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Honolulu

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Alles so schön voll hier

„Unter dem Pflaster liegt der Strand“, lautet ein alter Sponti-Spruch der 68er-Bewegung in Deutschland. Unter anderem war das eine schwach verklausulierte Andeutung an den zutagetretenden Sand, wenn Teilnehmer bei ausufernden Demonstrationen und Strassenschlachten Pflastersteine der Gehwege zu Wurfgeschossen umnutzten.

In Honolulu lautet das Motto: Unter dem Fleisch liegt der Strand. Wir nehmen zumindest an, dass er darunter liegt. Denn die Mühe machen wir uns nicht, einen der Trillionen Körper zur Seite zu rollen, um zu sehen, ob sich darunter noch Sand oder doch schon Beton befindet.

An einem Sonntag Mittag am Waikiki Beach chillen und ein bisschen im Wasser planschen zu wollen, ist nicht nur eine verwegene Vorstellung, sondern stellt sich schnell als Herausforderung mit Expeditionscharakter heraus. Die kleine rothaarige Frau schreckt das nicht. Sie will DAS Foto - mit sich und mit Hawaii. Genauer gesagt, mit sich und dem, was klein Fritzchen hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen, noch immer mit Honolulu und Waikiki verbindet.

Also Strand. Der Reiseleiter erklärt sich freiwillig bereit, auf die Habseligkeiten aufzupassen, während sich die Gemahlin im lauwarmen Wasser aalt. Tatsächlich kaschiert er damit seinen spontan gefassten Entschluss, das vor ihm liegende Gewässer nicht zu betreten - aus Angst vor ansteckenden Krankheiten. Immerhin hat er jetzt eine bessere Argumentationsgrundlage, wenn ihn die Angetraute wieder mal zu einem Besuch von Mallorca animieren möchte. No, thanks! (Ich weiss, die Mandelblüte, die Kathedrale von Palma usw.) Zur Ehrenrettung von Waikiki muss man allerdings erwähnen, dass es frei ist von 20-Liter-Eimern mit alkoholischen Getränken und halbmeterlangen Trinkhalmen, an denen Herden von Hirnbetäubten nuckeln wie Säugling an der Mutterbrust. No, gracias!

Der Illusion hatten wir uns von Anfang an nicht hingegeben, das Honolulu aus „Verdammt in alle Ewigkeit“ oder von den Retro-Postkarten, die hier überall verkauft werden, vorzufinden. Immerhin beruhigend zu sehen, dass gewisse Dinge doch überleben und Bestand haben. Die Hauptstadt der Inselkette und des 50. US Bundesstaates Hawaii war schon vor 30 Jahren ein Moloch aus einfallslosen, schmuck- und farblosen Betonhochhäusern, um so vielen Menschen wie möglich gleichzeitig den Blick aufs Meer zu verbauen und - Achtung: Paradoxon - zu ermöglichen.

Hier finden Architekten ihre Meister in Sachen Balkonbau. In Honolulu kannst du überall was mit Meerblick mieten. Durch schräg gesetzte Balkone wird es selbst aus unmöglichen Winkeln und Entfernungen zum Strand doch noch möglich, einen blauen Fleck in der Ferne zu erblicken. Solche Wohneinheiten tragen das Prädikat „Ocean View“ / „Meerblick“ und erfreuen vor allem die Vermieter, die damit einen Aufpreis von mindestes 50% verlangen. Wer sich das nicht leisten kann, schaut nach hinten raus auf den Berg, zur Seite auf andere Häuser mit Balkonen mit Meerblick oder auf eine Retro-Postkarte mit menschenleerem Strand.

Was bislang noch nicht gelungen ist: den Blick direkt vom Strand aus auf den Horizont zuzubauen. Der Sonnenuntergang ist damit noch immer für Jeden kostenlos zugänglich. Und der kann sich wirklich sehen lassen, wenn sich die orangerote Kugel absenkt und mit einer unglaublichen Intensität im Meer verschwindet, um eine ganze Weile noch nachzuglühen. Dabei vergeht einem jeder Sarkasmus darüber, wie perfekt es dem Menschen ansonsten immer wieder gelingt, das Schöne um sich herum unwiederbringlich zu verschandeln.

Immerhin, die Legende lebt. Im Marketing nennt sich das Markenname oder Branding. Wir sagen „Tempo“, wenn wir Papiertaschentuch meinen. Wir denken an „Honolulu und Waikiki“, wenn wir uns den Ausstieg aus dem Alltag und ein sorgenfreies Leben vorstellen.

Und da Legenden bekanntlich unsterblich sind, wischen wir uns am Ende mit einem Tempo die Tränen aus den Augen und verlassen wehmütig das Paradies.

 

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