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Seemausgarn und andere Verstrickungen

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Ahoi, Ihr Seejungfrauen, Leichtmatrosen und Landratten,

heute sind wir an einer Insel angekommen, da sieht´s aus wie auf dem Mond. Fuerteventura. Auf deutsch übersetzt heißt das Fortvondortda. Überall sieht es aus wie in der Wüste Gobi. „Nicht überall“, meinte die Rote. Sie wollte irgendwo hin, wo sich angeblich was Grünes aus der Erde quält.

Nachdem wir ewig über Stock und Stein und Berg und Tal gerumpelt sind, hielt der Bus mitten in der Pampa an. Da war weit und breit nichts. Außer so ein paar stachelige, grau-grüne Blätter. Die sahen aus wie eine Kolonie strafversetzter Ananas. So junge Früchtchen, die sich weigern, was Anständiges zu werden. Schön in Reih und Glied. Mitten in der prallen Sonne.

Der Graue maulte gleich los „Deswegen die Rumgurkerei? Wegen Kaktus?“ Da war er bei der Roten aber grad richtig. Die hat noch im Bus Nachsitzen befohlen und ihrem beschränkten Anhängsel erklärt, was Sache ist.

Irgendwann vor langer Zeit - es war in Mexiko - hat ein armes Bauernehepaar rausgefunden, was in diesem hässlichen Entlein unter den Pflanzen so alles drinsteckt. Reiner Zufall. Freitags ist Bauer Alois nämlich immer los zur „Besprechung“ in der Kooperative. Wenn er dann mitten in der Nacht endlich zu Hause durch die Tür fiel, fühlte er sich stets wie ein Fass Tequila im falschen Körper. Bäuerin Vera aber fühlte sich wie in einer falschen Ehe.

Wie oft hatte sie ihrem angetrauten Nichtsnutz schon gesagt „Mach mal das stachelige Unkraut vor der Hütte weg. Das beleidigt mein Auge“. Und Alois immer nur „mañana“. Das heißt soviel wie „Du mich auch“.

Und an einem Abend war Vera so weit, da hat sie ihrem Alois mal selber „mañana“ gegeben. Aber ziemlich pronto. Vorher hat sie das größte Blatt, dass sie in dem Unkraut finden konnte, abgeschnitten. Das sah aus wie ein grünes Schwert. Mit Stacheln. Das hat sie in tiefer Nacht ihrem feinen Herrn Ehemann und Promille-König ordentlich übergebraten. Aber nicht nur einmal. Jedenfalls sah Alois danach aus, als wäre er vom Moped gefallen. Schotterpiste. Tempo 80.

Aber jetzt kommt´s: am nächsten Morgen – nichts! Alois wie neu. Nicht wie ein Baby, sondern neu wie vor der erzieherischen Maßnahme von Vera. Alois konnte sich an nichts mehr erinnern. Für ihn war alles wie immer: Möderkater und Kreislauf.

Vera fragte sich natürlich, wie das sein konnte. Sie hatte doch so lange auf den Trunkenbold eingewemst, bis das ganze Blatt nur noch ein Brei war. Der hatte sich über Alois blaue Flecken und die vielen kleinen Schnittwunden verteilt. Und da wurde Vera klar: was sich unter der harten Schale verbarg, war die reine Medizin. Um sicher zu gehen, zerquetschte sie schnell ein anderes Blatt und befahl Alois „Nimm das! Ist gut gegen Kopfschmerzen.“ Alois gehorchte und war platt. „Das gibt´s ja nicht. Der Kater ist weg. Was mach ich jetzt nur mit dem Rest des Tages?“

Ausnahmsweise war das Vera diesmal ziemlich egal. Sie dachte nur: Vergiss Mais. Vergiss Bohnen. Diese stachelige Säbelblattpflanze ist mein Lotteriegewinn. Ich werde sie Vera nennen, denn ich habe ihre Heilkraft entdeckt.

Da hatte sie die Rechnung allerdings ohne ihren Mann gemacht. Schließlich war sie nur mit ihm als Versuchskaninchen darauf gekommen. Da Alois aber ein blöder Name für ein Wundermittel ist, einigten sie sich auf einen Doppelnamen: Alois Vera. Und so ist es bis heute.

 

„Dieses Wunder der Natur ist KEIN Kaktus!“ schloss die Rote ihre Nachhilfe. Der Graue nickte zustimmend. In Gedanken war er allerdings bei Alois, dem unbekannten Bauern, dem er sich plötzlich so verbunden fühlte.

Vor lauter Belehrung hatte die Rote glatt den Anschluss an die anderen verpasst und kam als Letzte aus dem Bus. „Lassen sie mich durch! Ich bin Doktor in Kosmetik!“, rempelte sie sich aber zügig an allen anderen vorbei nach vorne.

Dort erzählte ein Urururenkel von Alois und Vera stundenlang über das, was die Rote längst wusste: dass man Saft aus den Pflanzen herstellt, den man trinken kann und Creme, mit der man sich einreibt. Es hilft gegen Migräne oder Sonnenbrand und gegen Falten.

Nur gegen Kaufrausch ist es wirkungslos.

Am Ende räumte die Rote die Regale leer und der Graue musste sich erstmal hinlegen, als er die Rechnung sah. Black Out. Er kam wieder zu sich, als ihm die Rote die Stirn einrieb – mit Tigerbalsam.

Bis bald. Mast und Schotbruch wünscht Euch

Eure Meerjungmaus.

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