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Von null auf Opa

von (Kommentare: 6)

Im Gegensatz zu vielen Freunden und Bekannten habe ich mein persönliches Lebensglück nie mit dem Wunsch nach eigenen Kindern in Verbindung gebracht. Nicht, dass ich dagegen gewesen wäre, selbst welche zu haben. Aber es hat sich nicht ergeben - und den Drang, in dieser Hinsicht etwas zu forcieren, habe ich nicht verspürt. So lebte ich jahrzehntelang ein kinderloses und dennoch erfülltes Leben.

Und dann, mit 59 Jahren, bekam ich mein erstes Kind. Eine Tochter. Sie war bereits 28, hübsch anzuschauen, wohl erzogen und aus dem Gröbsten raus, wie Eltern so sagen, wenn der Nachwuchs das heimatliche Nest verlassen hat.

Durch die Vermählung mit der Roten traten nicht eine, sondern gleich zwei Frauen in mein Leben. Nichts war mehr wie zuvor. Daran hat sich bis heute nichts geändert und noch immer fühlt es sich an wie ein Sechser im Lotto – mit Zusatzzahl. Es bedurfte keiner Anstrengung, nach der Roten auch die Blonde ins Herz zu schließen. Und wenn ich mir ein selbst gezeugtes Kind wünschen müsste, käme es meiner (Stief-) Tochter sehr nah.

Nur sechs Jahre, nachdem ich durch schicksalhafte Fügung Vater geworden war, wurde ich auch schon Opa. Ein weiteres Kind in meinem unmittelbaren familiären Umkreis. Diesmal ein ziemlich kleines. Mitten im Gröbsten drin und mit großen Herausforderungen vor sich: KITA, Kindergarten, Schule, Pubertät, Studium und Berufswahl – um nur einige aufzuzählen. Nun komme auch ich noch zu Erfahrungen, über die leibliche Eltern längst verfügen - und vielleicht froh sind, dass einige davon bereits weit hinter ihnen liegen.

Umso verwunderter stellt der frischgebackene Opa fest, wie die frischgebackene Oma offenbar bestimmte - ihm bislang unbekannte - Verhaltensmuster an den Tag legt. So erfüllt ein feuchter Glanz der Entzückung ihre Augen, wenn der Abstand zum Enkelkind 50 Meter unterschreitet. Und jeder Abstand oberhalb dieser Marke füllt ihre Augen mit Tränen der Sehnsucht. Sobald der kleine Mann in Rufweite ist, ändern sich Körpersprache, Mimik und die Tonlage ihrer Stimme. Zwei Oktaven höher als normal, entweicht eine Art Singsang aus ihrem Mund, wenn sie zum Enkelkind spricht.

Der Opa steht daneben, sieht und hört es mit Erstaunen und fragt sich ein klein wenig besorgt, ob er selbst auch so eine merkwürdige Wandlung durchmacht, wenn er in direkten Kontakt mit Enkel Fiete tritt.

Tatsächlich übt der kleine Mensch auf den Opa eine bislang unbekannte Faszination aus. Und schnell hat sich eine Verbundenheit zwischen beiden entwickelt, die trotz extrem unterschiedlicher Lebensalter durchaus auf Gemeinsamkeiten beruht. Und das hat damit zu tun, wie wir beide die Welt wahrnehmen und neue Eindrücke verarbeiten.

Der kleinere von uns Beiden versucht die Welt zu begreifen, indem er nach ihr greift. Bzw. nach allem greift, was in die Reichweite seiner Ärmchen und erstaunlich kräftigen Händchen gerät. Und alles, was er in den Klammergriff nimmt, ist gleichsam Sensation. Wie fühlt es sich an? Was für Geräusche lassen sich damit erzeugen? Wie schwer ist es? Kann man es essen? Und wie weit kriegt man es in den Mund? Welches Geräusch macht es, wenn es runterfällt?

Dazu saugen seine großen strahlenden Augen wie ein Super-Scanner alles ein und befördern unaufhörlich Bilder in Richtung Gehirn, das scheinbar nicht genug an neuen Informationen aufnehmen kann. Einen Filter gibt es nicht. Alles wird transportiert. Man kann regelrecht zuschauen, wie die Festplatte in Fietes kleinem Kopf bespielt wird, bis nichts mehr geht. Die unvermeidliche neurologische Überlastung seiner Systeme äußert sich schließlich in ningelicher Unzufriedenheit und/oder einem komatösen Schlafanfall.

Und da ist der Opa emotional und mit seinen eigenen Erfahrungen plötzlich ganz nah am Enkel dran. Denn auch im fortgeschrittenen Alter führt es unweigerlich zu Erschöpfungszuständen, wenn zu viele neue Informationen, Eindrücke und Erlebnisse in zu kurzer Zeit noch eine freie Stelle auf dem inzwischen übervollen Festplattenspeicher suchen.

Ob bei Reisen in unbekannte Gefilde, bei ungewöhnlichen oder anstrengenden Begegnungen, bei anspruchsvollen kulturellen Veranstaltungen und allem anderen, was viele Sinne gleichzeitig herausfordert, braucht es anschließend Zeit und Ruhe, damit sich alles Neue setzen und verarbeitet werden kann. Und ganz viel davon findet auf dem Sofa statt. Liegend natürlich. Tief und fest schlafend wie ein erschöpftes Kleinkind. (Warum die Oma das leise Schnarchen des Enkels „süüüüß“ findet und das ihres Gemahls „fürchterlich“, ist ebenfalls ein spannendes Thema, das allerdings den Rahmen dieses Textes sprengen würde).

Doch während der Opa danach erholt aufwacht, sich gesammelt und alles in sich zurechtgerückt hat, beginnt für das kleine Kind die Reise erneut, sobald es die Augen aufmacht. Abenteuer und Aufregung, wo hin es auch schaut.

Mir kommt es so vor, als müsse er sich wie ein Astronaut fühlen. Immer wenn er die Luke seines Raumschiffes öffnet, steht er auf einem neuen Planeten. Ein winziger Schritt für die Menschheit, ein Sieben-Meilen-Schritt für Fiete. Ununterbrochen neue Geräusche, andere Gerüche und jede Menge Aliens, die auf ihn einwirken. Selbst wenn ihm mit jedem Tag seiner Reise immer mehr Dinge vertraut vorkommen oder sich wiederholen, steht das Gewohnte noch für eine ganze Weile in einem Missverhältnis zu allem Neuen.

Fasziniert sieht Opa zu, wie der kleine Mensch sich die Welt zu eigen macht, indem er immer und alles probiert, stets mit einem Drang nach vorne und nach oben. Als könne er nicht schnell genug auf Augenhöhe mit den großen Zweibeinern gelangen, die ständig noch auf ihn herabschauen.

Was für uns dabei oft drollig, niedlich und putzig ausschaut, ist für das Kind mit großen Anstrengungen und Kämpfen verbunden. Körperlich wie mental. Man spürt es regelrecht. Jeder Mensch, der ein Herz im Leibe hat, kann dann gar nicht anders, als zu helfen, zu unterstützen und zu fördern.

Den Eltern kommen dabei die Hauptverantwortung und die intensivste Belastung zu. Sie sind wie ein Fahrrad, mit dem der Kleine in Richtung Zukunft unterwegs ist. Gemeinsam durchfahren sie die Höhen und Tiefen des Alltags, der zur Zeit vor allem aus Füttern, Kleiden und Bespassen besteht. Mit nur wenigen Pausen zwischendrin. Und jeden Tag aufs Neue.

Zumindest beim Opa kommt da nicht das Bedürfnis auf, mit den Eltern tauschen zu wollen. Während die ununterbrochen ihr tägliches Pflichtprogramm absolvieren, zieht er es zusammen mit Oma vor, mit dem Kleinkind in der Kür anzutreten, mit jeder Menge Freistil, Spaß und guter Laune. Oder, um im Bild zu bleiben, als Stützräder am elterlichen Fahrrad.

Der Kleine lernt dabei auf unterschiedliche Weise von den jungen Alten und von den alten Alten. Im besten Fall ergänzt sich das zum Wohle des Nachwuchses.

Inzwischen hat der Opa begriffen, dass dies keine Einbahnstraße ist, in der Wissen und Lebensweisheit nur in eine Richtung fließen. Denn je länger er sich seinem Lieblingsenkel widmet, desto klarer wird ihm, dass der Kleine uns etwas voraushat. Etwas, das den meisten Menschen im Laufe ihres Werdens leider wieder verloren geht: Neugier, Furchtlosigkeit, stete Bereitschaft, sich vom Leben überraschen zu lassen und eine unbändige Freude selbst über die kleinsten Dinge.

Der Kleine verliert sich nicht im Gestern oder Morgen. Er hadert nicht mit Erinnerungen und plant nicht für die Zukunft. Er ist vollkommen präsent im Hier und Jetzt.

Es gibt Jahrtausende alte Philosophien und Weltanschauungen, die mit großen Anstrengungen versuchen, erwachsene Menschen zumindest zeitweilig in solche Zustände zurückzuversetzen. Und damit auch ordentlich Geld verdienen.

Als Opa weiß ich jetzt, dass ich mir das sparen kann. Jeder Tag gemeinsam mit dem Enkelkind ist ein bisschen wie Zen. Auf Speed.

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Kommentare

Kommentar von Maxi |

Köstlich! Schon die Überschrift. Wie schön und lehrreich, dass du uns das Großelternsein schon mal "eingeordnet" hast, freut sich eure treue Freundin, die sich gerade auf dem Weg zur zweiten Omawerdung befindet.

Kommentar von Peter |

Danke, liebe Maxi! Jetzt kann ich zumindest nachfühlen, wie sehr Du Dich auf das zweite Enkelkind freust.

Kommentar von Klaus |

Richtig herzerwärmend! Du kannst dich sehr gut in die Welt des kleinen Fiete hineinversetzen. Irgendwann wird da ein Drehbuch draus ...

Kommentar von Peter |

Wir arbeiten schon dran. Ich mach schon Brainstorm mit ihm. Noch suchen wir den passenden Titel:
"Kampf der Titanen: Fiete gegen Kochmaus"
"Fieterassic Park"
"KITA-Cop Fiete"
"Fiete rettet Störtebeker"
"Fiete 2.0"

Wir sind offen für weitere Vorschläge.

Kommentar von Lysette |

Das ist ein wunderbarer Artikel, ohne Kitsch. In solchen kann man schnell rutschen, wenn die Gefühle überschwänglich werden. Ein Enkelkind bringt uns alles wieder, was wir verloren oder "abgegeben" haben: Neugier, Staunen, Gelassenheit und häufiges, herzhaftes LACHEN.

Kommentar von Peter |

Danke Lysette, aus dem Munde einer Mama und Oma freut mich das ganz besonders.

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