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Teneriffa - Ushuaia -Tag 18

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Das Ende der Welt liegt vor uns. Wir fahren mit wehenden Fahnen darauf zu. Es ist kein tatsächlicher Abgrund, dennoch sehen viele der Gäste an diesem Morgen so aus als ob.

Wie durch ein Spalier - links Chile, rechts Argentinien - schiebt sich die Hanseatic gemächlich, aber unaufhaltsam durch den Beagle Kanal. Wir haben das offene Meer hinter uns gelassen und sind in diese natürliche Wasserstraße eingebogen. Sie führt durch den Süden Feuerlands und verbindet den Atlantik mit dem Pazifik. Etwa auf halbem Wege zwischen den beiden Weltmeeren liegt unser Ziel: Ushuaia. "Fin de la Mundo", das Ende der Welt, so definiert sich die südlich gelegenste Stadt der Welt selbst.

Das Szenario erinnert mich ein wenig an Queenstown auf der Südinsel Neuseelands. Der kilometerlange Lake Wakatipu schlängelt sich dort ebenfalls am Fuße von Bergen und Wäldern entlang. Schneebedeckte Berge und Wasser in Kombination gehen irgendwie immer. Und auch die Luft hat einen ähnlichen Geschmack: Hier spürt man bereits den kühlen Atem, den der Südpol verströmt.

Ein seltsam erhabenes Gefühl ergreift mich: wie das sanfte Aufwachen aus einem Traum. Nun ist zum Greifen nah und dennoch unbegreiflich, was in den letzten Wochen ziemlich weit weg und außer Sicht war: Festland. Südamerika. Patagonien. Feuerland. Werden sich Raumfahrer einst so fühlen? Wenn sie nach jahrelangen Reisen durch die Galaxien einen neuen Planeten ansteuern?

Die erste größere Ansiedlung, die wir passieren, ist Puerto Williams auf der chilenischen Seite. Der ursprüngliche Marinestützpunkt mit etwas mehr als 2.000 Einwohnern liegt noch weiter südlich und versucht seit geraumer Zeit, Ushuaia als "Ende der Welt" den Rang abzulaufen. Bald darauf kommt die Hauptstadt der argentinischen Provinz Tierra del Fuego (Feuerland) ins Bild. Noch bevor wir anlegen, hören wir Flugzeuge, Hubschrauber, Autos, Motorräder. Nichts davon haben wir vermisst. Willkommen zurück in der Zivilisation. Willkommen zurück im Lärm.

Fin de un largo viaje - Ende einer langen Reise.

Nach 18 Tagen ununterbrochen auf See berühren meine Füße wieder festen Boden. Das Ende der Fahrt und das "Ende der Welt" stehen gleichsam für einen neuen Anfang: Heimkehr.

Eine Nacht noch an Bord, einen Tag nur für Ushuaia. Die Zeit für ein intensives Kennenlernen ist zu kurz. Ein paar kurze Eindrücke müssen genügen. Immerhin, die Sonne gibt alles. Wie wir erfahren, tut sie das hier unten nicht sehr oft.

Für mich klang allein in dem Wort Ushuaia schon immer jede Menge Abenteuer mit. Ushuaia kommt aus der Sprache der Ureinwohner Yámana und bedeutet so viel wie „Bucht, die nach Osten blickt“. Das hört sich doch schon mal nach was an. Leider funktioniert auch hier, wie so oft, Romantik am besten aus der Ferne.

Ushuaia ist eine dieser typischen Grenzstädte, wie man sie auch in anderen abgelegenen Regionen findet. Irgendwie scheinen sie ihre Zukunft bereits hinter sich zu haben und trotzdem nie erwachsen zu werden. Wie ein Dauerpubertierender unterliegen sie einem ständigen, unkontrollierten Wachstum.

Wuchernd wie ein Geschwür liegt die Stadt in der Landschaft. Ushuaia hat keine Mitte und zerfasert in alle Richtungen, frisst sich Stück für Stück ins Land ringsum, ersetzt die zeitlos schöne Natur gegen hingebretterte Zweckarchitektur. Unübersehbar geht es nirgendwo um Schönheit und Ästhetik, sondern allein darum, dem Klima zu trotzen.

Wie an anderen entlegenen Orten waren auch hier Strafgefangene die ersten - unfreiwilligen - Siedler. In Ushuaia bauten sie zunächst ihr eigenes Gefängnis (heute Museum) und danach eine Schmalspurbahn, mit der noch immer Touristen durch den Nationalpark Tierra del Fuego fahren.

Niemand wird mehr nach Ushuaia verdonnert. Die Menschen kommen freiwillig, angezogen von den Abenteuern der angrenzenden Wildnis und niedrigen Steuersätzen. Die Hauptstadt von Feuerland zählt heute rund 80.000 Einwohner, Tendenz steigend.

Etwas abseits der Geschäfte und des Stadtkerns, am Wasser gelegen, findet sich eine gepflegte parkähnliche Anlage. Sie dient nur einem einzigen Zweck, dem Gedenken an ein nationales Trauma: die Malvinas. Die knapp 800 Kilometer vom südamerikanischen Festland entfernten Inseln sind uns besser als Falklands bekannt. Erst vor zwei Tagen haben wir sie durchfahren. Falkländer und Briten leben dort, keine Argentinier.

Ich sehe diese "Plaza Islas Malvinas" mit gemischten Gefühlen. Wenn sich Politik und emotionalisiertes Nationalgefühl die Hand reichen, unter gleichzeitiger Ausschaltung des Verstandes, kommt selten etwas Vernünftiges dabei heraus. 1982 kostete das rund 1.000 Menschen das Leben, 2.500 wurden verletzt, als Argentinien und Großbritannien einen drei Monate währenden Krieg um die Malvinas/Falklands im südlichen Atlantik ausfochten.

Die unzähligen Gedenktafeln, die auf der Plaza zu finden sind, dokumentieren eine fast 40 Jahre dauernde und noch immer anhaltende argentinische Trauerarbeit, die am Ende ganz offensichtlich aber nur einem Zweck dient: Die Besitzansprüche der Argentinier auf die Inselgruppe am Leben zu halten.

Eine riesige Nationalflagge Argentiniens weht über allem. Direkt in der Mitte, unterhalb des Emblems mit der Sonne, klafft ein großes Loch im Stoff. Ich bin irritiert über diese Achtlosigkeit an solch einem geweihten Ort. Etwas später entdecke ich auf einer von der argentinischen Luftwaffe gestifteten metallenen Plakette ein abgebildetes Fahnentuch - mit einem ähnlichen Loch. Hier erinnert es mich an eine klaffende Wunde. Ich kann nicht herausfinden, ob dies Zufall ist oder ob sich tatsächlich eine Symbolik dahinter verbirgt und wer sie ins Leben gerufen hat.

Unabhängig davon und abseits der malvinischen Plaza, betont Ushuaia an jeder Ecke sein Selbstverständnis als Hauptstadt der Malvinas. Ich frage mich nur, ob einer der hier ansässigen Argentinier jemals auf den Inseln war und was sich für ihn ändern würde, wenn sie eines Tages tatsächlich ein offizieller Teil seines Heimatlandes wären. Wahrscheinlich nichts.

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