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Tränen, Schweiß und andere Luxusprobleme

von (Kommentare: 2)

Am Flughafen Sal ist es mitten in der Nacht, als wir ankommen. Schon vor dem Gebäude bildet sich eine lange Schlange, denn die Einreiseformalitäten werden durch die Kontrolle der Impfzertifikate noch in die Länge gezogen. Durch die Fenster sehe ich das Gepäckband, das sich drinnen langsam zu drehen beginnt. Neue Hoffnung keimt in mir auf, Hoffnung auf ein Wunder. Können Koffer in 10 Minuten ausgeladen und ins nächste Flugzeug geworfen werden? Länger waren wir im Laufschritt zwischen den Flügen nicht unterwegs. Was soll´s. Im Hotel angekommen genießen wir den Luxus einer Dusche, bevor wir todmüde ins blütenweiße Bett fallen.

Am nächsten Morgen schlüpfen wir unwirsch in die gleichen Klamotten wie am Vortag. Der Geruch vom BER mischt sich mit unserem Sprint-Schweiß von Lissabon und dem warmen tropischen Nachtgeruch der Kapverden. In dem Moment, als ich mein zerknittertes schlechtriechendes T-Shirt anziehe, hadere ich auf hohem Niveau mit dem Schicksal. Viel später, im Laufe dieses Tages in einer anderen Welt wird mir klar und klarer, dass unser Kofferproblem kein wirkliches ist.

Wir verlassen nach einem fürstlichen Frühstück den tropischen Garten unseres 5-Sterne-Hotels und begeben uns „in die Stadt“. Immer geradeaus. Die Straßen sind karg, die Landschaft bis zum Horizont ohne jegliches Grün. Ein paar Häuser und noch mehr Bauruinen tauchen auf, und ein netter Junge namens Philip, lachend und uns überschwänglich grüßend. Natürlich hat er einen Cousin in Düsseldorf und ist Fan von Bayern München. Wir fragen nach dem Weg „ins Zentrum“. Es geht immer nur geradeaus. Philip will uns den Laden zeigen, in dem wir alles bekommen, was unser Herz begehrt. Die Geschichte mit den verlorenen Koffern quittiert er mit breitem Lachen. Wir landen in einem Shop, der riecht wie eine chinesische Nudelsuppe, wenn man den Deckel abzieht - und in dem der Graue in 5 Minuten eine kurze Hose, zwei T-Shirts von Lacoste, zwei Armani-Unterhosen und ein Basecap kauft. Das Basecap ist der Hammer und trägt unser neues Motto: „No Stress“.

Der Graue bezahlt mit der Kreditkarte, ohne die ortsansässige Währung zu kennen. Es ist ihm egal, er braucht eine kurze Hose. Draußen wartet Philip und trägt unsere Einkaufstüte bis zum Laden seiner Mutter, die absolut echte kapverdische Souvenirs verkauft. Handgemacht. Bemalt von seiner Schwester. Glücksbringer und Holzschnitzereien. Er bindet mir eine Perlenkette um das Handgelenk, die seine Cousine hergestellt hat. Er will kein Geld dafür, denn die kleine Kette kommt vom Herzen. Mein Blick bleibt an einer bunten Tasche hängen, und schon halte ich sie in den Händen. Eine Holzschildkröte kommt aus dem Regal. Und was soll ich sagen: Die hat Philip selbst geschnitzt. Und er legt sie umsonst zur Tasche dazu, damit sie uns Glück bringt. Wir kaufen die Tasche für einen unverschämten Preis, und ehe wir begreifen, welche Menge Scheine wir jetzt gerade hingeblättert haben, sind wir wieder auf dem Weg in unser Luxushotel. Wir ärgern uns darüber nicht und gönnen unserem neuen Freund Philip das Geschäft. Denn im Laufe des Tages werden wir Bilder von Armut und Trostlosigkeit zu sehen bekommen, die die Probleme der verlorenen Koffer wieder relativieren und unseren Ärger wegwehen wie der Wind aus der Sahara, der den Sand auf die Kapverdischen Inseln bläst

Im Hotel angekommen stehen massenhaft bunte Armeen von Koffern vor der Tür, die zum Transport aufs Schiff aufgestellt sind. Die Reiseleiterinnen von Hapag haben telefoniert, aber noch nichts gehört von unseren Koffern. Sie bleiben dran, versichern sie uns. Wir schwenken gutgelaunt unsere Einkauftüte aus dem China-Shop und steigen in den Bus, der uns zum touristischen Programm des Tages bringen wird. Wir besichtigen einen Kite-Surfing-Strand, an dem eine Gruppe Touristen um eine kleine Schildkröte herumsteht, die unter den strengen Augen von zwanzig Handys über den Sand in Richtung Meer paddelt. Naturschutz oder Touristen, denke ich betrübt, und schaue der Kleinen hinterher. Da siehst Du mal, wie gut es Kochmaus hat, sagt der Graue zu mir. Wir sollten sie auch mal ins Meer schubsen, damit sie endlich schwimmen lernt.

Wir fahren weiter zum Botanischen Garten, vorbei an einem Golfplatz, der ebenso umstritten ist wie der Kite-Strand an der Schildkrötenbrut-Stelle. Wo kommt das Wasser für die traumhaft grünen Rasenflächen her? Gerade hörten wir, dass nicht einmal alle Häuser einen Wasseranschluss haben und fließendes Wasser keine Selbstverständlichkeit ist.

Der ortsansässige Reiseleiter erzählt uns nun, dass hier eine italienische Lady ihren Lebenstraum verwirklicht hätte: Ein schöner Garten, gefüllt mit der kakteenreichen Vegetation der Kapverden, empfängt uns. Auf grünem Rasen erwartet uns eine gekühlte Erfrischung, die wir genießen, während unsere Klamotten langsam einen Geruch verströmen, der mich an die Umkleidekabinen in der Schulturnhalle erinnert. Der Graue plaudert auf dem Stehempfang mit einer hübschen jungen Dame, und es stellt sich heraus, dass sie die „italienische Lady“ ist, die wir uns als längst verstorbene ältere Gräfin vorgestellt hatten. Sie lacht laut und amüsiert sich köstlich über ihr angestaubtes Ebenbild.

Weiter geht’s zum Mittagessen in ein Strandlokal. Draußen auf dem Meer schaukeln die Fischerboote, wir bekommen in Vollendung zubereitet und vorgelegt, was sie aus den blauen Fluten mitbringen.

Eine alte Salzmine ist unser nächstes Ziel. Die Gewinnung und Förderung von Salz gaben der Insel SAL einst ihren Namen. Das Salz wurde aus einem riesigen Salzsee gewonnen, der Stück für Stück trockengelegt wurde und das kostbare Exportgut an Seilbahnen zum Hafen transportierte. Nun ist von den Förder- und Transportanlagen nichts mehr übrig als ein paar verwitterte Holzgerüste, die den Grauen als Fotomotiv und Hintergrund für eines seiner neuen Drehbücher beschäftigen.

Der kleine Touristenbus rumpelt über die staubigen Straßen weiter in Richtig Hauptstadt Espargos. Ein phantastischer Aussichtspunkt wird der Höhepunkt der Inselrundfahrt sein. Vom Berg aus können wir über das bunte Gewirr der kleinen Häuser bis zum Hafen schauen. Und da liegt sie: DAS Ziel unserer momentan größten kleinen bescheidenen Wünsche und Träume: Unser Schiffchen. Und – so die Glücksgöttin zaubern kann, die all unsere Reisen bisher begleitet hat – unsere Koffer.

 

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Kommentare

Kommentar von Problemcousine |

Es ist wie vor zwei Jahren. Die Reiseberichte sind unheimlich interessant, örtliche Spezifitäten werden benannt und kritisch auf das " Drumherum" geschaut. Unsere bisher weiteste Reise auf diese Inseln im Jahr 2007 war für uns beeindruckend. Anscheinend hat sich an der Armut, der Wasserversorgung mit speziellen Wasserwagen und dem Handel mit selbstgefertigten Souvenieren nichts geändert. Empfehlenswert ist Musik von Cesaria Evora - diese CD erinnert uns beim Hören an die dortigen Verhältnisse.

Kommentar von Martina |

Wunderbare Bilder, super Text, freu mich auf morgen

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