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Und stündlich grüßt das Murmeltier

von (Kommentare: 7)

Heiligabend mit „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“

Um ein harmonisches Fest bemüht, zog der frischverliebte Graue sich beim ersten Weihnachten von Rot und Grau ein sauberes Hemd an, verpackte niedliche Mädchengeschenke und machte auf familientauglich. Man hatte ihm schon angekündigt: Vor der Bescherung stand IMMER „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ auf dem Fernsehprogramm, seit Jahrhunderten --- und der Graue hatte 1 ½ harte Stunden auf der Couch vor sich. Die Rote und ihre jugendliche Tochter hockten zwischen den Kissen, kauten Pfefferkuchen, Pralinen und anderes Giftzeug und riefen „aaahhh“ und „ooohhh“. Jede einzelne Szene wurde wortgetreu mitgesprochen, und zwar von beiden. Dazwischen hieß es nur „Guck mal, jetzt kommt das….“oder „Achtung! Jetzt kommt der Prinz!“ oder „Pass auf, was sie jetzt macht!“ Zum Schluss wurde geweint und geschluchzt, gelacht und gekichert, getanzt und gesungen – das ganze Programm. Der Graue saß fassungslos in der Ecke und checkte die Fluchtwege. Es gab keine. Es war Heiligabend….

Der schlimmste Moment: Als der Film endlich vorbei war, der Graue vor Erleichterung tief durchatmete und mit knurrendem Magen zur Küche schielte, schaltete die Rote einfach mit der Fernbedienung ein Programm weiter, und der Vorspann von „Drei Haselnüsse“ lief. Die zwei Frauen wischten sich die Tränen ab und riefen wie aus einem Munde: „Oooooch jaaaaaa, noooochmaaaal!“

Der Graue erlitt fast einen Ohnmachtsanfall und überlegte, ob man auch an Heiligabend Essen beim Bringdienst bestellen kann. Er hungerte. Im Fernseher sprach Aschenputtel mit einer stummen Eule und bewarf den Prinzen mit einem Schneeball, die Rote holte neue Taschentücher für sich und ihr Kind.

Als Aschenputtel die erste Haselnuss auf die Erde fallen ließ, freuten sich alle über das wunderschöne Jägerkostüm, nur der Graue biss leise in die Fernbedienung und knabberte an einem Tannenzweiglein vom Weihnachtsbaum. Der Vollidiot von Prinz merkte nicht mal, dass er ein Mädchen vor sich hatte, und Aschenputtel hatte plötzlich – im Jägerkostüm – auch viel kürzere Haare. Wie das denn? Merkt das keiner?! Der Graue stöhnte, und fragte sich, wer mit solchen schwachsinnigen Drehbüchern Geld verdient hatte. Früher war irgendwie mehr möglich, oder?

 

 

Inzwischen fiel die zweite Haselnuss und – puff!! – unter dem kleinen Atompilz lag ein – Achtung Überraschung – rosa Ballkleid. Der Graue fragte sich, ob er wohl mit einer winzigen Haselnuss wenigstens den Hungertod abwenden könnte. Allein – er hatte keine. Die Rote und ihr Kind schnäuzten sich in die Taschentücher, sprachen lustige Dialoge mit und schnieften, als der Prinz das Aschenputtel, welches sich um das Näschen herum mit einem taschentuchgroßen total durchsichtigen Schleier tarnte, wieder nicht erkannte. Was für ein Vollpfosten ist das denn??? Wem fällt denn sowas beklopptes ein, dachte der Graue. Die Weiber lagen sich in den Armen und sprachen das hirnrissige Rätsel mit, welches die rosa Prinzessin dem Idiotenprinz während des Tanzes stellte.

"Die Wangen sind mit Asche beschmutzt, aber der Schornsteinfeger ist es nicht.
Ein Hütchen mit Federn, die Armbrust über der Schulter, aber ein Jäger ist es nicht.
Ein silbergewirktes Kleid mit Schleppe zum Ball, aber eine Prinzessin ist es nicht, mein holder Herr.“

Als das Aschenputtel dann mit seinem unwinterlichen Prinzessinnen-Schuhwerk davonrannte Richtung Parkplatz, wo das Pferd (namens Nikolaus! Hilfe!) angebunden war, stolperte sie natürlich. War ja vollkommen klar. Der Schuh blieb auf der Treppe liegen. Der Graue lachte ein bisschen irre. Keine Frau, die er kannte, würde einen Schuh einfach so kampflos zurücklassen. Jedenfalls die Rote nicht, soviel war sicher!

 

 

Die Rote machte „…. psssscht….“ und meinte den Grauen, der auf die Lücken in der Logik des Films hinweisen wollte. Der Graue atmete leiser und durchsuchte seine Hosentaschen nach Krümeln oder einer Notfallmandel, die er sonst immer dabeihatte. Er fand ein Zwei-Euro-Stück. Ob die Pommes-Bude am Bahnhof um diese Zeit auf hatte?

Mutter und Kind hielten sich auf dem Sofa an den Händen. Das Aschenputtel wurde herbeigerufen, als der dämliche Prinz mit dem Schuh in Puppengröße auf dem Hof rumstolzierte wie ein Gockel im Glitzershirt. Seine Frisur, so der Graue, würde als Körperverletzung durchgehen. Innenrolle geföhnt. Um Gottes Willen, welcher Maskenbildner hat das denn verbrochen.
Und dann passte endlich der Schuh! Gott sei Dank!! Der Graue ließ sich vom Sofa gleiten, um in der Küche schon mal den Tisch zu decken. Kartoffelsalat – endlich!!!
„Halt!“ rief die Rote. „Der Abspann!“

Gehorsam nahm der Graue wieder Platz und ließ dabei die Fernbedienung in seiner Hosentasche verschwinden. Der bekloppte Prinz löste endlich das dämliche Rätsel, denn die Lösung stand natürlich im Hochzeitskleid vor seinen glubschigen Augen. Mann, ist der schwer von Begriff, mit dem wird sie nicht lange Freude haben.

Endlich! Sie reiten übers Schneefeld, hinter ihnen weht der rosa Schleier. La la la la la la la la la laaaa….. Finale …. Juhu….

Essen!!! Dachte der Graue und umklammerte die Fernbedienung in seiner Hosentasche. Die Rote und das Töchterlein seufzten lange und tief und guckten dem Abspann hinterher, leise mitsingend. Sie knüllten die Taschentücher zusammen und sagten einstimmig„…ach jaaaa, das war schön!“

Dann fiel der Blick der Roten auf die Fernsehzeitung. Sie guckte am Grauen vorbei auf ihr Kind und rief begeistert: „Schalt mal auf RBB, da fängt´s gerade von vorne an!“

 

Miterlebt, gehört, aufgezeichnet und die Richtigkeit der Angaben bestätigt von Kochmaus.

 

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Kommentare

Kommentar von Jule wählt grau |

Ha ha ha,

ich habe mich beim Lesen gut amüsiert. Nicht, weil ich die geschilderte Situation lustig fand, ganz im Gegenteil, ich habe den Ernst der Lage gleich erkannt. Mein Mitgefühl gehört dem Grauen. Ich hoffe, dass der Graue diesmal vorgesorgt hat, um dem drohenden Hungertod zu entgehen. Aber er kennt ja mittlerweile die Rote. Vielleicht gibt es in dieser heiligen Nacht einen Stromausfall. Who knows.
Ich war amüsiert, weil der Text einfach sehr gut geschrieben ist, die Kritik vom Grauen am Film sowas von berechtigt war. Meine Lieblingsstelle war: "Der Graue lachte ein bisschen irre. Keine Frau, die er kannte, würde einen Schuh einfach so kampflos zurücklassen." Herrlich!

Kommentar von Peter |

Liebe Jule,
angesichts des diesjährigen, noch bevorstehenden Haselnuss-Marathons, sind solche Solidaritätsbekundungen Balsam für meine Augen und Ohren.
Ich finde sowieso, dass es reicht, wenn Weihnachten nur alle 4 Jahre stattfindet. So wie die Olympischen Spiele. Haben ja beide schon etwas Entscheidendes gemeinsam: zu viel Verpackung für zu wenig Inhalt.
Der Graue

Kommentar von Conni |

Lieber, armer Peter,

herrlich, herrlich, herrlich!!! Ich konnte, obwohl ich eine Frau bin und auch wirklich gern Märchen anschaue, echt mit Dir mitfühlen. Ein Wunder, dass nach deinem ersten gemeinsamen Weihnachen mit meiner roten Freundin, doch irgendwann im realen leben die Frage der Fragen kam auf die Du nur eine Antwort hören wolltest: JA!
Und das war dann ganz ohne Föninnenrolle, fehlendem Schuh und rosa Schleier, ganz ohne böse Schwiegermutter, ohne Eule und Schnee. Die besten Geschichten schreibt doch immer noch das Leben und hungern musst du nun sicher auch nicht mehr, denn jetzt habt ihr eine gemeinsame Küche, in welcher Du dich bestens auskennst.
Danke für eure tollen Geschichten! Bleibt weiter kreativ und gesund.
Eure Conni

Kommentar von Problemcousine |

Peter, ob Du es glaubst oder nicht: Ich habe diesen Film noch nicht einmal im Leben sehen müssen. Kann also überhaupt nicht mitreden. Hoffentlich ist die Toleranz im Jahre 2020 so groß, dass Du nicht mehr zwangsweise mitschauen musst. Übrigens bin ich auch für vierjähriges Weihnachtsfeiern.

Kommentar von Das Kind |

Zum Glück kann dieses Jahr - selbst auf Distanz - nichts schief gehen. Schließlich haben sowohl das Kind, als auch die kleine rote Mutti mittlerweile jeweils ein Exemplar auf DVD. (Und eine Notfall-Kopie versteckt). Der Lockdown kann kommen!

Kommentar von Martina |

Lieber Peter, wird der Hunger zu groß- du weißt, wo du uns findest. Garantiert Aschenputtel und nach nachhaltiger Intervention meines Wissens auch Sissifrei

Kommentar von Problemcousine |

Habe meinen alten Kommentar nach dem Lesen des Status der Roten in diesem Jahr noch einmal überprüft. Stimmt immer noch. Bloß heute soll es zum "Ereignis" kommen. CeLei will DEN Film im Nachmittagsprogramm des MDR mit MIR ansehen. So viele Plätzchen können gar nicht gereicht werden, damit ich still bin. Teile der Roten ganz individuell meine Meinung per warzab mit. Hoffentlich bleibt sie mir wohlgesonnen. Grüße zum 3. Advent aus dem weißen ( kennt man so auch nur selten) MVP in die Hauptstadt.

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