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Nichts für Weicheier

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Irgendwie erscheint die geschwulstartige betongraue Ausdehnung mitten im satten Grün des Amazonasgebiet wie ein Fehler im Bild. Und dennoch ist sie zu einem Synonym für den brasilianischen Regenwald geworden wie der Jaguar oder die Anakonda: Manaus.

Die siebtgrößte ist zugleich die viertreichste Stadt Brasiliens. Einst galt sie als reichste Stadt der Welt. „Paris der Tropen“ wurde sie genannt. Ihr Ruhm und Reichtum waren auf Gummi gebaut. Knappe 40 Jahre währte der in 1870er Jahren beginnende Kautschukboom und der rekordhafte Anstieg Manaus und seine fortschrittliche Stadtentwicklung. Fremde mit den unterschiedlichsten Berufen aus der ganzen Welt kamen, ließen sich hier nieder und machten Manaus zu einem kosmopolitischen Ort. Mit dem Verlust des Weltmonopols auf Kautschuk 1910 setzte der Niedergang ein.

Erst die Ernennung der Stadt zur Freihandelszone 1957 brachte einen erneuten Umschwung, der bis heute anhält. Unternehmen, die in Manaus produzieren, können ihre Rohmaterialien nahezu zollfrei einführen, was seit den 1970er Jahren zu einem Wirtschaftsboom und einem Wiedererwachen des öffentlichen Lebens in der Stadt führte.

Bevor wir überhaupt einen Fuß in die Stadt setzen, sind wir schon mehrfach vorgewarnt, wie gefährlich es hier sein soll. Der Raubüberfall auf offener Straße und bei Tageslicht ist quasi vorprogrammiert. Wir kennen das von anderen großen Städten, die wir besucht und überfallfrei überlebt haben.

Die Warnungen im Ohr trägt der Wind davon, als wir uns also im Tenderboot zum Hafen übersetzen lassen. Die Hanseatic liegt einen guten Kilometer vor der Stadt auf Reede. Das relativ neue Kreuzfahrtterminal hat nach einem der letzten Hochwasser den Geist aufgegeben und wurde noch nicht wieder instandgesetzt.

Wir betreten die Ankunftshalle am Hafen und finden die Aufregung und den schlechten Ruf der Stadt völlig überzogen. Sauber, aufgeräumt und sicher. Was will man mehr.

Wir verlassen den aufgeräumten Bereich und treten ins wirkliche Stadtbild. Schlagartig krallt sich die Hand der Frau in die des Mannes. Der Mann umklammert sein Tragebehältnis, in das er vorausschauend seine hochwertige Kameraausrüstung versteckt hat. Als er auch einheimisch aussehende Menschen sieht, die ihre Rucksäcke und Taschen vor dem Bauch tragend sichern, kommt er sich nur noch halb so bescheuert vor.

Der Teil der Stadt, den wir betreten, scheint wie ein Außenmuseum über den Niedergang nach dem Kautschukboom. Es ist laut, schmutzig und die Infrastruktur sieht stellenweise aus wie die Kulisse aus einem Zombie-Film. Löcher in den Gehwegen sind so groß, dass darin jemand auf Nimmerwiedersehen verschwinden kann. Uns fällt das Wort „Verkehrssicherung“ ein, und dass in Deutschland nicht alles schlecht ist.

Menschen wuseln durch die Straßen oder stehen als Animateure vor Läden, die unglaublichen Plunder anbieten, der irgendwie nach einer Billigversion von China riecht. Die Seitenstraßen sind voll mit Verkaufsständen. Sie machen neugierig und Angst. Jede Wette, dass darin Menschen eintauchen und danach für immer verschollen bleiben. Die Frau kämpft gegen ihre Neugier und Todesangst. Die Angst siegt. Wir bleiben auf der Hauptstraße und erreichen schließlich das Schmuckstück der Stadt: das legendäre Opernhaus von Manaus.

Wir glauben uns an einem völlig anderen Ort. Hier ist es ruhig, sauber und sicher.

Wir trinken Kaffee, essen Acaia-Eis und unterhalten uns mit einem charmanten älteren Herrn, der aus Manaus stammt.

Abschließend arbeiten wir uns wieder zurück zum Hafen. Dort wartet der Bus, in dem wir eine betreute Stadtrundfahrt mitmachen, wobei Puls und Blutdruck wieder auf Normalwerte absinken.

Erster Stopp ist ein „Lebensmittelmarkt“. Was eine gelinde Untertreibung ist. Auch Großmarkt würde es nicht treffen. Es ist ein Umschlagplatz für alles, was es auf die Tische und Teller der Einheimischen schafft. Was wir sehen, sprengt in jeder Hinsicht alle Dimensionen, die wir kennen. Hier wird alles angeboten, was sich in und an einem Tier befunden hat und essbar ist. Fische, die wir noch nie gesehen haben. Obst und Gemüse, in Größen und Mengen, die uns schlicht maßlos erscheinen.

Über allem liegt ein zwar passender aber für unsere Nasen anstrengender Geruch. So riechen Lebensmittel eben, wenn sie nicht industriell weiterverarbeitet und sterilisiert hinter Plastik angeboten werden. Wer jetzt mit Hygiene und solchen Spitzfindigkeiten kommt, kann ja mal gerne die Sterblichkeitsraten von Manaus und Berlin nebeneinanderlegen. Und anschließend gleich die von Menschen beider Städte, die unter „Lebensmittel“-Allergien leiden.

Anschließend finden wir uns zum zweiten Mal am Opernhaus wieder. Diesmal kommen wir auch rein. Das Erlebnis ist nicht weniger imposant als die Außenumrundung. Die Innereien des im Stil der italienischen Renaissance erbauten Komplexes versetzten uns nicht nur 150 Jahre zurück, sondern auch in Verzückung. 685 Zuschauer finden hier Platz. Zu gern würden wir uns während einer Aufführung unter ihnen befinden.

Das Gebäude wurde 1896 eingeweiht. Wir erfahren, dass damals in Ermangelung von Klimaanlagen für eine bessere Durchlüftung die Fenster offengelassen wurden. Damit der kulturelle Genuss im Inneren nicht durch Außengeräusche – Kutschenräder auf Straßenbelag – gestört wurde, waren die Straßen und Plätze um das Opernhaus mit Kopfsteinen aus Kautschuk(!) gepflastert, die die hässlichen Nebengeräusche dämmten.

Wir rumpeln weiter durch die Stadt. Unser erster Eindruck verbessert sich auch dabei nicht wirklich. Der Besuch im Stadtmuseum von Manaus und der ehemalige, repräsentative Wohnsitz des deutschen Emporkömmlings und Kautschuk-Profiteurs Waldemar Scholz geben uns eine weitere Idee davon, was Manaus einmal gewesen sein muss. Doch die wenigen Lichtblicke in der ramponierten Kulisse lassen uns nicht ernsthaft überlegen, hier eine Zweitwohnung anzumieten.

Die Vorurteile, die ich Sao Paulo mit seinen 22 Millionen Einwohnern entgegengebracht habe, finde ich allesamt im mit „nur“ 2,2 Millionen Menschen besiedelten Manaus bestätigt. Hier ist es, wo in Brasilien die Luft brennt. Das ist keine Stadt, sondern offensichtlich ein sich ständig verändernder Zustand. Erst als wir zurück an Bord sind, versöhnt uns die heiße Hässliche wieder mit ihrer Skyline.

Wie verlassen Manaus im Dunkeln. Nachts sind bekanntlich alle Katzen grau. Und auch Manaus Augen funkeln uns verführerisch hinterher. Pech für sie, dass wir sie schon bei Tageslicht betrachtet haben und statt Schönheit nur ihre Wildheit entdecken konnten.

Bald ist es dunkel. Die Lichter an den Ufern werden weniger. Manaus ist für uns bereits Geschichte, als uns eine harte Rechtskurve signalisiert, dass wir den Rio Negro verlassen. Wir biegen ab in den „kleinen“ Amazonas. Der zweite Teil unserer unglaublichen Reise hat begonnen. Das Ziel: Iquitos in Peru.

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