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Seelsuche

von (Kommentare: 2)

Um das Wesen eines Ortes zu begreifen, reicht es nicht, allein die in Stein errichteten Hinterlassenschaften der Urahnen zu bestaunen. Die Seele einer Gemeinschaft ruht vor allem auf ihren „weichen“ Bestandteilen: Sprache, Küche, Musik - zum Beispiel. Die kann man nicht betrachten wie eine Gebäudefassade. Die muss man erfahren. Erleben. Erschmecken. Mit offenen Ohren, Augen und Nasen.

So fädeln wir uns an Tag drei ein in den Flow der Stadt. Ohne einen festen Plan. Wir wollen Lissabon auf uns wirken lassen. Ganz intuitiv wählen wir den Weg des geringsten Widerstandes. Bergab. Folgerichtig führt uns das erneut zum Wasser. Statt rechts biegen wir heute am Ufer des Tejo nach links ab.

Wir folgen den Weg bis zum neuen Kreuzfahrtterminal. Der wurde 2017 eröffnet und rückte deutlich näher an die Stadt heran als der vorherige.

Pro Jahr legen 300 Kreuzfahrtschiffe am Fuße von Alfama an, dem ältesten Stadtviertel Lissabons. Wie aus stählernen Vulkanen ergießt sich eine Lava aus abertausenden Touristen unaufhaltsam in die Stadt hinein. Sie bringen gleichsam Zerstörung wie auch neues Leben. Alfama blüht auf. Zumindest was Restaurants angeht, deren Angestellte den Besuchern mit kulinarischen Fragwürdigkeiten auf abwaschbaren Speisekarten in sieben Sprachen zuwinken.

Zur Zeit der Mauren bildete Alfama den Stadtkern Lissabons. Damals wie heute erstreckt es sich in klaustrophobischer Weise durch lichtarme Gässchen auf einen Hügel hinauf. Irgendwann begannen die reichen Leute, Alfama zu verlassen. Zurück blieben vornehmlich Fischer und ärmere Menschen. Später erwuchs hier das Rotlichtviertel Lissabons.

Während des großen Erdbebens 1755 erlitt Alfama im Gegensatz zur Innenstadt kaum Schäden, sodass das enge Labyrinth von Straßen und Gassen bis in die Gegenwart erhalten geblieben ist. Dass die apokalyptische Naturkatastrophe im katholischen Portugal ausgerechnet das Sündenbabel Lissabons unbeschädigt davonkommen ließ, birgt nicht nur eine gewisse Ironie. Für mich liegt darin vielmehr eine tiefere Wahrheit.

Alles in allem bietet Alfama eine malerische Atmosphäre mit Fado-Lokalen und kleinen Restaurants in schluchtenartigen Seitengassen. Wobei die systematisch verteilten Verkaufsläden für den unvermeidlichen touristischen Klimbim in der Hand einer Großfamilie zu sein scheint. Die Betreiber stammen aus Bangladesch. Ihr Warenangebot von der Postkarte bis zum T-Shirt und den kalten Getränken in großen gläsernen Kühlschränken ist deckungsgleich.

Früher oder später landet jeder Lissabon-Besucher hier. Egal, ob er vom Hafen herkommt oder den Berg hinunter von einer der weiter oben liegenden historischen Straßenbahnstationen der berühmten Linien 12E und 28E.

Lissabon klingt und riecht wie jede andere Großstadt Europas. Zumindest was die Klangkulisse betrifft, hat der Chronist aber andere Erinnerungen. Als er 1999 zum ersten Mal in Lissabon war, ertönten bereits am frühen Morgen aus zahlreichen Ladengeschäften die sentimentalen Melodien des Fado, der traditionellen portugiesischen Musik.

Tagsüber ist heute davon nicht mal in Alfama was zu hören. Trotz der hohen Dichte an Fado-Häusern (Casas de Fado) und sogar eines Fado-Museums. Dabei ist der Fado ein Alleinstellungsmerkmal für Portugal und erst recht für Lissabon. Er hat dort seinen Ursprung in den Armenvierteln der Stadt. Die Menschen drückten damit ihre Melancholie, ihre Sehnsucht und ihren Schmerz aus. Mit emotionalen Texten lässt sich der Fado vor allem über Liebe, Verlust, Sehnsucht und das harte Leben aus. In der Regel werden eine Sängerin (Fadista) oder ein Sänger von Gitarren begleitet, insbesondere der portugiesischen Gitarre.

Da inzwischen kein Fado mehr über die Stadt hinweg zu uns weht, müssen wir zum Fado hin. Wir besuchen am Abend die Vorführung eines Anbieters, der uns in einer einstündigen Darbietung die Historie und die Musik des Fado näherbringt. Wir werden gut unterhalten und genießen die anrührenden Vorträge der Musiker.


Da selbst an Wochentagen im November die Stadt fest in der Hand von Besuchermassen ist, wollen wir den letzten Tag etwas abseits verbringen. Deswegen fahren wir nach Bethlehem oder Belém, wie der Portugiese dazu sagt. Weg von einem, fahren wir ahnungslos mitten rein in den nächsten, noch größeren Trubel. Die Busparkplätze sind voll. Besuchergruppen aller Nationalitäten mäandern durchs Gelände. Es ist Mitte November. Wo kommen die alle her? Was wollen die hier? Was muss hier erst im Sommer los sein?

Auch Belém kam 1755 beim großen Erdbeben mit einem blauen Auge davon und wurde kaum in Mitleidenschaft gezogen. So finden sich hier viele bekannte Sehenswürdigkeiten der portugiesischen Hauptstadt, vor allem aus der Zeit vor dem Beben. Dazu gehören das Hieronymus-Kloster „Mosteiro dos Jerónimos“ und der Turm von Belém. Beide sind Weltkulturerbe.

Überall, wo wir rein wollen, bilden sich Menschenschlangen vor Kassen und Toren, als gäbe es Freibier. Da nützt es auch nichts, dass die Rote unwirsch mit den Füßen stampft und will, dass alle verschwinden. Außer uns natürlich.

Wenigstens kostet es nichts, sich neben dem Denkmal für die portugiesischen Seefahrer und Entdecker aufzustellen, das seit 1960 am Ufer des Tejo an die großen Zeiten der Seefahrernation Portugal erinnert. Auch hier verzichten wir darauf, Lebenszeit mit warten zu verbringen, um aus 56 Metern Höhe die Gegend zu bestaunen.

Wenige Meter entfernt davon geht es sehr allerdings sehr ruhig zu. Nur ein paar Menschen haben ein Interesse daran, das „Monumento aos Combatentes do Ultramar“ zu sehen. Das Kriegerdenkmal wurde 1994 errichtet und spaltet nach wie vor die Befindlichkeiten in Sachen Nationalgefühl. Das Mahnmal erinnert an die toten portugiesischen Soldaten der Kolonialkriege, die hier verharmlosend als „Überseekriege“(ultramar) kaschiert werden. Noch bis 1974 hielt die portugiesische Regierung an der Idee fest, andere Länder auch weiterhin ausbeuten zu können. Erst die Nelkenrevolution im April 1974 machte dem faschistischen Spuk ein Ende. Doch wie überall gibt es auch in Portugal Idioten, die weiterhin den längst vergangenen Träumen von Kolonialismus und Großmannssucht anhängen. Selbst Diktator Salazar erfreut sich heute noch einer erstaunlichen Wertschätzung von großen Teilen der Bevölkerung.


Belém bietet außer architektonischen Schwergewichten auch wesentlich leichter zu verdauende Einblicke in die portugiesische Seele. Sie werden jeden Tag zu Tausenden neu hergestellt: Pastel de Nata, das kulinarische Heiligtum Portugals. Das Gebäck aus knusprigem Blätterteig und cremiger Füllung soll im Hieronymus-Kloster seinen Ursprung und von dort den Siegeszug übers ganze Land angetreten haben. Die ortsansässige Konditorei Pastéis de Belém stellt sie als einzige auch heute noch nach dem Originalrezept her.

Das begehrteste Kulturgut des Landes ist klein, süß und handgemacht. Und wird am besten jeden Tag frisch und warm verzehrt. Auch wir haben die kleinen Dinger zum Fressen gern. Täglich schicken wir mit ihnen kleine Grüße an die Hüften.

Überhaupt ist das kulinarische Angebot Lissabons eine der größeren Überraschungen. Was wir in portugiesischen Gaststätten serviert bekommen, ist meistens schlicht in Bezug auf die verwendeten Zutaten und in der Zubereitung rustikal. Im besten Sinne Hausmannskost. Natürlich spielen Fisch und Meeresfrüchte in der Stadt am Wasser eine große Rolle. Frisch und vielseitig. Auf den Genuss einer weiteren kulinarischen Ikone verzichten wir allerdings: Sardinen. Sardinen aus der Dose. Auch im Restaurant. Makrele, Aal und Thunfisch können auf die gleiche Weise bestellt werden.

Die typischen portugiesischen Fischkonserven sind weltweit bekannt und werden selbst in Sterne-Restaurants als Delikatesse serviert. Die Dosen selbst sind bereits ein Hingucker. Die gestalteten Verpackungen sind kleine Kunstwerke und erinnern an die Etiketten teurer Weinflaschen. So schön, dass man sich nicht traut, sie zu öffnen.

An jedem Tag kehren wir woanders ein, wählen zufällig und spontan aus, solange portugiesische Küche angeboten wird. Italienische Pizza, mexikanische Tortillas oder Kaffee von Starbucks und Co - von denen es in der Stadt überall wimmelt - haben keine Chance. Das bekommen wir auch in Berlin an jeder Ecke.

Wir umkurven sogar den Mercado da Ribeira, den Time Out Market. Hier wird zwar auch portugiesische Küche in einer großen Vielfalt und guten Qualität angeboten, allerdings hat das Ambiente etwas von Bahnhofshalle. Und der Lärm auch. Wir mögen es lieber kleiner und kuscheliger. Und dafür muss man nicht lange suchen.

Ein großer Teil von Lissabons Seele liegt in den Straßen der Stadt, die eine unerschöpfliche Quelle sind für Feinschmecker und Gerne-Esser. Nach vier Tagen haben wir nicht einmal schlecht gespeist. Allein das qualifiziert Lissabon für uns „zur Wiedervorlage“.

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Kommentare

Kommentar von Maxi |

TOLLE FOTOS MAL WIEDER!!!

Kommentar von Peter |

Danke liebe Maxi, Lissabon ist ein Eldorado für Fotografen.

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