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Trennung, Tränen, Teneriffa

von (Kommentare: 3)

Sag beim Abschied leise: bleib doch noch!

Die kurze, gemeinsame Kreuzfahrt kommt zum Ende. Alkohol ist keine Lösung, um unseren Trennungsschmerz zu betäuben. Jedenfalls nicht die kleine Flasche Champagner, die wir beim Einchecken in der Kabine vorgefunden und für besondere Momente aufgehoben haben. Dieser besondere Moment ist zugleich auch ein trauriger. Die Rote und der Graue gehen getrennte Wege - für die nächsten drei Wochen. Der gemeinsame Urlaub endet in Teneriffa. Nun folgt für beide das Abenteuer. Großstadt-Dschungel in Berlin mit Survival-Camp im Home Office für die Frau. Für den Mann eine Seefahrt, die in dieser Dimension ihresgleichen sucht: 18 Tage UNUNTERBROCHEN auf See! Kein Land. Kein Hafen. Kein Badestopp. Abfahrt Teneriffa. Ankunft Ushuaia - südlichstes Argentinien. Letzter Stopp vorm Südpol.

Die letzten, leisen und wichtigen Momente vor dem endgültigen Abschied werden wieder mal von bekannter Seite zunichte gemacht. „Lass mich nicht alleine mit dem Grauen!“ heult jemand. „Halt doch einfach mal die Klappe, Du Kochmaus!“, möchte man rufen, lässt es aber, weil die Rote sonst wieder Partei ergreifen muss für ein Geschöpf, dem sie mehr Zuwendung schenkt, als ihrem Ehemann.

Das ist jetzt wirklich nicht der Moment für verletzte Gefühle und Geschrei.

Der Bus rollt los und Tränen über gerötete Wangen.

Der Trennungsschmerz ist heftig - aber zum Glück dann doch nur kurz.

Merima und Leon

Hinter dem Ausgang zum Terminal warten zwei Menschen auf mich, die mir nicht zum ersten Mal über eine schwere Zeit hinweghelfen. Merima und Leon. Sie verbringen ihren Urlaub auf der Insel. Es ist ein schöner Zufall, dass wir uns nach langer Zeit ausgerechnet im Ausland wiedersehen und nicht zu Hause in Deutschland. Wir kennen uns seit 26 Jahren aus der Zeit, als mein Lebensmittelpunkt noch in Kassel war.

Dort lernten wir uns zunächst über die Arbeit kennen. Über die Zeit wurde aus unserer Beziehung eine dieser wenigen - und so kostbaren - Freundschaften, die fürs Leben gemacht sind. Mit den Beiden habe ich einige der besten Zeiten meines Lebens erlebt. Auf der anderen Seite standen sie mir in schwersten Stunden treu und fest zur Seite. Ich verdanke ihnen mehr, als sie selber wissen können. Die zwei haben ein so großes Herz, dass ich mich immer wieder wundere, wie das in einen normalen menschlichen Körper passt. Umso glücklicher bin ich, dass auch Simone die beiden auf Anhieb in ihr Herz geschlossen hat. Das war wie Liebe auf den ersten Blick. Leider beschränkt sich ihr Kontakt diesmal nur auf hektisches Zuwinken durch getönte Busfenster.

Dafür ist unsere persönliche Begrüßung umso stürmischer. Wir haben uns zu lange nicht gesehen. Die Zeit ist denkbar knapp, um sich gegenseitig auf den letzten Stand der Dinge zu bringen.

Wir verbringen einen untouristischen Tag. Im wenig einladenden Santa Cruz de Teneriffa schlendern wir durch diverse Kamera-Läden, gehen Essen und reden ununterbrochen. Die Uhr tickt gnadenlos. Und es gibt so viel zu erzählen. Einmal mehr höre ich mit offenem Mund zu, als Leon über seine neueste Leidenschaft spricht: ein eigenes Boot.

Dazu muss man wissen, dass mir bislang kein anderer Mensch begegnet ist, der ein vergleichbares technisches Interesse und handwerkliches Geschick hat, wie Leon. Ich erinnere mich an sein erstes Motorrad, das er sich vor vielen Jahren gekauft hat. Das erste was ich davon zu sehen bekam, war ein Foto mit einer unüberschaubaren Anzahl von Einzelteilen, die sauber und übersichtlich auf dem Boden ausgebreitet waren. Er hatte die Maschine bis auf die letzte kleine Schraube auseinandergenommen, um zu sehen und zu verstehen, wie das Ganze funktioniert.

Ja: er hat es alleine wieder zusammengesetzt. Und ja: es fuhr danach wieder (wahrscheinlich sogar besser als vorher). Nein: Leon hat kein Ingenieursstudium. Für mich ist er ein absolutes Genie und der lebende Beweis dafür, zu was praktische Intelligenz fähig ist. Ich gehe jede Wette ein: wenn man Leon mit einer leeren Konservendose vorne in einen Dschungel reinschickt, kommt er am anderen Ende auf einer Lokomotive wieder herausgefahren.

Nun also ein Boot. Merima hat es ihm geschenkt. Und damit dreieinhalb Jahre gemeinsame Freizeitbeschäftigung. So lange benötigten sie, um aus einem gebrauchten, sehr mitgenommen aussehenden Schwimmkörper ein Boot zu zaubern, das bereits auf den Fotos mehr hermacht, als ein Neubau direkt vom Hersteller.

Ach ja. Den Bootsführerschein hat er nebenbei natürlich längst gemacht.

Es gäbe noch so viel mehr zu erzählen, aber wie die Rolling Stones so treffend singen „Time waits for no one“ und irgendwann ist auch für uns Schluss. Der zweite Abschied an diesem Tag ist ebenfalls emotional, aber diesmal mehr von Freude bestimmt über das unerwartete Zusammentreffen und die Vorfreude auf ein Wiedersehen in Deutschland.

Leinen los

Zurück an Bord, herrscht eine ganz eigene Stimmung. Nichts von der altvertrauten, quirlig aufgeregten Vorfreude der Gäste, die vor jedem Ablegen in der Luft liegt.  Vielmehr eine konzentrierte Anspannung, wie man sie vor einem sportlichen Wettbewerb empfindet.

Seit dem Morgen liegt ein Tankschiff an der Backbordseite und pumpt ununterbrochen Kraftstoff in die Hanseatic. 5.800 Seemeilen - rund 10.000 Kilometer - ohne Tankstopp wollen gut vorbereitet sein.

Auf der Steuerbordseite liefern LKW den ganzen Tag lang palettenweise Versorgungsgüter an. Rund 200 Menschen, davon 40 Passagiere(!), sollen ab der zweiten Woche nicht auf hartem Schiffszwieback herumkauen müssen oder ab der dritten an Skorbut leiden.

Als das Schiff schließlich ablegt, macht sich in mir das bestimmte und erhebende Gefühl breit, an einem einmaligen Erlebnis teilzuhaben. Gern hätte ich das mit der kleinen Roten geteilt.

Nach den Abschieden von der geliebten Frau, von Merima und Leon, von Teneriffa und Europa, hat einer leider nicht geklappt, der von Kochmaus. Das ist bestimmt kein Zufall. Als bewährte Schnüfflerin, Petze und beste Freundin der Roten, ist sie bestimmt nicht aus reinem Vergnügen an Bord geblieben.

Nach der obligatorischen Sicherheitseinweisung und dem kontaktlosen Fiebermessen, ist sie plötzlich verschwunden. Erst auf dem Außendeck sehe ich sie wieder.

Die Lichter von Santa Cruz werden langsam aber sicher kleiner. Für lange Zeit sehen wir das letzte Stück Land.

Kochmaus steht an der Reling und singt. Als ich näherkomme, höre ich, was es ist. Nicht schön aber laut piepst sie vor sich hin. „Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord.“

Das ist wieder typisch. Keine Ahnung von nix, aber immer schön den Schnabel aufreißen.

„In den Kesseln das faulte das Wasser und täglich ging einer über Bord“, singe ich zurück.

Man soll die Hoffnung nie aufgeben

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Kommentare

Kommentar von Merima |

Bis jetzt hab ich noch nicht geweint bei Lesen einen Artikel. Heute ist passiert. Ein unbeschreibliches Gefühl vom Glück und echte Freundschaft. Es gibt's unbeschreiblich viele bekannte aber wenig Freunde. Freunden zu haben ist nicht einfach. Peter und Simone sind in unsere Herzen für immer und auf Ewigkeit

Kommentar von Leon Toncic |

Danke Peter, nein …Grauer, für die schönen Worte, die Du über mich geschrieben hast, und die Bewunderung über das, wer ich bin und was ich kann. Freundschaf ist nicht selbstverständlich, baut sich über Jahrzehnte auf, und nicht zuletzt die gegenseitige Bewunderung, die diese Freundschaft ausmacht. Man darf nicht vergessen, wer Du bist und was du kannst. Ich wiederhole deine Worte: “ Wenn man Peter vorne in den Dschungel rein lässt, ohne nichts, …ok, vielleicht mit einem Holz- oder Steinmeißel, dann kommt Peter am anderen Ende mit eine, in Holz oder Stein geritzte, Drehbuchreife Geschichte wieder raus“.
Ja: die Freundschaft hat mir neue Horizonte eröffnet, die ich ohne Peter nie gesehen hätte. Eine Welt die ich nicht kannte, voller Abenteuer, was ganz Neues. Ich war neugierig. Und Peter hat es mir ermöglicht diese Welt kennenzulernen. Ich hatte die Ehre da auch tatkräftig mitzumachen.
Inzwischen sind es mehr als ein Jahrzehnt her und ich kann mich noch lebhaft erinnern an viele Drehorte in Köln, Berlin und andere.
Im Köln sollte von einem Hochhaus ein Sprung mit Fallschirm für „Alarm für Kobra 11“ neue Folge, gedreht werden. Peter der Spezialist auf diesem Gebiet, hat es dem „Zeitsprung- RTL“ ermöglicht solche Aufnahmen zu machen. Meine Aufgabe war, für die Bösen im Film, Overalls zu Nähen. -Gesagt, getan-. Das alles konnte man dann auch im Film sehen.
Oder die Dreharbeiten im Norden Berlins mit Norman und seiner Crew. Jedes Mal überströmt mich die Gänsehaut, wenn ich an die Atemberaubende Stunts denke.
Ich habe viel vom Peter gelernt. Ich war immer gerne in seiner Nähe, leider nicht mehr so oft.
Auch wenn mal Jahre dazwischen liegen, bis man sich wieder sieht, halten Merima und Simone, ups…Rote, den Kontakt aufrecht, und das ist gut so. Schön, dass es Euch gibt.

Kommentar von Peter |

Liebe Merima, lieber Leon,
ich danke Euch von Herzen für alles!
Fühlt Euch umarmt.
Peter

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