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Teneriffa - Ushuaia -Tag 14

von (Kommentare: 4)

Es kommt schlimmer als erwartet.

Dass es schlimmer wurde, teilt uns der Kapitän nach einer schlaflosen Nacht am Morgen mit und erzählt uns damit eigentlich nichts Neues mehr. Die Windstärke und die Wellenhöhen waren höher, als vor der Nachtruhe vorhergesagt. Eigentlich sollten es maximal 8 Windstärken werden mit 4-6 Meter hohen Wellen. Tatsächlich wurde es Windstärke 8-10 und die See türmte sich zu 6-8 Meter hohen Wellen auf.
Zur Orientierung: es gibt die sogenannte Beaufortskala, ein gängiges System zur Beschreibung der Windstärke. Die Skala reicht von 0 (Windstille) bis 12 (Orkan). 10 wird als „schwerer Sturm“ beschrieben und klingt für mich doch ein bisschen verniedlichend. Wenngleich einige der erfahrenen und sturmerprobten Mitreisenden souverän aber mit leicht großkotzigem Unterton zur vorangegangenen Nacht kommentieren: „Da ist noch Luft nach oben“.

Mag sein. Aber nach unten auch. Und das ist für den Reisekomfort wesentlich entspannter als ein Dauerritt durchs Wellengebirge. Das Problem ist dabei nicht Übelkeit oder Seekrankheit, sondern eine ziemliche Belastung für den ganzen Körper, der sich nach 12 Stunden anfühlt wie nach zwei Marathons und gleichzeitiger Teilnahme an einem Schachturnier. Der Schädel brummt wie ein Bienenstock. An Schlaf war nicht mal zu denken.

Zurück in die Sturmnacht: Das Schiff bewegt sich wie ein aus dem Gleichgewicht geratendes Riesenrad, das sich nicht entscheiden kann, zu welcher Seite es umfallen will. Untermalt wird das Ganze mit Geräuschen wie in einem Zombie-Film. Als würde draußen vor der Tür und an der äußeren Bordwand ein Heer von Untoten mit riesigen Hämmern auf Metall einschlagen.

Vielleicht wäre jetzt der richtige Zeitpunkt für die letzte Flasche Champagner aus der Minibar. Zum letzten Mal anstoßen mit Kochmaus. Auf der Titanic spielte das Bordorchester ja auch bis zum Schluss. Da die kleine Reisebegleiterin es plötzlich kleinlaut vorzieht, sich mit ihrer Schwimmweste zu beschäftigen und die Wege zum Rettungsboot studiert, beschließe ich, dass jetzt die Zeit für einen vom Clooney Schorsch empfohlenen Kapselkaffee ist.

Und der schmeckt nicht mal schlecht. Der zweite auch nicht. Und nach dem dritten bin ich schließlich hellwach wie nach 12 Stunden Dauerschlaf. Bereit zu Handeln. Was könnte das sein, nachts um 3 Uhr im Schleudergang? Auf dem Balkon liegen und Sterne kucken fällt aus wegen: siehe oben.

Gegen die sonstige Gewohnheit, habe ich vorsichtshalber die Balkontür zugelassen. Der Blick nach draußen in die Nacht erinnert stark an den Blick in das Innere einer Waschmaschine. Einer kaputten Waschmaschine.

Ich schnappe mir die Kamera und trete hinaus ins Freie. Augenblicklich sind die nackten Kniegelenke schockgefrostet und salzige Gischt sprüht den Rest von mir ein wie eine Sprinkler-Anlage.

Mit überraschender Geschicklichkeit für einen über 60-Jährigen balanciere ich fast freihändig auf dem Balkon und versuche mich dem völlig unberechenbaren Rhythmus des Schiffes anzupassen, ohne dabei in die Reling zu krachen. Hula-Hoop ist nichts dagegen.

Was dann folgt, hat mit Fotografieren rein gar nichts zu tun. Noch nicht mal mit knipsen. Eine Hand sucht Halt. Die andere hält die Kamera fest und rührt damit rum wie mit einem Kochlöffel im Suppentopf. Die Autofokuseinstellung ist deaktiviert. Bei den Lichtverhältnissen funktioniert sie sowieso nicht. In dem Bruchteil einer Nanosekunde, in der der Körper an einem Punkt verharrt, bevor er von der einen zur anderen Seite zurückgeschleudert wird, drücke ich auf den Auslöser.

Die Überraschung über die Ergebnisse gründen auf einer Erwartungshaltung von weniger als Nichts. Beim Betrachten der Aufnahmen kommt mir zwar nicht das Wort Fotografie in den Sinn, aber ich habe das Gefühl, als würde ich mein Innenleben dieser Nacht nun als Bild vor mir sehen. Quasi Selbsttherapie.

Irgendwann graut es nicht mehr nur den Passagieren, sondern auch der Morgen. Beim Frühstück sind wieder alle versammelt. Keiner hat richtig geschlafen. Alle sind gut gelaunt und haben Kohldampf. Wenn ich recht überlege, hätte so etwas Potential für McKinsey und Konsorten, die das als Incentive-Veranstaltung irgendwelchen Firmen für unverschämtes Geld unterjubeln könnten: Teambildende Maßnahmen bei Windstärke 12. Die sollten sich aber beeilen, sonst kommt ihnen Kochmaus mit dieser Geschäftsidee noch zuvor.

Bis zum Nachmittag rumpeln wir weiter nach Süden. Es wird wieder so ruhig, dass der verpasste Schlaf nachgeholt werden kann. Morgen ist ein neuer Tag und was gestern war, wird dann fast schon wieder vergessen sein.

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Kommentare

Kommentar von Merima |

Eine unvergessliche Erlebniss und schön beschreiben und vermittelt. Hätte ich persönlich etwas Angst gehabt...

Kommentar von Peter |

Liebe Merima, ich kann kaum glauben, dass Du vor irgendetwas Angst hast. Ich bin aber sicher, dass Leon Dir ganz tapfer die Hand halten würde.

Kommentar von Dieter Buhrau |

O la la . . . bei den Erlebnissen Pjotr hast Du ja guten Stoff für ein neues Buch. Hut ab, so etwas bräuchte ich nicht unbedingt. Hätte viele Fragen zu bestimmten Situationen, vielleicht kriegen wir es ja hin uns zu treffen, zumal SA für uns im Januar sicherlich auszuschließen ist.
Lasst es Euch gut gehen

Kommentar von Martina |

Super Fotos, aber gut, dass du´s gut überstanden hast

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