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Saure-Gurken-Zeit

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In den letzten zwei Jahren hat sich unser Urlaubs- und Erholungsradius deutlich verkleinert. Wir haben schöne Tage an der Ostsee verbracht, kleine Ausflüge ins Brandenburgische gemacht und die Gärten und Parks in Berlin besucht. Nun stand uns der Sinn nach einer Neuentdeckung: Wir fuhren für ein paar Tage in den Spreewald. Und fragten uns am Ende erstaunt: Wieso sagt uns das keiner, wie schön das hier ist?

Lübbenau, eine gute Autostunde von Berlin entfernt, empfing uns mit einer gemütlichen Ferienwohnung und einem kleinen Stromausfall im Ort, während wir die Hauptstraße entlangwanderten. Das war schon der Aufreger des Tages. Viel mehr passierte nicht.
Es war Sonntag. Wir schlenderten an Restaurants und Gurkenständen vorbei zum Hafen, die Leute saßen in der Sonne, radelten gemütlich vor sich hin oder gingen spazieren. Der Graue stieß einen erleichterten Seufzer aus, als irgendeine Leuchtreklame wieder anging: Der Strom funktionierte wieder. Das Abendessen war gesichert, und es würde mehr geben als trockene Cracker und eine saure Gurke.

Es war September im Spreewald. Abends wurde es schon ein bisschen kühl, und die Tage waren nicht mehr so lang wie in den letzten Wochen. Auf dem Wasser und an Land waren nur noch wenige Touristen unterwegs. Genau, wie wir es mögen.

Wir spazierten von Lübbenau nach Lehde, einem kleinen beschaulichen Insel-Dorf, welches komplett unter Denkmalschutz steht. Hier, inmitten von kleinen Holzhäusern, fühlt man sich wie in eine andere Zeit versetzt. Wir verbrachten einen ganzen Nachmittag im Freilandmuseum und bekamen in den original eingerichteten Stuben einen Eindruck, wie man im 19. und frühen 20. Jahrhundert in den verschiedenen Regionen des Spreewaldes zusammen gelebt, gewohnt und gearbeitet hat.

Es war ausgesprochen beeindruckend zu sehen, mit welchen einfachen Dingen die Menschen früher ihr Leben meisten mussten. Wäsche wurde im Zuber gewaschen und mit den Händen über Waschbretter geschrubbelt. Gemüsegärten und kleine Getreidefelder wurden mit der Hand bearbeitet und sorgfältig gepflegt und geerntet. Die Lebensmittel wurden verarbeitet und verkauft, und im Sommer wurden die Vorräte für den Winter angelegt. Alles wurde mit Kähnen transportiert, die früher aus Holz gebaut wurden. Die einzige Straße führte seinerzeit übers Wasser. Wir sind zutiefst beeindruckt, während auf dem Rückweg (auf den inzwischen angelegten Straßen und Wegen) einige Radfahrer mit ihren E-Bikes an uns vorbeisausen.

Am nächsten Tag geht unsere Zeitreise weiter: Wir besuchen die Slawenburg in Raddusch. Diese - zwar nachgebaute, aber dennoch sehr beachtliche - Burganlage ist eine von vielen in der Niederlausitz gefundenen ringförmigen Wallanlagen. Die Burgen waren im 9. und 10. Jahrhundert durch den slawischen Stamm der Lusitzi gebaut worden und dienten als Fluchtburgen für die in der Nähe lebende Bevölkerung, die sich meist vor den Toren der Burgen ansiedelte. Auch hier gibt es ein kleines, aber sehr gut sortiertes Museum, in dem man sehr viel über das Leben während der Besiedlung des Spreewaldes erfahren kann. So kann man im Hof einen Blick in den Querschnitt des 10 m breiten Walls werfen. Lange Eichenbalken wurden abwechselnd in Längs- und Querrichtung übereinandergelegt und die Zwischenräume mit Erde und Steinen verfüllt. So entstand eine Mauer, die unbezwingbar war, wenn die bösen Sachsen mal wieder auf Eroberungen aus waren.

Apropos Eroberung: Von Freunden war uns der Riesenwindbeutel im Restaurant „Zum grünen Strand der Spree“ in Lübbenau empfohlen worden. Um ihn zu schaffen, hatte ich schon den ganzen Tag nichts gegessen. Der Graue lachte wissend, als ich mich ans Werk machte. Hilfsbereit stand er mir mit seinem Löffel zur Seite, als ich nach der Hälfte eigentlich schon nicht mehr konnte. Aber das Ding war wirklich köstlich – die Empfehlung kann ich weitergeben!

Natürlich und selbstverständlich verließen wir den Spreewald nicht ohne Kahnfahrt. Wir absolvierten die erste in der Abenddämmerung, in die unser Kahn romantisch hineinglitt. Ein leiser Regen hatte sich auf den Spreewald gelegt. Der Fährmann plauderte unter seinem aufgespannten Regenschirm, und die Gäste saßen unter der Plane und lauschten seinen unaufdringlichen Erklärungen und den Regentropfen, die leise aufs Dach und ins Wasser platschten. Wir saßen und schauten. Es war wunderbar und sehr romantisch. Zumindest bis zu dem Moment, als ein paar Damen vor uns, die sich bis dahin noch nicht kannten, über ihre jeweiligen Hunde ins Gespräch kamen. Ein kleines Exemplar saß zwischen ihnen und gab keinen Mucks von sich. Trotzdem: Von da an war die Ruhe vorbei. Die vier Frauchen plapperten über eine Stunde ununterbrochen – und sorgten dafür, dass wir jetzt alles, aber auch alles wissen über das Thema Nummer 1: Ihre Hunde, deren Eigenheiten, Nahrungs-Allergien, Körpermaße, Entwicklungsstadien, Rassenzusammensetzungen, Namensfindungen, Lieblingsplätze, Bell-Gewohnheiten, bevorzugte Kleidungsstile (echt? Rosa mag er? Ja!), bevorzugte Schlafgewohnheiten (alle im Bett bei Frauchen natürlich, die dann gerne zur Seite rückt), Stammbaum, Herkunft, erlebte Reisen, durchgemachte Krankheiten (detailliert), putzige kleine Geschichten und Erlebnisse, Besonderheiten im Speziellen und Allgemeinen – und natürlich immer und immer wieder ihre absolute und unübertreffbare und hochgradige Klugheit, Tollpatschigkeit, Treue und Niedlichkeit.

In einigen sehr seltenen stillen Sekunden konnte ich den schweren Atem des Grauen hören. Hundi vor mir auf der Bank drehte sich um und guckte mich mit seinen putzigen braunen Augen an. Er sagte keinen Pieps, bellte nicht ein einziges Mal und guckte friedfertig nach rechts und links. Er roch ein bisschen streng. Aber er war still. Im Gegensatz zu seinem Frauchen. Die küsste ihn und gurrte verliebt in seine kleinen Öhrchen. Konnte man wildfremde Menschen bitten, die sich nicht mal laut unterhielten, einfach die Klappe zu halten und die wunderschöne eigentlich stille Stunde ringsum zu genießen? Müssen die vier Plapperfrauchen ausgerechnet neben uns sitzen, die wir doch sehr, sehr dringend erholungs- und ruhebedürftig sind? Über diese Fragen dachten wir stumm nach, und versuchten, das Gesabbel auszublenden und den mystischen verzauberten Spreewald zu genießen, über den sich langsam die Dämmerung senkt.

Wir wiederholten die Kahnfahrt am nächsten Tag, bei Sonnenschein am Nachmittag. Diesmal hatten wir Gelegenheit, uns angemessen zu verabschieden von unserer kleinen Entdeckung, kaum eine Autostunde von unserem Zuhause entfernt: Der Spreewald hat sich mit Ruhe und Beschaulichkeit, mit vielen wunderschönen Plätzen und einer ganz besonderen Natur auf Anhieb in unsere stadtmüden Herzen geschlichen.

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