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Teneriffa - Ushuaia -Tag 3

von (Kommentare: 2)

Ich bin Frühaufsteher. Nicht im Sinne von seniler Bettflucht. Bekennender und überzeugter Frühaufsteher, das bin ich. Seit Jahrzehnten.

Ich liebe die Ruhe, die vor Sonnenaufgang über allem liegt. Ob noch finstere Dunkelheit oder bereits die beginnende Dämmerung, wenn der Tag ganz langsam seine Tiefschlafphase verlässt, herrscht selbst in der großen Stadt so etwas wie Frieden. Die Welt atmet gleichmäßig und hat Ruhepuls. Alles ist möglich. Die Karten werden neu gemischt. Zu dieser frühen Stunde liegt es noch in meiner Hand, ob es ein Glückstag wird, oder zumindest doch ein guter Tag. Ich will, dass jeder Tag ein guter Tag ist. Und der beginnt, indem ich aufstehe, ohne dass ein Wecker mich dazu zwingt.

Bin ich eigentlich der Einzige, der sich daran erinnert, mit welcher Vorfreude man als Kind an Tagen wie Weihnachten oder dem eigenen Geburtstag ganz von allein wach wurde? Das ungeduldige Warten auf all die Überraschungen, die der Tag mit sich bringen würde. Mich hielt das kaum im Bett.

Für mich ist jeder Tag Weihnachten und Geburtstag zugleich. Das habe ich so beschlossen, lange bevor ich 60 wurde. Die beste Weise, mit den unangenehmen Gefühlen und Gedanken von Gestern fertig zu werden, ist die Erwartung und Neugierde auf die Möglichkeiten, die mir das Heute bietet.

Und dennoch gibt es auch für mich ein „zu früh“. Zu früh ist, wenn ich erwache und meine grauen Zellen keine Funkenblitze versprühen und keine Feuerwerke zünden. Zu früh ist, wenn die chemischen Substanzen in der Steuerungszentrale wie zähes Plasma durch die Hirnwindungen mäandern und versuchen, als erstes die Körperfunktionen zu koordinieren. Können die Augen noch sehen? Die Ohren noch hören? Wo bin ich? Und warum? Wo ist oben? Wo unten? Nach dem Aufstehen gilt es die Extremitäten so zu koordinieren, um nicht an jedem Möbelstück anzuschlagen und im Bad angekommen nicht auszusehen wie nach einer Kneipenschlägerei.

Für mich ist „normal“ früh so um 5 Uhr. Dann bin ich der Chef der Welt. Denn sie besteht nur aus mir. Das gilt für zu Hause ebenso wie auf Reisen. Ob allein oder im Team. Die Frau an meiner Seite hat sich längst daran gewöhnt, wenn ihr Gemahl in tiefster Nacht, ohne ein Licht anzuknipsen, unfallfrei das Bett verlässt und seinen Arbeitsplatz erreicht.

Draußen fangen um diese Uhrzeit die frühen Vögel ihre Würmer, während ich versuche meine Gedanken einzufangen und sie für mich und andere nachvollziehbar auf Papier oder im Computer festzuhalten. Es ist die Zeit, in der der Kopf seltsam frei und noch nicht zugemüllt ist von den notwendigen Belanglosigkeiten, die das normale Leben jedem von uns abfordert. Sobald der Rest der Welt das warme Bett verlässt, Hektik mit Produktivität verwechselt und die Massenmedien uns in Aufregung versetzen wollen, ist eh Schluss damit.

Am dritten Tag der Reise werde ich allerdings zu früh wach. An Bord ist es 3.00 Uhr. Noch vier Stunden bis am Pool-Deck der erste Tee aufgebrüht wird und mindestens noch zwei Stunden Zeit, bevor mein Denkapparat so richtig in die Gänge kommt.

Nach 10 Minuten gebe ich den vergeblichen Versuch auf, wieder einzuschlafen. Es gelingt nicht. Irgendwie wach und irgendwie auch nicht, schlurfe ich auf den Balkon. Von der Reling aus schaue ich in die Nacht. Der Himmel ist wolkenlos. Sterne punktieren silbern ein endlos tiefes Schwarz.

Ein warmer Wind, der von Afrika weht, streichelt mein Gesicht. Angesichts der seit Abermillionen Jahren wogenden Wellen unter und der noch älteren, endlosen Dunkelheit über mir, fühle ich mich wie ein Kind: klein und hilflos - und dennoch sicher und geborgen.

Ich breite die Auflagen der Liegestühle auf dem Boden aus, hole Kissen und Decke aus der Kabine - und lege mich raus auf den Balkon. Durch das Geländer sehe ich den Himmel und die Sterne, begleitet vom Wellen-Orchester einige Meter unter mir. So schlafe ich wieder ein. Als ich wach werde, ist es noch immer dunkel. In der Ferne sehe ich eine Lichterkette, die aussieht, wie eine Raumstation auf einem fernen Planeten irgendwo da draußen im All. Wie kann das sein?

Ich erinnere mich an die Ansage des Kapitäns: in der Nacht durchfahren wir die Inselgruppe der Kapverden.

Nicht weit von hier, vor wenigen Tagen, fuhr die Rote mit mir durch diese Gewässer. Sie ist inzwischen wieder in Berlin. Da wir uns beide noch immer auf derselben – nördlichen – Hälfte der Erde befinden, kann sie denselben Himmel sehen wie ich. Oder besser gesagt: sie könnte. Um diese Uhrzeit wird sie das ganz sicher nicht tun. Von der Lichtverschmutzung in der Millionenstadt mal abgesehen.

Dafür schiebt Kochmaus ihre Nase aus der Kabine und will wissen, was es da zu kucken gibt. „Kuck doch selbst“, empfehle ich ihr, wie immer freundlich und entgegenkommend.

Für mich ist die Nacht jetzt endgültig rum. Kochmaus kriecht ins Bett zurück. „Ich schlaf noch ein bisschen.“ Ganz wie zu Hause. Schon erstaunlich, was sie sich alles von der Roten abgeschaut hat. Oder ist es vielleicht umgekehrt?

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Kommentare

Kommentar von Die Rote |

Lass bloß nicht Kochmaus so am Geländer rumturnen. Sie sollte angeleint sein. Sie ist doch noch so klein!

Kommentar von Klaus |

"Um 5 Uhr früh bin ich der Chef der Welt" - was für ein toller Satz! Spricht mir voll und ganz aus dem Herzen!
Danach geh´ich dann ins Bett ...

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