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Weißer Sand am schwarzen Fluss

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Normalerweise ist die Welt an Bord eines Schiffes morgens um 5 noch in Ordnung. Alle ziehen sich in ihren Kabinen dann noch einmal die Decke über den Kopf. Bis auf zwei oder drei Passagiere, die sich irgendwo an Deck verlieren. Einer davon bin ohne Ausnahme immer ich. Verschlafen kann ich schließlich zu Hause. Hier erlebe ich die Dämmerung an der Reling, genieße den Sonnenaufgang, die Ruhe vor dem Mitreisenden-Sturm. Es ist im mehrfachen Sinne des Wortes die beste Zeit, um wach zu werden.

Das ist heute anders. Viel zu viele Menschen taumeln zur Unzeit übers Deck. Ungekämmt, in Bademantel und Schlappen nach Orientierung und einem ersten Kaffee suchend. Die Fake-Frühaufsteher sind keinem Alarm aufgesessen und haben nicht deswegen fluchtartig die Kabinen verlassen. Es ist vielmehr die Angst, auf dieser außergewöhnlichen Reise etwas Außergewöhnliches zu verpassen.

Irgendwo zwischen den Menschenmassen findet sich auch die kleine Rote, ordentlich frisiert, vollständig bekleidet, wie immer nett anzuschauen und fröhlich lachend. Nur in ihrem Gesicht steht die wortlos gestellte Frage: „Was zum Teufel suche ich in Allerherrgottsfrühe hier an Deck zwischen all den vielen Leuten?“ Die Antwort für sie wie für alle anderen lautet: „Wasser“.

Wir steuern die Millionenstadt Manaus an. Die ist zwar die Hauptstadt des Bundesstaates Amazonas, sie liegt aber nicht am Amazonas-Fluss. Vielmehr erstreckt sie sich entlang des Rio Negro. Der kommt von Norden her und vereint sich erst hinter Manaus mit dem Amazonas. Da, wo die beiden Ströme Kontakt aufnehmen, kommt es zu einem Phänomen, das man „Meeting of the Waters“ nennt.

Bevor die beiden Flüsse im weiteren Verlauf zum Amazonas verschmelzen, laufen sie eine Weile getrennt nebeneinander her. Das lehmige Gelb des Amazonas und das rötliche Schwarz des Rio Negro - jedes für sich. Ihre unterschiedlichen Wassertemperaturen und PH-Werte machen es möglich. Während in der Dämmerung aus der Entfernung die Lichter der Stadt mit uns kokettieren, starren auf der Hanseatic alle Augen nur aufs Wasser, um das Naturschauspiel zu bestaunen.

Auch anschließend lassen wir Manaus rechts liegen. Wir fahren vorbei an der Skyline, den Hafenanlagen, einem beschädigten Kreuzfahrtterminal, der Kuppel des berühmten Opernhauses und der ersten Brauerei der Stadt, gegründet – wen wundert es – von einem Deutschen. All das und noch viel mehr werden wir in den nächsten Tagen noch erkunden, wenn wir in Manaus halt machen. Erstmal fahren wir weiter, unterqueren auf dem Weg nach Norden die einzige Brücke im Amazonasgebiet, die Ponto Rio Negro. Der Fluss ist hier nur 2,7 km breit. Die Brücke 3,6 km lang. Damit ist sie die längste über Wasser führende Brücke Brasiliens. 2011 wurde sie eingeweiht.

100 Kilometer folgen wir dem Schwarzen Fluss weiter nach Norden bis ins Anavilhanas- Archipel, eines der weltweit größten Flussinsel-Archipele.

Wir steigen um in die Zodiacs und verschwinden in einem Seitenarm des Rio Negro. Einige Abschnitte erinnern uns an den Spreewald. Die Ruinen einer ehemaligen Hotelanlage lassen aber keinen Zweifel daran, mit welcher Urgewalt sich hier die Natur der menschlichen Inbesitznahme widersetzt.

Außerdem erblicken wir Lebewesen, die sich bislang erfolgreich vor uns verborgen haben und größer sind als alle anderen, von uns bisher gesehenen. Quasi Großwild. Am Ende erlegen die Augen und Objektive der Gummiboot-Ausflügler drei Faultiere und ein paar Kapuzieneräffchen. Mit prall gefüllten Speichermedien und Bildern im Kopf kommen wir zurück an Bord.

Danach geht es noch weiter nach Norden. Für die letzten Stunden des Tages ist Strand angesagt. Feiner weißer Sand im Kontrast zum dunkeln Wasser des Rio Negro laden ein zu einem gepflegten Badespaß.

Die Rote sitzt mit Trillerpfeife und Bademeister-Armbinde im Zodiac, noch bevor ihr Gatte seine Badehose angezogen hat. Der Aufenthalt am kilometerlangen Strand hat etwas Surreales. Das rötlich schwarze Wasser sieht nur auf den ersten Blick unappetitlich aus. Bei 28 Grad will man nämlich nicht mehr raus, wenn man erst einmal drin ist.

Das scheint auch die Crew der Hanseatic zu wissen. Sie holen die sich langsam im Wasser auflösenden Gäste wieder an Land, in dem sie mit dem Lockmittel Nummer 1 antichambrieren: Eiscreme. Statt mit einem Wägelchen nähern sie sich hinterhältig mit einem Gelato-Zodiac dem Ufer. Das selbstgemachte Erdbeereis mit Schuss holt auch den letzten Widerständigen aus dem Wasser. Unsere Sympathie für die Crew steigt angesichts ihrer Kreativität auf ein neues Allzeithoch.


Selbst der Familienvorstand gibt den Versuch auf, Freundschaft mit einem Flussdelphin zu schließen. Aber morgen ist ja auch noch ein Tag.

 

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