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Von Strafkolonie ...

von (Kommentare: 1)

... zur Traumstadt

Meine Erinnerungen an Sydney waren bislang weiss-blau. Eine strahlende Oper vor wolkenlosem Himmel. Dieses Bild hängt nun etwas schief an der Wand in meinem Kopf. Daneben hängt ein neuer Rahmen. Er zeigt Weiss in Weiss und löst beim Betrachten Hustenreiz aus.

Immerhin, wir haben Sydney erreicht. Das war zwischenzeitlich nicht immer so sicher. Alles, was wir am Ende sehen und erleben, verbuchen wir daher als Bonus.

Vier Tage, fünf Nächte. Unser längster Aufenthalt an einem Ort innerhalb Australiens. Höhepunkt und Abschied zugleich. Wir wissen, dass wir die Stadt in dieser Zeit nicht erfassen können. Also versuchen wir es auch nicht. Getreu dem Motto „Weniger ist mehr“, lassen wir es gemächlich angehen. Keine Liste abhaken. Kein Sehenswürdigkeiten-Marathon. Stattdessen gehen, sehen und verweilen.

Der Oper widmen wir dabei die meiste Zeit. Sie ist von unserem Quartier aus gut zu erreichen. Nur 10 Minuten mit der Fähre entfernt. Wir umkreisen dieses Wunderwerk bei Tag und bei Nacht, zu Fuss und mit dem Boot. Wir erleben ein Konzert im großen Konzertsaal und lassen uns später durch das imposante Innenleben führen. Selbst bei ständiger Wiederholung ist Langeweile hier ausgeschlossen.

Eine auch nur annähernde Begeisterung kommt bei unserem halbtägigen Spaziergang durch das kommerzielle Zentrum Sydneys hingegen nicht auf. Ähnlich wie in Brisbane, Adelaide oder Perth wirkt auch Sydneys Innenstadt aus der Froschperspektive wenig attraktiv. Verbaut. Vermurkst. Wild gewachsen. Alte Architektur, die wahllos von neuer Architektur erdrückt wird. Hauptsache hoch und funktionell, zwischendrin wie reingesteckt der Sydney Tower, der alles überragt - was man anderswo auch schon schöner gesehen hat.

Immerhin bremst die betriebsame Hektik der City sehr schnell auch die Kauflaune der Gemahlin. Und da wir nichts finden, das uns zum verweilen einlädt, flüchten wir in eine der grünen Lungen der Stadt, den Hyde Park. Nur wenige Meter entfernt von den Betonschluchten ist er eine mitten in der Stadt angelegte Oase. Weitläufig und eingewachsen. Von hier aus gefällt uns auch die Skyline von Sydney deutlich besser. Die hohen Gebäude funktionieren rein visuell aus der Ferne viel besser. Vor allem bei Nacht und vom Wasser aus.

Überhaupt das Wasser. Entlang der besiedelten Buchten Sydneys lassen sich größere Distanzen am besten mit dem Schiff zurücklegen. Der Vergleich hinkt zwar, dennoch muss man unweigerlich an Venedig denken, wenn man von der Harbour Bridge hinab auf den Hafen schaut und ein einziges Gewimmel beobachtet, das auf dem Wasser stattfindet: Fähren, Frachter, Tanker, Segelschiffe, Partyboote, Raddampfer, Jollen, Jachten oder Kreuzfahrt-Riesen kurven herum, als führten sie ein grosses Wasserballett auf.

 

Taronga

Auch der Zoo ist am schnellsten und bequemsten über das Wasser zu erreichen. Seine steile Hanglage ist außergewöhnlich für einen Tierpark und fordert den Besuchern einiges an Steigleistungen über Treppen oder Serpentinenwege ab. Wir entscheiden uns altersgerecht für die Fahrstühle und die Seilbahn. Trotzdem sind wir noch gut zu Fuß unterwegs. Von einigen Aussichtspunkten hat man nämlich einen besonders schönen Blick auf die Skyline Sydneys. Und die erreicht man nur durch eigenen Antritt. Da die Auswahl an Tieren eher überschaubar und für uns von durchschnittlichem Aufregungspotential ist (abgesehen von einem besonders riesigen Exemplar der Nummer-Eins-Gefährlichen-Trichternetzspinne, vor der die kleine Frau - durch eine Glasscheibe getrennt - lange und wie hypnotisiert verweilt), verbringen wir einige Zeit in den über den ganzen Zoo verteilten Klimbim-Läden. Dort zerrt die Gemahlin wehmütig auch noch den letzten Koala-Dummy aus dem Regal und prüft ihn auf Weichheit und flauschigen Pelz.

 

Manly

Der Tag nach dem grossen White Out fühlt sich an wie ein Kater nach durchfeierter Nacht. Etwas benommen stellen wir fest, dass Sydney wieder sichtbar ist. Wir wissen zwar nicht, welche Substanzen sich noch immer in der Luft befinden, aber wir können sie zumindest wieder durchschauen. Das reicht uns fürs Erste. Der weiße Qualm hat einem vornehm grau bewölkten Himmel Platz gemacht. Wir vermuten, dass die Wolken einen meteorologischen Ursprung haben. Obwohl sie nach Regen aussehen, fällt kein Tropfen. Nach einer halbstündigen Fahrt mit der Fähre erreichen wir den Hafen von Manly und laufen durch den Ort bis zum Pazifischen Ozean. Dort ist der Strand nur schwach besucht. Ein paar Surf-Schüler nutzen das flache Wasser und die anfängerfreundliche Brandung, um auf ihre Bretter zu kommen. Die Gemahlin lässt es sich nicht nehmen, mit ihrem Großer-Zeh-Thermometer die Wassertemperatur zur prüfen - und befindet es für zu kalt. Wir machen einen langen Spaziergang und atmen dabei die frische Seeluft bewusster als sonst.

Auch bei der Rückkehr mit dem Schiff nehmen wir den klaren Blick auf die Stadt nicht mehr als Selbstverständlichkeit wahr. Harbour Bridge und Oper präsentieren sich wie eine Einladung, noch einmal wiederzukommen. Keine schlechte Idee. Weiße Oper vor blauem Himmel. Das Bild sollte unbedingt wieder gerade gerückt werden.

 

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Kommentare

Kommentar von Martina |

Ohne Harbour Bridge und Oper hätte ich Sydney auf den Fotos nicht wiedererkannt. Und die Rauchbilder sind wirklich beängstigend.

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