umgerechnet fünf Euro im Monat(!) bezahlt werden. Inzwischen moderten den Mietern die Fußböden unterm Hintern weg, weil es längst durch die Dächer regnete. Kein Hauseigentümer hatte mehr in seinen Besitz investiert, von dem er quasi per Gesetz enteignet worden war.

Berliner kennen die Folgen solcher Sozialexperimente unter anderem vom Prenzlauer Berg. Verantwortlichen Politiker und Städteplaner in Ost-Berlin fanden „Kaltsanierung“ auch praktisch: Gedeckelte Mieten und warten, bis der Bestand in sich zusammenfällt. Einfach und kostengünstig. Dem natürlichen Verfall alternder Bausubstanz würde zweckmäßiger aber ästhetisch fragwürdiger Neubau folgen. Die Kartenhaus-Spekulation wurde durch die Wende nur kurz vor knapp beendet. Heute ist das alte Berliner Quartier mit seinem Bestand zu neuem Glanz saniert - mit all den positiven und negativen Folgen, die auch so etwas für die Menschen mit sich bringt. Früher wohnte in den alten Bauten, wer kein Geld hatte, heute kann das nur, wer genug davon hat. Statt berlinerisch hört man sehr viel schwäbisch. Ein bisschen so wie in Lissabon, wo portugiesisch im öffentlichen Sprachengewirr untergeht.

Man darf also gespannt sein, ob die portugiesische Hauptstadt nach der langsam fortschreitenden Sanierung noch eine Stadt der Lissaboner sein wird oder ob sie vollends zu einem Disneyland für Weltenbummler mutiert. Seit dem letzten Viertel des 20. Jahrhunderts haben die Einheimischen die Stadt jedenfalls scharenweise verlassen. Die Stadt schrumpfte von 800.000 Einwohnern im Jahr 1980 auf ca. 500.000 in 2017.
Der Wegzug der arbeitenden Bevölkerung in die Vororte und in den Großraum von Lissabon erhöhte die Zahl der Berufspendler in einer Weise, dass Mobilitäts- und Transportprobleme zu kritischen Faktoren im Alltag der Stadt wurden und die Lebensqualität ihrer Bürger zusätzlich beeinträchtigen.

Inzwischen wurden in der Innenstadt zehntausende Wohnungen renoviert. Die wenigsten davon dürften von den normalverdienenden Einheimischen bewohnt werden. Vieles wird gewerbsmäßig genutzt oder an Urlaubsgäste vermietet. Auch wir verbringen unseren Aufenthalt in einer Ferienwohnung in der malerischen Altstadt. Das riesige Gebäude wurde mit heißer Nadel kernsaniert und ausgerichtet auf das schnelle Geld von Besuchern, die nur wenige Tage hier Quartier machen. Für einen längeren Aufenthalt oder zur dauerhaften Nutzung als Wohnung können die Appartements unmöglich gedacht gewesen sein.

Immerhin wurde der äußeren Hülle des Gebäudes wieder zu alter Schönheit verholfen. Aus den Regenrinnen wachsen keine Bäume, in den Fensterlaibungen befindet sich Glas und keine Mauersteine und Angst, dass irgendwo ein Balkon abbricht, muss man auch nicht haben. Das ist nicht selbstverständlich. Noch immer sind sehr viele Gebäude unbewohnt, weil unbewohnbar. Die meisten baufälligen Fassaden sind behängt mit Schildern der neuen Besitzer oder Investoren.

Dass die äußere Kulisse gerettet wird, ist zu begrüßen. Bürgerfreundlicher wird es damit für die Lissaboner nicht automatisch. Vorwiegend auswärtige Besucher geben sich hier schon jetzt die Klinken in die Hände. Was das heißt, davon bekommen wir selbst bei unserem Kurzaufenthalt eine Idee. Obwohl November, wimmelt es nur so vor Touristen. Wir verzichten auf verschiedene Unternehmungen, weil wir unser Leben nicht in Warteschlangen zubringen wollen.

Lissabon im Sommer? Zur Hauptferienzeit? Lieber nicht. Der „richtige“ Reisezeitpunkt ist bestimmt ein entscheidendes Qualitätsmerkmal für den Aufenthalt in dieser Stadt. Es gibt nämliche viele gute Gründe, sie zu besuchen, und die sollte man sich von Zillionen Kreuzfahrt- und Bustouristen und digitale Nomaden nicht versauen lassen.

Lissabon könnte eine kleine Schwester Roms sein. Beide Städte sind auf sieben Hügeln gebaut. Dort fließt der Tiber, hier der Tejo. Zu schön ist die Topgrafie zwischen Berg und Wasser. Es geht viel auf und ab und von überall bekommt man andere Ein- und Überblicke über die Stadt und ihre Verwinkelungen sowie in ihre schluchtenartigen Straßenzüge.

Und auch die Hinfälligkeit vieler Gebäude unmittelbar neben den Beispielen ihrer Wiedergeburt hat einen besonderen Reiz. Verfall und Erneuerung kombinieren sich zu einem semi-morbiden Gesamtbild, das wir aus keiner uns bekannten europäischen Stadt kennen. Wer als Fotograf bei solchen Kontrasten keine Motive findet, dem ist nicht zu helfen.

Nach vier Tagen erscheint uns Lissabon wie eine alte Schatztruhe, aus der inzwischen die Holzwürmer vertrieben wurden. Der Wurmfraß ist noch immer gut sichtbar, daneben glänzen aber schon wieder die Scharniere und Metallbeschläge. Und wenn man den Deckel hebt, findet man dort neben angestaubtem Plunder jede Menge Edelsteine.

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