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Teneriffa - Ushuaia -Tag 4

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Gemessen in Zeiteinheiten ist jeder Tag gleich lang. Wir alle wissen aber, dass es Tage gibt, die wie im Flug vergehen und andere, die, zäh wie Gummi, kein Ende zu nehmen scheinen.

Einen Tag lang mal keinen Plan zu haben, ist kein Drama. Nichts tun. Seele baumeln lassen. Ausspannen. Absolut notwendig. Gerne auch zwei Tage oder ein paar Wochen. Für viele ist das gleichbedeutend mit Urlaub; die Zeit des Jahres, in denen Menschen sich auf ihre ureigene Art der Alltags- und Arbeitsroutine entziehen, um sich anschließend mit frischer Kraft wieder den Anstrengungen ihres Berufslebens zu stellen.

„Das könnte ewig so weitergehen“, ist in solchen Situationen häufig zu hören. Wobei das meist einem schönen Moment geschuldet und nicht ganz zu Ende gedacht ist.

Eine Frage, die man sich bei drei Wochen auf hoher See an Bord der Hanseatic durchaus stellen kann, lautet: Wie lange hält man es aus, „nichts“ zu tun.

Kein Kochen, kein Waschen, kein Putzen, kein Einkaufen, keine zwingenden Termine. Ist alles erledigt. Wird alles gemacht. Rund-um-sorglos-Vollversorgung. Da ist nichts, um das du Dich kümmern musst. Keine notwendigen Aufgaben, die Dich beschäftigen.

Unter solchen Voraussetzungen läuft man Gefahr, Sinn im Sinnlosen zu suchen und stößt dabei schnell an dünne und fließende Grenzen. Um der irgendwann eintretenden inneren Leere entgegenzutreten und mit Inhalt zu füllen, sind vorgebliche Lösungen schnell zur Hand: übermäßig essen, übermäßig trinken, übermäßig bräsig rumliegen. Wie gesagt, zwei oder drei Tage lang ist das alles okay. Bei drei Wochen können sich hier aber schon Muster manifestieren, die einen zum Leben an Land unfähig machen. Du gehst als normales, gesundes Mitglied der Gesellschaft aufs Schiff und kommst als asozialer und mentaler Pflegefall zurück.

Von Anfang an war klar, dass ich einen Plan brauchte, um an Bord des Schlaraffenlandschiffs nicht in einen Zustand zu mutieren, der nach Rückkehr die Rote dazu veranlasst, die Annahme zu verweigern.

Dabei kommen mir die Erfahrungen als langjähriger Schreiber zugute. Jeder ernsthafte Autor weiß nämlich über die Bedeutung von Strukturen. Dramaturgie, erzählerische Formen, Rahmen, Gliederungen – alles Hilfsmittel, ohne deren Berücksichtigung keine vernünftigen Geschichten entstehen können, sondern bestenfalls Gestammel.

Mit dem Leben verhält es sich ähnlich. Einen Zustand ohne jegliche Struktur bezeichnet man als Chaos. Dem permanenten Chaos aber folgt der Niedergang. Bei aller Sympathie für gepflegte Müßigkeit, das will keiner.

Es gilt also bei Zeiten einen Rhythmus zu etablieren. Eine Routine, an der sich ein zur Schwäche neigender Wille wie an einem Geländer festhalten und die steilen Treppen eines langen Tages hinaufbewegen kann.

Zum Glück bieten die Welt um das Schiff herum und auf der Hanseatic selbst, ihre eigenen, festgelegten Strukturen. So geht auch hier am Morgen die Sonne auf und abends wieder unter. In diesen groben Rahmen fügt sich das feinmaschigere Hilfsgerüst der Essenszeiten.

07.00 – 10.00 Kaffee und Gebäck für Frühaufsteher
07:30 – 10.00 Frühstück
10:00 - 12:30 kleines Frühstück für Spätaufsteher
11:00 – 11:30 Kaltschale
11:00 – 17:00 Softeis Kreationen
12:30 – 14:00 Mittagessen
15:00 – 17:00 frischgebackene Waffeln
16:00 – 17:00 Kaffee- und Teezeit mit süßen Verführungen
19:00 – 21:00 Abendessen

Damit lässt sich schon mal arbeiten. Denn zwischen dieses Skelett zur Gewährleistung existentieller Bedürfnisse, fügen sich die Angebote des täglich wechselnden Bord- Programmes: vom angeleiteten Turnen bis hin zu Expertenvorträgen über alles Mögliche.

 

Wer alles mitmachen möchte, gerät dabei schnell in einen Zustand, vor dem er eigentlich flüchten wollte. Die Herausforderung besteht also darin, alles Gegebene, ob Programm oder Buffet, als Angebot zu verstehen. Nicht als Zwang. Teilnahme oder Verzehr, alles ist freiwillig.

Zur Pflicht sollte man sich vielmehr erheben, was man schon immer mal machen wollte, und nie die Zeit dafür hatte. Für mich heißt das: lesen, schreiben, fotografieren, Leibesertüchtigung. Nicht unbedingt in der Reihenfolge, aber jeden Tag. Und alles etwas intensiver, als mir das zu Hause möglich ist.

Hilfreich ist dabei unter anderem auch die fehlende Ablenkung durch eine permanente Verbindung mit dem Rest der Welt über Massenmedien und das Internet. Wieviel blödsinnigen Mist man sich den ganzen Tag reinzieht, merkt man erst, wenn man dem entzogen ist. Keine im Minutentakt vorausgesagten Weltuntergänge, keine hohlen Politikerzitate in der Dauerschleife, keine Staumeldungen.

Wieviel Zeit man zu Hause mit Internet und Social Media verplempert, merkt man erst, wenn diese Ressourcen nicht mehr oder nur eingeschränkt verfügbar sind. An Bord ist 1 Stunde Internetverbindung am Tag kostenlos. Danach wird es teuer. Die Verbindung ist langsam. Du überlegst zweimal, ob du irgendwelchen Quatsch rausschickst oder stundenlang googelst, warum die Banane krumm ist. Zumal, ich habe ja Kochmaus dabei. Die erklärt mir schön die Welt. Gerne auch ungefragt.

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