Noch nicht ausgewandert
von Peter Schäfer (Kommentare: 0)
Auf meiner persönlichen Liste der Fortbewegungsarten - irgendwo zwischen Laufen, Spazierengehen, Joggen und Marschieren – fehlte noch das Wandern. Ich beschreibe es als unnötige - und damit freiwillige - Fortbewegung zu Fuß, mit Gepäck, von einem Ausgangs- zu einem entfernten Endpunkt, mehrtägig und mit zwischenzeitlichen Übernachtungen. All das, um Körper und Geist zu erbauen. Jahrelang hatte ich verschiedene Wanderprojekte in Gedanken vor mir hergetragen und dennoch nie verwirklicht. Doch es sprach nichts dagegen, selbst im fortgeschrittenen Alter noch damit zu beginnen. Zumal ich auf eine langjährige Vergangenheit als Soldat zurückblicke. Fortbewegungsmittel Nummer eins waren die eigenen Füße. Die Aussicht auf einen prallen Rucksack und Entfernungen von über 20 Kilometern lösten keine unguten Gefühle in mir aus. Oft, sehr oft, sind wir damals mit schwerem Gepäck durch deutsche Lande marschiert. Bei Wind und Wetter. Tag und Nacht. Sommer wie Winter. Wie gesagt, damals. Sehr damals. Auch wenn’s einem selbst so vorkommt, als wäre es erst gestern gewesen.
Den nunmehr 40 Jahre alten Erinnerungen folgte meine erste Irritation in einem Globetrotter-Kaufhaus(!). Ein Ort, der so gar nichts anbietet, was ich für ein normales Leben benötige. Nun war ich auf der Suche nach einem Rucksack und Wanderschuhen. Wünsche, die in ihrer Schlichtheit geradezu lächerlich erschienen, angesichts der kathedralenartigen, mehrstöckigen Verkaufsräume. Bekleidung war dabei nur eine Facette im undurchdringlichen Angebot von Outdoor-Zubehör. Von der Trinkflasche, über Wanderstock bis hin zu Schlafsack und Iso-Matte drängte sich der Verdacht auf, der Städtebau sei noch nicht erfunden und acht Milliarden Menschen lebten noch immer im Wald. Oder in der Wüste. Oder auf einem Berg.
Gehen, als die ursprünglichste Form menschlicher Fortbewegung, hat sich zu einem Multi-Milliarden-Geschäft entwickelt. Als „Wandern“ ist es zu Big Business geworden. Weltweit. Längst bieten North Face, Patagonia und Co dafür nicht nur zweckmäßige Klamotten feil, sondern darüber hinaus auch einen unvermeidlichen Outdoor-Chique. Der lässt sich selbst zu gesellschaftlichen Anlässen tragen. Urig und doch irgendwie trendy sieht man darin aus. Ganz als käme man soeben aus dem letzten Zipfel unberührter Natur zurück oder wäre gerade auf dem Weg dorthin. Das Beste daran: Du musst nicht mal ein Reh von einem Wildschwein unterscheiden können, um als Naturbursche durchzugehen. Kleider machen halt Leute. War schon immer so.
All das wird befördert durch permanente Wiederholungen und Multiplizierungen des Themas in Presse, Funk, Fernsehen und Büchern. Auf meine Frage, ob der Kauf von Wanderausrüstung die Verpflichtung beinhalte, anschließend ein Buch oder einen Film zu veröffentlichen, löst bei der in Khaki gekleideten Verkäuferin Unverständnis aus. Meine erste Lektion: Wandern, Outdoor und Natur scheinen eine verdammt ernste Sache zu sein. Kein Platz für Ironie. Erst recht nicht für Sarkasmus.
Dabei geht allein die Liste der aktuell lieferbaren Bücher, die sich auf irgendeine Art mit Wandern auseinandersetzt, in die zehntausende. Zu Fuß von Punkt A nach Punkt B zu gelangen, ist lange kein Selbstzweck mehr. Heute bewegt man sich mit strammen Waden zwischen Selbstfindung und Lifestyle. Oder - davon bin ich inzwischen überzeugt - durch eine pandemische Instagramitis, gegen die weltweit noch kein Impfstoff erfunden wurde. Hiken, Touren, Pilgern, Trekken sind nur einige der Unterarten eines Virus, der unaufhaltsam zu sein scheint. Nicht, dass wir uns falsch verstehen, jede körperliche Bewegung, egal von wem und zu welchem Zweck, ist zu begrüßen. Die gewollte Abkehr von mechanisierter, zumindest aber von motorbetriebener Fortbewegung tut Mensch und Natur grundsätzlich gut. Wenn man von den Verwüstungen der Gipfelstürmer im Himalaja absieht, die sich in farbenfrohen Polonaisen bergauf drängeln, um dann am höchsten Punkt der Erde in 90 Sekunden schnell ein Selfie zu schießen. Dabei inszenieren sie sich so, als bestaunten sie einsam die Welt von oben - und lügen sich und ihren Followern damit ernsthaft den Hi-Tec-Rucksack voll.
Durch den Laden laufe ich mit der permanenten Befürchtung, dass mich das Angebot der namhaftesten Hersteller in den gerade angesagten Designs und Farben, jeden Moment wie eine abgegangene Geröll-Lawine im Gebirge begraben wird. Wozu soll das alles gut sein? Unsere Rucksäcke damals hatten auch keine Polsterungen, keine Handy-Taschen oder eingebaute Wasserreservoire mit Trinkschläuchen. Das Packvolumen wurde nicht in Litern angegeben. Es gab nur eine Größe. Für alle gleich. Was da nicht reinpasste wurde obendrauf geschnallt. Und unten drunter. Von hinten sah man dann aus wie ein olivgrüner Wandschrank aus dem Beine wachsen. Aber es ging.
Ähnliches galt für das Schuhwerk. Solide Schnürstiefel aus Leder und eine feste Sohle. Fertig. Und die gab es in zwei Größen: „passt“ und „passt prima“. Damit sie so richtig saßen und sich dem eigenen Fuß anpassten wie geschmiedetes Eisen dem Pferdehuf, musste man vorm ersten Gebrauch in sie hinein pinkeln. Nach dem Eingewöhnungsmarsch schüttetet man das durch wund gelaufene Füße angesammelte Blut wieder aus. Ab da war man mit seinen Stiefeln auf Du und Du. Für immer. Von wegen Funktionssocken, Einlegesohlen oder atmungsaktiv. Ich will einfach nur wandern. Ich möchte nicht am Ende einer Tagesetappe in denselben Schuhen noch im Outdoor-Ballet mittanzen können. Schön wären Schuhe mit garantierter Blasenfreiheit. Das wäre mal was. Gibt’s aber nicht. Das kriegen die findigen Entwickler bis heute nicht hin. Etwas, worauf es wirklich ankommt.
Mit unklaren Gefühlen und einer sehr konkreten Rechnung von über 400 Euro verlasse ich das Geschäft. Ich bin gespannt, welche Überraschungen das Thema Wandern noch für mich bereithalten wird. Im Detail lässt sich das nun ab hier nachlesen. Es war nicht ganz so, wie ich es erwartet hatte. Und so war die erste Reaktion nach Beendigung des Ausfluges, dass ich meinen Rucksack für kleines Geld weggeben und die Schuhe dem Altkleidercontainer widmen wollte.
Unter anderem hatte ich erwartet, dass mir bei der tagelangen Bewegung an der frischen Luft viele tolle Gedanken zufliegen würden. Ideen für neue Projekte, kreative Ergüsse, persönliche Erleuchtung und ähnliches mehr. Doch die Leichtigkeit im Kopf, wie sie sich beim Joggen einstellen kann oder bei ausgedehnten Spaziergängen, blieb aus. Statt des Geistes, erwachten jede Menge Geister weit südlich des Gehirns. Angefangen in den Zehen, über Sohle, Knöchel, Knie, Hüfte, Beckenknochen, von da in den Rücken, hoch bis zur Schulter, am Nacken vorbei auf die andere Seite - und von dort denselben Weg zurück. Nachdem jede Faser und alle Knochen des Körpers ihre Anwesenheit bestätigt hatten, ging es von vorne los. Alle Sensoren und jeder Gedanke waren unentwegt bereit, lautlose Therapiegespräche mit den eigenen Innereien zu führen. Am Ende ging das auch auf die bewusste Wahrnehmung und den Genuss der interessanten Landschaften, die wir durchliefen. Hauptsache vorwärts. Ankommen.
In der Rückschau muss ich so ehrlich sein und zugeben, dass ich von der Wanderung auch einige neue Erkenntnisse mitgenommen habe. Gewisse Erfahrungen muss man eben selbst durchleben, um einen Mehrwert aus ihnen zu ziehen. Sie lassen mich im Nachhinein Frieden schließen mit den erinnerten Strapazen.
Es ist nie zu spät, sich körperlich (und überhaupt) zu betätigen. Aber ein 20-jähriger Körper unterscheidet sich fundamental von dem eines über 60-Jährigen. Auch wenn er sich wie 40 fühlt. Es ist sinnvoll, sich in unserem Alter an bestimmte Herausforderungen langsam heranzutasten. Das befördert gute Laune und hält die Motivation hoch. Gar nichts zu tun, ist keine Alternative.
Zeitlosigkeit führt zu Schwerelosigkeit. Abseits des gewohnten Lärms und Rummels ist man in jeder Hinsicht auf sich selbst zurückgeworfen. Auf Anstrengung und Schmerz, aber auch auf Freude und Genugtuung. Schritt für Schritt zählt immer nur der Moment. Mehrmals wusste ich nicht, welchen Wochentag wir hatten. Es war einfach unwichtig. So wie alles andere, was einem im normalen Alltag ständig auf den Sack geht.
Alles hat seinen Preis. Ein bisschen rumlaufen kann nicht die Welt kosten? Naja. Die (Erst)Ausrüstung schlägt mit ein paar hundert Euro zu Buche. Für Übernachtung und Essen kann man getrost 100 Euro pro Nase/Tag kalkulieren. Hinzu kommen An- und Abreisekosten. Für eine Woche zu Fuß - in Deutschland - kommen da schnell 1.200 bis 1.500 Euro zusammen. Dafür gibt es anderswo auch schon Pauschalreisen inklusive Flug.
Sicher hätte ich mir diese Weisheiten auch anlesen oder irgendwo auf YouTube ansehen können. Oder irgendeine KI hätte sie mir ausgespuckt mit 200 weiteren Schlauheiten. Aber nun sind es meine eigenen. Ohne Algorithmen und selbst erschwitzt. Quasi biologisch.
Das gilt vor allem für meine wertvollste Erkenntnis. Sie erhellte mich völlig unerwartet auf halber Strecke. Über 60 Kilometer lagen noch vor uns. Sechzig! Mit dem ganzen Gerödel. Vorfreude fühlt sich anderes an. Auf der Karte schien Kiel unerreichbar weit weg. Dann stellte ich fest, dass unser Startpunkt in Brunsbüttel in etwa ebenso weit entfernt war. Das hieß, über sechzig Kilometer hatten wir bereits hinter uns. Wow! In Ehrfurcht vor der verbleibenden Entfernung zum Ziel und dem, was noch zu stemmen war, hatte ich völlig aus den Augen verloren, was wir bereits geschafft hatten. Plötzlich ergriff mich ein Gefühl von Zufriedenheit. Das war doch schon eine ordentliche Leistung. Selbst, wenn wir uns weiterhin jeden Tag voran schleppten, das konnte uns keiner mehr nehmen. Jeder einzelne Schritt schaffte neue Fakten, indem er uns vom Ausgangspunkt entfernte. Bereits am ersten Abend hätte ich zurückschauen können, auf über fünfzehn gelaufene Kilometer. Es hätte mich versöhnlich gestimmt.
Du musst nach vorne schauen. Zielstrebig sein. Und so weiter. Das gängige Mantra unserer Zeit, habe auch ich verinnerlicht. Daran ist sicherlich nichts verkehrt. Aber zum ersten Mal wurde mir bei dem Blick auf die Karte bewusst, dass man gelegentlich auch zurückblicken muss, um sich selbst vollständig zu verorten. Nicht nur beim Wandern. Es gilt für das ganze Leben.
Wie häufig bin ich angespannt und unzufrieden, wenn ich nach vorne blicke, mit mir und anderen hadere, weil dieses oder jenes nicht funktioniert wie gewünscht. Weil Vieles unerreichbar erscheint. Und manches auch bleibt. Ab sofort werde ich in solchen Situationen zukünftig einmal tief Luft holen, mich umdrehen und schauen, woher ich eigentlich komme. Welche Umwege und Hürden ich schon überwunden habe. Nicht immer gerne. Nicht immer freiwillig. Aber es sind eben auch diese gemeisterten und durchstandenen Probleme, die mich dahin gebracht haben, wo ich heute bin. Die mich zu dem gemacht haben, der ich bin. Und daran habe ich alles in allem nicht so viel auszusetzen.
Mit diesen Gedanken breitete sich ein gutes Gefühl in mir aus, verbunden mit Dankbarkeit. Und schlagartig änderte sich auch der Mindset für die weitere Wanderung. Das minderte die Anstrengungen in keiner Weise. Aber immer, wenn es unterwegs irgendwo klemmte, brauchte ich mich nur umzudrehen. Die Brücke, die wir grade erst unterquert hatten, war inzwischen auch schon wieder ganz weit weg. Und wir waren weiter vorangekommen. Jeder Schritt brachte einen weiteren Meter hinter uns. Am Ende in Kiel stellten sich weder Triumph noch Euphorie ein; intensive, aber nur kurz anhaltende Gefühle von Glückseligkeit. Ich empfand hingegen eine tiefe Zufriedenheit und ein innerer Frieden breitete sich in mir aus. Etwas, das mich noch eine Weile tragen und beschäftigen würde.
Längst wieder zu Hause bin ich noch immer in Besitz meiner gesamten Wanderausrüstung. Die Erinnerungen an die anstrengenden Augenblicke verdunsten allmählich. Hier und da drängen sich Überlegungen in den Vordergrund, wohin man denn noch so laufen könnte. Auch mit Gepäck. Quasi wandern.
Hat jemand eine Idee? Will jemand mit?
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