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Ushuaia - Buenos Aires

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Keine drei Wochen ist es her, da stand die Rote am Schiff, Heimreise vor und Tränen in den Augen. Nun heißt es für den Grauen, unfreiwillig Abschied zu nehmen und dabei Haltung zu bewahren. Einfach ist das nicht, auch wenn das Wetter versucht nachzuhelfen. Bereits vom Bett aus - ein Blick auf die Bilder der Bordkameras: Grau in Grau. Regen.

Heute geht es endgültig aus unserer schwimmenden Festung gegen COVID zurück in eine Welt voller Unsicherheiten. Wir haben 5.754 nautische Meilen zurückgelegt. Umgerechnet sind das 10.658 km. Über 14.000 Kilometer sind es von hier unten zurück nach Berlin. Nach 3 Flügen und 48 Stunden werde ich wieder zu Hause sein.

Ein allerletztes Mal heißt es Abschied nehmen von Kabine 624, vom Lido-Deck, von der Hanseatic nature, die in den vergangenen Wochen zu mehr als nur eine Heimat auf See wurde.

Es ist der erste Advent. Feierlich ist niemandem zumute. Vorm Schiff wartet schon die neue Crew. Endlich wieder Arbeit, nach einer gefühlten Ewigkeit der Handlungsunfähigkeit. Die neuen Gäste werden an Bord kommen, wenn wir am Nachmittag Ushuaia mit dem Flugzeug hinter uns lassen.

Um die Zeit zwischen Ausschiffung und Abflug zu überbrücken, starten wir zu einer Busrundfahrt. Auf der Pan Americana fahren wir Richtung Nordosten. Zwei Stunden und ein paar Foto-Stopps später drehen wir an einem alten Sägewerk an der Laguna Escondido wieder um und fahren auf derselben Straße zurück. Der einzigen weit und breit. Eine Alternative gibt es nicht.

Die Natur ist beeindruckend. In dieser schönen, aber unwirtlichen Landschaft führten einst die Ureinwohner, die als Wassernomaden hier lebten, ein entbehrungsreiches Leben. Die Hölle auf Erden kam zu ihnen, als weiße Menschen die Errungenschaften ihrer sogenannten Zivilisation ans Ende dieser Welt brachten. Krankheiten und Genozid haben die Indianer innerhalb eines Jahrhunderts ausgelöscht. Eine 95 Jahre alte Frau, die heute in Puerto Williams lebt, ist die einzige noch lebende Nachfahrin dieser Völkergruppe. Den ausgerotteten Indianern und ihrer Kultur wird natürlich eifrig gehuldigt, in einer heuchlerischen und verlogenen Romantik - mit Wandmalereien und Andenkenkitsch.

Ein anderes Mitbringsel des Fortschritts wirkt sich ebenfalls bis heute aus: In den 1940er Jahren wurden in Feuerland 50 nordamerikanische Biberpaare zur Etablierung einer Pelzwirtschaft ausgewildert. Der Versuch scheiterte an der minderwertigen Qualität der Pelze. Dafür schrieb etwas anderes eine bis heute ungebrochene Erfolgsgeschichte: die importierten Biber selbst. Ihre Zahl wird inzwischen auf 150 bis 200 Tausend geschätzt. Sie fräsen sich durch die Urwälder, die der Zerstörung schon lange nicht mehr gewachsen sind, auch weil es keine natürlichen Feinde für diese Einwanderer aus dem Norden gibt. Der Einfluss der Biber auf die Waldlandschaft Feuerlands wird inzwischen als die größte Veränderung der subantarktischen Wälder seit der letzten Eiszeit beschrieben. Wenn dagegen nicht konsequent vorgegangen wird, sieht Feuerland dem Ende seiner bisherigen Welt entgegen.

Der Flughafen von Ushuaia ist überschaubar. Er bietet eine Infrastruktur, der man ansieht, dass sie zu besseren Zeiten ein Drehkreuz für Reisende in die Antarktis ist. In den letzten 20 Monaten lag auch er im Dornröschenschlaf, wie das gesamte Land. Wir gehören zu den ersten Reisenden, die ihn wieder wachküssen dürfen.

Mit 30 Passagieren besetzen wir eine Maschine mit 130 Plätzen. In drei Stunden und fünf Minuten werden wir Buenos Aires erreichen. Ein letzter Boxenstopp vor der großen Heimreise.

Im Steigflug ein letzter Blick auf Ushuaia und den Hafen, in dem nun klein und fern die Hanseatic nature liegt, bereit für die Weiterfahrt in den Süden.

Argentiniens Hauptstadt empfängt uns mit Regen und schlechter Sicht. Den Weg in die Innenstadt legen wir in rekordverdächtiger Zeit zurück. Es ist Sonntag. Während einer Pandemie. Erst seit dem 1. November versucht das Land vorsichtige Schritte zurück in eine Art Normalität.

Unser Quartier für eine Nacht ist das Four Seasons Hotel in Recoleta, einem der mondänsten Wohn- und Geschäftsviertel von Buenos Aires. Die Unterkunft liegt in Sichtweite der Avenida 9 de Julio, eine der Hauptverkehrsadern der Stadt. Fast auf den Tag genau vor drei Jahren haben wir nur wenige Meter von hier entfernt in einem wundervollen Boutique-Hotel übernachtet. Wie schön wäre es, diese Erinnerungen gemeinsam mit der Roten teilen zu können. Einmal mehr wird sie sich mit meinen Erzählungen begnügen müssen.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Hotels, eingeklemmt zwischen etlichen Steakhäusern, suchen wir einen "Sushi-Club" auf. Das Restaurant ist groß, geschmackvoll eingerichtet und ziemlich menschenleer. Auch hier kommt alles erst langsam zurück. Wie überall wird mit Rabatten geworben, bei denen man sich fragt, wer damit wirtschaftlich überleben kann.

Kochmaus will witzig sein und bestellt einmal Corona. Sie hat ein Übersetzungsprogramm auf dem Handy entdeckt. Nun will sie "die Bestellung klarmachen“ und haut tüchtig auf die Sahne.

Wenig später stehen wir ohne Sushi vor den überteuerten Chips in der Minibar unseres Hotelzimmers. Da Kochmaus über keine Geldmittel mehr verfügt, muss sie heute hungrig ins Bett. Aber dafür hat sie ja ihre tolle Seekarte. Kurz darauf wechselt das Erinnerungsstück den Besitzer.

Für eine Tüte Erdnüsse und eine lauwarme Diät Cola.

Wohl bekomm´s Kochmaus! Hihihi!

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