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Ruhe vor dem Sturm

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Um 15:00 Uhr Ortszeit wird am 11.Juni das Eröffnungsspiel der WM angepfiffen. Und keiner schaut hin. Es sind weder mexikanische noch südafrikanische Fans auszumachen und die Einheimischen sind offensichtlich nicht interessiert.

Die meisten Gastronomen fangen erst jetzt an, Bildflächen zu montieren oder anzutesten. Sie gehen offensichtlich davon aus, dass sie in den nächsten Wochen ihr Bier nur verkaufen können, wenn sie eine Mattscheibe zur Verfügung stellen. Kostenlos versteht sich. Noch sind die Kneipen spärlich besetzt, vor allem mit Ausländern, Besuchern, Touristen. Während die Spiele der eigenen Mannschaft auf verschieden öffentlichen Plätzen gezeigt werden, bieten die Kneipen und Hotels darüber hinaus die Möglichkeit auch alle anderen Partien zu verfolgen.

Solange irgendwo ein Ball rollt, wird anderswo Bier gezapft. Keiner verlässt sich leichtsinnigerweise auf die euphorisierende Wirkung einer Fußballpartie. Da bieten Promille eine ganz andere Sicherheit.

Es scheint kein Zufall zu sein, dass wir Daniel und Daniel ausgerechnet in einer Eckkneipe in Willemstad begegnen. Beide stammen aus Berlin. Eines ihrer speziellen Hobbies zu Hause ist, alle Eckkneipen Berlins zu besuchen und zu testen. Auf Curaçao scheinen sie intuitiv damit weiterzumachen. Im „Op is Op“ sind sie zunächst die einzigen Gäste, die dabei zusehen, wie die Mexikaner die Südafrikaner wegputzen, die erst am Ende begreifen, dass es bei dem Spiel darauf ankommt, mehr Tore als der Gegner zu schießen und nicht, mehr Rote Karten zu kassieren.

Die beiden Daniels waren noch nie auf Curaçao und sind angereist, um hier die Partie Deutschland gegen Curaçao zu verfolgen. Ein weiteres Hobby, das sie seit 2010 betreiben: das erste Spiel der Deutschen in einem großen Turnier im Heimatland des Gegners zu verfolgen. Sie tragen die gelben Auswärtstrikots des Teams Curaçao. Wir erfahren, dass das Team auf den letzten Drücker Adidas als Trikotsponsor für sich gewinnen konnte. Am 14. Juni werden sie in deutschen Farben im Publikum stehen. Angst vor Ausschreitungen haben sie nicht. Da ist noch nie etwas passiert, versichern sie. Wie die Mehrheit der Welt, sehen auch sie Deutschland als Favorit und glauben an einen Sieg.

Seit dem 18. November 2025 surfen die Insulaner auf einer blauen Welle, die das äussere Erscheinungsbild Curaçaos im Kleinen wie im Großen bestimmt. Nun macht sich das Gefühl breit, es sei langsam genug. Auch Vorfreude kann anstrengend sein. Es wird Zeit für die Auflösung. Oder besser noch für eine Erlösung.

Während Curaçao - bei aller Begeisterung - noch kurz vorm Anpfiff dem ersten WM-Spiele der Geschichte mit karibischer Gelassenheit entgegensieht, scheint den Deutschen langsam die Muffe zu gehen. Alles andere als ein - deutlicher - Sieg wäre nicht akzeptabel, wenn man die offiziellen und privaten Stimmungsbarometer betrachtet. Doch gerade eben erst hat sich Brasilien von Marokko ein Tritt in den Allerwertesten eingefangen. Und in der Berliner Zeitung orakelt Schaf Tina ein 1:1 unentschieden herbei. Zum Glück hat das Nachrichtenportal NTV bereits begonnen, das argumentative Spielfeld zu beackern, für den Fall einer deutschen Blamage: nur ein Spieler für Curaçao sei auf der Insel geboren worden. Fun Fact: unter den 48 teilnehmenden Teams sind nur acht dabei, die vollständig aus Spielern gebildet werden, die in dem Land geboren sind, für das sie antreten. Deutschland gehört übrigens nicht dazu. Aber natürlich ist es immer besser auch einer - statistisch unwahrscheinlichen - Peinlichkeit vorzubeugen, als im Nachhinein nach Erklärungen zu suchen. Ist immer blöd, gegen jemanden anzutreten, der gar nicht verlieren kann und damit auch noch kokettiert.

Auf der großen Pontonbrücke über den Schottegat kommen uns zwei Männer entgegen, einer schwer beladen mit einer Kamera. Sie suchen nach Deutschen, die während des Spiels am 14. Juni auf der Insel sind. Die beiden sind für den TV-Sender RTL Niederlande unterwegs. Die Fragen erfolgen auf englisch, unsere Antworten bitte auf Deutsch. Rot und Grau können flott und witzig glänzen. Die zwei rasenden Reporter wollen gar nicht mehr aufhören. Vielleicht sieht man sich während des Spiels noch einmal.

Zurück in der Unterkunft segelt eine email herein mit der Kopie eines ganzseitigen Artikels in der Thüringer Allgemeine: Die Stimmung auf der Insel vier Tage vor dem historischen Spiel für Curaçao. Autor und Fotograf: der Graue. Große Freude und auch ein bisschen Stolz über diese Veröffentlichung.


Der letzte Tag vor dem historischen Spiel für Curacao und dem nicht wiederholbaren Umstand zum ersten Mal bei einer Weltmeisterschaft dabei zu sein, neigt sich dem Ende entgegen. Kein Anzeichen von Aufregung macht sich breit. Es werden weitere Riesenbildschirme aufgebaut und Public Viewings vorbereitet, als wäre noch wochenlang Zeit.

Mehr Ruhe vor dem legendären Sturm geht irgendwie nicht.

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