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Sechs zum Preis von drei

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Sechs zum Preis von drei

Eigentlich hatte ich schon längst zu Hause sein wollen. Es war kalt, die Straße voller Menschen, die Geschäfte überfüllt. Ich hastete in Richtung U-Bahn, die Einkaufstüten wurden immer schwerer.

In einem Schaufenster sah ich plötzlich einen überdimensionalen Schuh, knallrot, mit Weihnachtsmuster und weißem Plüsch an den Rändern. Ich blieb wie angewurzelt stehen und musste lächeln. Der Schuh würde super ins Wohnzimmer passen, wenn man eine Glasplatte drauflegt, als Couchtisch. Ich stellte mir das Gesicht meines Mannes vor, und überlegte eine Sekunde, wie ich das Monstrum nach Hause bekommen könnte, wenn ich….

Durch die Schaufensterscheibe sah ich die junge Verkäuferin, unsere Blicke trafen sich. Die superschlanke bildhübsche Blondine hatte langes Haar, und trug auf dem Kopf einen kleinen Haarreifen aus grünem federleichtem Plüsch, an dem zwei winzige glitzernde Tannenbäume befestigt waren, die bei jeder Bewegung ihres Kopfes hin und her wippten. Zu süß….
Meine Blicke wanderten zurück zu dem großen roten Schuh – und wieder zurück zu den wippenden grünen Tannenbäumen auf dem Haar von Rapunzel. Da war ja noch die Weihnachtsfeier im Büro in zwei Tagen. Stand nicht was von weihnachtlicher Kleidung in der Einladung?

Ich betrat den Laden.

Neben der Tür befand sich ein großer Ständer, und unzählige grüne Tannenbäume nickten mir zu. Ich nahm einen, setzte ihn mir auf den Kopf und drehte mich zum Spiegel um. Sah witzig aus. Würde die Kollegen zum Lachen bringen. Kann nicht schaden. Der Preis war unerheblich, es war ja nur zum Spaß. Auf dem Weg zur Kasse stand ein weiterer Ständer - mit lustigen Ohrringen. Kleine Miniatur-Weihnachtskugeln als Ohrringe!! Farblich passend in rot und in grün, mit Glitzer! Passend zum Haarreifen und den Weihnachtsbäumen. Lächerlich, aber irgendwie niedlich. Ich nahm die Ohrringe zum Haarreifen und legte sie auf den Ladentisch neben die Kasse. Erstmal nur hinlegen.

Rapunzel kam näher und lächelte verschwörerisch.

„Haben Sie schon gesehen?! Heute gibt’s sechs zum Preis von drei!“ Sie zog ihre hübschen Augenbrauen hoch und riss die Augen auf: „Wenn Sie also noch ein WAS aussuchen, können Sie sich DREI WAS umsonst mitnehmen!“ Sie flüsterte, und die Bäume auf ihrem Kopf wippten bestätigend.

Ich hob den Blick von meinen beiden Kleinigkeiten, ließ meine Geldbörse sinken und drehte mich zu den anderen Ständern um. Brauchte ich noch EIN WAS? Weihnachtsketten, Weihnachtsarmbänder, Weihnachtsohrringe, Weihnachtsanstecker, Weihnachtsringe, Weihnachtshaarspangen, Weihnachtshalstücher….

Blondschopf nahm ein Paar Weihnachtsohrringe in Form von kleinen Tannenbäumen aus dem Regal. „Gucken Sie mal! Sind die nicht allerliebst?“, zwitscherte sie und hielt sich die Dinger an die Ohren. Wirklich allerallerallerliebst. Ich nahm sie ihr aus der Hand und legte sie zu den anderen zwei Sachen auf den Ladentisch. Bambi ballte die Fäuste: „Superentscheidung! Jetzt können Sie sich drei WAS aussuchen, was Sie VOLLKOMMEN UMSONST bekommen! Irre, oder?!“
In der Tat: Leicht irre schaute ich mich um. Drei weitere Sachen auswählen?

Meine Augenlider flatterten, ich begann zu schwitzen. Die Hitzewelle schob sich über das Dekolleté nach oben, meine Wangen glühten. Ich nahm einen Weihnachtsfächer mit goldigen Rentieren und kleinen flimmernden Engelchen auf silbernem Grund aus dem Regal und begann hektisch zu fächern. „Gute Wahl!“, flötete Blondi, „nun weiter!“

„Wie wäre es mit diesen goldigen Weihnachtshandschuhen?“ Sie legte mir ein paar rotglitzernde lange Handschuhe über den Arm, von denen sie mir einen gleich über die Hand zog. Er passte perfekt zu meinem Mantel. Und zu der lange Lichterkette aus roten, grünen und silbernen Kügelchen, die die blondgelockte Dame mir um den Hals hing, weil ich mich nicht wehren konnte.

„Jetzt passen Sie mal auf!“, flüsterte sie, und drückte auf den Kettenverschluss. Die Lichter begannen zu blinken. Schweißperlen bildeten sich auf meiner Stirn und glitzerten wie Tautropfen in weihnachtlichen Farben, rot, grün, blink, blink….

Blink-blink-Blondi wackelte mit ihren Tannenbäumen und reichte mir meinen Haarreifen vom Tresen. Mit dem noch unbehandschuhten Finger schob ich mir die Wackeltannen auf den Kopf. Rapunzel fächelte mir mit meinem Weihnachtsfächer Luft zu und schob mich in Richtung Kasse. Sie tippte zack-zack meine sechs WAS in die Kasse, nannte mir den Betrag, den ich als eine Art Glockenläuten hörte, weil ich so damit beschäftigt war, die kleinen Tannenbäume an meinen Ohren zu befestigen. Ich bezahlte, nahm lässig den langen Glitzerhandschuh, der noch übrig war, und warf ihn mir über die Schulter. Mit einem letzten Blick auf den großen roten Riesenschuh, den ich eigentlich immer noch ganz gut fand, stolzierte ich auf den Ausgang zu.

Goldblondi flötete: „Frohe Weihnachten!“ und riss mir die Ladentür auf. Im Spiegelbild der Tür sah ich eine Frau mit langen roten Glitzerhandschuhen, überdimensionalen Weihnachtstannen auf dem Kopf und einer blinkenden Kette um den Hals, die total tolle kleine Weihnachtskugeln in den Ohren trug und mit einem Weihnachtsfächer um sich fuchtelte. Wie sieht die denn aus, dachte ich.

Sechs zum Preis von drei, las ich im Gehen an der Tür.

So ein Blödsinn… Wer braucht denn sowas.

 

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Kommentare

Kommentar von Sehr schoen... Mami |

Sehr schoen

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