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Vergangen ...

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... und trotzdem gegenwärtig

Wir stehen am „Three Tables Beach“, einem kleinen Strand in einer ebenso kleinen Bucht an der Nordküste Oahus. 30 Jahre sind vergangen, seitdem meine Füsse zum ersten Mal längst verschwundene Spuren in den grobkörnigen Sand gestempelt haben. War es der Jahreswechsel 87/88 oder 88/89? Ganz sicher bin ich mir nicht mehr. Die Zeit über Weihnachten und Silvester verbrachte ich genau an diesem Ort in einer einfachen Unterkunft. Die steht noch immer hier und beherbergt noch immer die Art von Gästen, die ich selbst einmal war. Als wäre es erst gestern gewesen, erinnere ich mich daran, wie es in den Zimmern mit kleinem Balkon zum Meer hin riecht: leicht muffig von der ständigen Luftfeuchtigkeit und nach salzigem Wind. Draussen in der kleinen Bucht schwappen die Wellen noch immer an denselben Strand. Das war seit Menschengedenken nie anders und so wird es bleiben.

Dass ich hier eine wunderbare Zeit verbracht habe, interessiert kein Schwein und es hat auch ansonsten keine Bedeutung. Außer für mich selbst. Und selbst in mir verblassen einige der Erinnerungen wie auf einem alten Polaroid, das zu lange dem Sonnenlicht ausgesetzt war. Was an Intensität nicht verloren hat, ist das angenehme Gefühl, das die Erinnerung an diesen Aufenthalt in mir auslöst. Dazu gesellt sich eine plötzliche Sehnsucht nach der guten Zeit, die ich hier verbracht habe und die mir in der Rückschau so sorgenfrei erscheint.

30 Jahre zwischen damals und heute. 30. Jahre. Mir kommt es nicht grad vor wie gestern, aber irgendetwas in mir gaukelt vor, als wären vielleicht erst 5 Jahre nach dem Erstbesuch vergangen. Das ist eine der Situationen im Leben, in denen Du mit Dir selbst zum Duell antrittst. Schwermut über das unwiederbringlich Vergangene gegen tiefe Zufriedenheit über das Erlebte. Oft geht das Ringen zwischen beiden unentschieden aus. Dann klopft die Melancholie an die Tür deiner Erinnerungen. Das sind die Momente, an denen man die wirklich wichtigen Stationen seines bisherigen Lebens identifiziert: wenn Du begreifst, dass es im Leben für alles seine Zeit gibt. Und danach nicht wieder.

 

Skydive in Paradise

Eine weitere für mich wichtige Station erreichen wir am Dillingham Airfield. Auch hier war ich bereits während meines Erstbesuches auf Oahu. Zum Fallschirmspringen. Ich erinnere mich an wenige Sprungplätze auf der Welt, die ihrem Slogan „Skydive in Paradise“ so nahe gekommen sind wie Dillingham.

Diese sattgrüne Insel, das türkisfarbene Meer, die Ufer gesäumt von einer feinen weißen Naht, mit der die Brandung passgenau den Ozean mit dem Land verbindet. Wenn du das 4000 Meter unter dir siehst, das Flugzeug verlässt und anschliessend im freien Fall mit 200 km/h durch die warme Luft tauchst, bist Du dir selbst so nah, so bei Dir, wie es auf keine andere Weise möglich ist. Die lockere Atmosphäre am Boden und die Verbundenheit der Menschen gleichen Schlags brechen einem beim Abschied fast das Herz.

Mehr als das Herz bricht es einem allerdings auch immer wieder, wenn Menschen bei der Ausübung dieser Leidenschaft ihr Leben beenden. Zwei Freunde von mir (ein Franzose, ein Deutscher) haben vor etlichen Jahren jeweils am Dillingham Airport ihren letzten Sprung gemacht. Nichts erinnert mehr an diese Verluste. Keine Kreuze, keine Mahnmale. Und auch die Leute, die sich an die beiden noch persönlich erinnern, kannst du inzwischen an einer Hand abzählen.

The Show must go on. Und sie geht weiter.

Am 21.6.2019 kam es hier vor Ort zu einer Katastrophe, die Schlagzeilen weit über die Insel hinaus machte. Ein Flugzeug, voll besetzt mit Fallschirmspringern, war unmittelbar nach dem Start abgestürzt. Alle 11 Insassen waren auf der Stelle tot. Der kleine Club (einer von bis dahin drei am Platz), zu dem die Maschine gehörte, existiert nicht mehr. Über die Unfallstelle ist bereits Gras gewachsen. Allein die Dekoration am Zaun erinnert an das Unglück. Bilder, Abschieds-, Gruss- und Trauerbotschaften geben der Zahl 11 Gesichter und Biografien. Ein halbes Jahr nach ihrem Tod verblasst vieles bereits. Wind und Sonne sind so unerbittlich wie der Lauf der Zeit.

Wie lange wird es dauern, bis nichts mehr hier hängt? Wann wird sich dieses bescheidene, öffentliche Gedenken aufgelöst haben und auf ewig zurückziehen in die Räume derer, die eine sehr persönliche Bindung zu den Verstorbenen hatten?

Alles hat seinen Preis. Wie wir leben. Was wir tun. Was wir unterlassen. Früher oder später wird uns vom großen Kellner dafür die Rechnung präsentiert. Und da nutzt es auch nichts, zu hoffen, dass er uns vergisst. Niemand wird vergessen. Ob jemand ein Leben lang daheim ins Sofa schwitzt oder versucht, die gefährlichsten Gipfel dieser Welt zu erklimmen. Entscheidend ist am Ende nicht, wie lange wir machen, was wir machen, sondern wie sehr es uns mit Sinn erfüllt. Wir können die Zeit, die uns nur geborgt wurde, einfach verstreichen lassen oder sie nutzen und wertschätzen, wie es einem solch kostbaren Geschenk angemessen ist.

Alles andere liegt nicht in unserer Hand.

 

Gedenkt in alle Ewigkeit

Eine ganz andere Form des Gedenkens erleben wir in Pearl Harbour. Auch hier weichen meine Erinnerungen von vor 30 Jahren ab von dem, was wir aktuell hier miterleben.

Um was geht es? Am 7.12.1941 überfielen die Japaner mit einem Überraschungsangriff die in Oahu stationierte Pazifikflotte der Amerikaner. Die USA traten daraufhin in den 2. Weltkrieg ein. Der Angriff kostete über 2.500 Menschen auf Oahu das Leben. Zahlreiche Schlachtschiffe wurden versenkt. Eins von ihnen wurde auch später nicht wieder geborgen. Die USS Arizona blieb an der Stelle liegen, an der sie nach einem Bombentreffer gesunken war. Und mit ihr die dabei getöteten 1.177 Seeleute.

In der Folge wurde das Wrack nicht nur zum offiziellen Grab der Gefallenen, sondern auch zum nationalen Mahnmal. Eine baulich würdige Lösung wurde dafür entwickelt und 1962 eingeweiht. Der Korpus der Konstruktion erstreckt sich quer über das Wrack und ist ausgelegt für 200 Besucher. So viele werden maximal für jeweils eine halbe Stunde per Boot an die Gedenkstätte herangefahren. Die Lage des Wracks ermöglicht keinen anderen Zugang als über das Wasser. Heute, im Zeichen von Instagram und Selfie-Auswüchsen, ist dies ein wahrer Segen. Was passiert, wenn die Massen das Gedenken entdecken, lässt sich nämlich an Land, rund um den Eingang zu diesem historischen Areal erleben.

Bei meinem ersten Besuch gab es einen Vorführraum, indem ein Film über die geschichtlichen Hintergründe gezeigt wurde. Anschliessend stand ein Überlebender der Arizona den Besuchern Rede und Antwort. Dann ging es mit dem Schiff zur eigentlichen Gedenkstätte. Das läuft auch heute im Prinzip noch so ab, mit dem Unterschied, dass nun ein kurz getakteter Pendelverkehr ununterbrochen Besucher hin und zurück transportiert. Ein weiterer Unterschied ist, dass im Uferbereich inzwischen ein Areal mit Museen und weiteren Gedenkstätten und Mahnmalen ausgebaut wurde. Alles zum selben Thema, aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Ein Schlachtschiff als Museum. Ein U-Boot als Museum. Eine Flugzeughalle mit Exponaten aus der Zeit als Museum.

Es wird nicht mehr lange dauern, bis sich das persönliche Erinnern an das Ereignis oder an einen Menschen, der das Ereignis selbst miterlebt hat, biologisch erledigt. Das Mahnmal und die sonstige Gedächtnisinfrastruktur aber wird weiter bestehen und besucht. Allerdings fragen wir uns bereits jetzt, ob es dann noch um die Toten oder nur um eine Inszenierung des Gedenken gehen wird? Wir sehen wie die Masse der Besucher achtlos an den Erklärungen auf den Informationstafeln vorbei hastet, um in die Pole-Position für ihr Selfie zu kommen - egal ob vor einer Skulptur, einem Denkmal, einer Namenstafel oder einfach nur vor einer Kokospalme. Wenn das nicht bereits Antwort genug ist.

Am Ende erreicht uns die ganze zur Schau gestellte Trauer und Betroffenheit nicht so sehr, wie die Ölflecken, die an einer bestimmten Stelle oberhalb des Wracks der USS Arizona zu sehen sind. Nach bald 80 Jahren dringt noch immer Öl aus dem gesunkenen Schiff an die Oberfläche. Wie aus dem Nichts platzen die Blasen auf, nehmen Regenbogenfarben an und verteilen sich in einer ständigen Metamorphose über das Wasser. Irgendwann hat sich jeder dieser kleinen Ölteppiche wieder in Unkenntlichkeit aufgelöst. Und die nächsten pechschwarzen Blasen finden ihren Weg ans Licht. Wie eine nie endende Mahnung stammen sie direkt aus dem Grab der Toten. Und ihre Bezeichnung fasst das Desaster von 1941 besser zusammen, als jede mit Pathos angefüllte Festtagsrede: „Black Tears“ - Schwarze Tränen.

 

Tal der Stille

Um an den buddhistischen Tempel Byodo im Tal der Tempel zu gelangen, müssen wir zunächst durch ein ganz anderes Tal. Fast zwei Kilometer lang schlängelt sich die Strasse durch eine Hügellandschaft. Wir durchfahren einen einzigen, kaum zu überschauenden Friedhof. Vasen und Blumen verteilen sich in großzügigen Abständen zueinander über die Landschaft. Eine Struktur oder Ordnung ist nicht zu erkennen. Das Auge bleibt an nichts haften, man tuckert so hindurch.

Niemand hält an. Wir nehmen uns die Zeit. Streifen durch das saftige Gras die Hügel hinab und wieder hinauf, schauen auf vereinzelte Metallplatten, die in die Erde gelassen sind und etwas über Menschen erzählen, die ihr Leben auf dieser Insel verbracht und beendet haben.

Auf etlichen Inschriften zu unseren Füssen lesen wir, was wir selbst erhoffen: eine lange Zeitspanne zwischen dem Geburts- und dem Sterbezeitpunkt.

Auf uns herab schauen Millionen Jahre alte, dicht bewachsene Berge, gekrönt von Wolken und Nebel. All das war lange vor uns. Es wird noch lange nach uns sein.

So klar wie hier und wie heute ist uns lange nicht bewusst geworden, warum wir diese Reise angetreten haben. Und wir empfinden tiefes Glück, dass wir das erleben dürfen.

 

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