Tag 6: Achterwehr - Kiel
von Peter Schäfer (Kommentare: 0)
2 Grad. Sonne.
Ein letztes Mal zwängen wir unsere strapazierten Füße in die Schuhe. Martins Blase an der Hacke hat sich inzwischen richtig mopsig gemacht, ist deutlich größer geworden und in die Tiefe gegangen. Für ihn heißt es, auf den letzten 17 Kilometern Zähne zusammenbeißen und den zunehmenden Schmerz in der untersten Etage wegzuatmen. Mehr bleibt leider nicht, wenn wir das Vorhaben nicht abbrechen wollen. Aus längst vergangener eigener Erfahrung weiß ich genau, was das heißt und wie es sich anfühlt: Glasscherben, die durch die Haut auf dem Knochen reiben. Ununterbrochen.
Wir lassen es langsam angehen. Nach zweieinhalb Kilometern erreichen wir den Kanal und setzen bei Landwehr über. Zurück auf die nördliche Seite. Nun geht es ohne Unterbrechung geradewegs bis zur Kieler Förde. Die Stimmung ist gut. Hinter der nächsten und damit letzten großen Brücke sollte das Ziel schon fast in Sicht sein. Sollte. Doch so weit kommen wir erstmal nicht. Auch die Überführung der Bundesstraße 76, die Levensauer Hochbrücke, wird saniert. Déjà vu. Die Uferwege sind abgesperrt wie Fort Knox. Unser Wutgeheul verweht ungehört in der dünn besiedelten Agrarlandschaft.
Der Umweg kostet zusätzliche anderthalb Stunden. Als wir den Kanal endlich wieder erreichen, wäre von der Entfernung her unser Tagespensum erfüllt gewesen und wir würden Ausschau nach Eisspezialitäten halten. Eigentlich. Aber bei dieser Wanderung ist es wie im sonstigen Leben auch: der Wunsch, etwas haben zu wollen, ein Ziel zu erreichen, reicht allein nicht aus. Man muss aus eigener Kraft aus dem Knick kommen, um irgendwo anzukommen. Nicht einmal. Immer wieder. Das gilt im tatsächlichen wie im übertragenen Sinne. Denn immer wieder legt einem jemand Steine in den Weg oder baufällige Straßenbrücken. Wir würden auf diese praktische philosophische Erkenntnis im Augenblick allerdings allzu gerne verzichten. Noch immer liegen vier Kilometer vor uns. Wenn nicht wieder was dazwischenkommt.
Martin verstummt nun völlig. Kein Fluch kommt über seine Lippen. Kein Jammern. Auch ich halte die Klappe. Gutes Zureden oder Aufmunterungen waren noch nie ein wirksames Schmerzmittel. Die ausgedehnte Sprechpause wird irgendwann von Martin unterbrochen. „Die Schleuse!“ Erleichterung in der Stimme. Zwischen Sehen und Ankommen liegen dann aber auch nochmal über 1000 Meter. Und von den Schleusen ist es noch ein weiterer Kilometer bis zum offiziellen Ende unserer Wanderschaft.
Schließlich erreichen wir den Ortsrand. Ich fühle mich sofort wie zu Hause. Baustellen. Verkehr. Staub. Leute. Von einer Sekunde zur anderen ist die besinnliche Stille der letzten Tage auch nur noch eine Erinnerung. Sechs Tage lang war der Nord-Ostsee-Kanal unser blauer Faden. Er gab uns Richtung und Bestimmung. Dramatisches haben wir nicht erlebt. Keine unvergesslichen Erlebnisse oder Begegnungen. Wir haben ein bisschen mehr über uns selbst gelernt bzw. über das, was wir uns noch zumuten können. Das ist weit von dem entfernt, was mal möglich war. Aber hey, für zwei alte weiße Männer gar nicht schlecht. 183.355 Schritte. 140 Kilometer. Sechs Tage. Von den über 98 Kilometern Kanal-Länge sind wir rund 90 immer direkt am Ufer entlang marschiert.
Eine weitere Erkenntnis drängt sich in den Vordergrund: schöner als jede Vorfreude ist die Gewissheit, ein Ziel erreicht zu haben. Egal, wieviel Kraft es einen am Ende gekostet haben mag. Die größte Hürde, an der man ständig selbst scheitert: vom Sofa hochkommen und den ersten Schritt machen.
Für den Weg in die Innenstadt, zum acht Kilometer entfernten Hotel, nehmen wir den Bus. Deutschlandticket.
Kommentare
Einen Kommentar schreiben