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Nase voll!

von (Kommentare: 2)

Mogelpackung

Ro-To-Rua. Allein wie das klingt. Ein bisschen nach Winnetou und Nscho-tschi auf Maori. Entsprechend eingestimmt und vorfreudig erreichen wir die Stadt. Und dann ist auch schon Schluss mit indianerhafter Wildwest-Romantik. Rotorua ist Mephisto-Terrain. Sein schwefeliger Mundgeruch liegt wie bei einer exzessiven „Devils-only-Party“ über der ganzen Stadt. Wir hoffen, dass es nur der Wind ist, der aus einer bestimmten Richtung eine Faule-Eier-Brise über die Stadt haucht.

Es bleibt bei der Hoffnung. Und dem permanenten Gestank.

Zu meiner Schulzeit fanden es einige Witzbolde besonders komisch - oder hilfreich - bei Klassenarbeiten eine Stinkbombe zu zertreten, was die sofortige Flucht aller aus dem Klassenzimmer zur Folge hatte. Solche Stinkbomben sind heute verboten (Verletzungsgefahr durch die Glasampullen), dafür gibt es die Inhaltsstoffe jetzt splitterfrei als Furz- und Pups-Sprays. Was anderswo als übelst riechender Scherz meistens wenig Begeisterung auslöst, ist in Rotorua das Markenzeichen: Der „Geruch“ von faulen Eiern. Der kommt hier aus jedem Erdloch und jedem Gully(!). Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Er durchdringt alles. Und er dringt in alles ein. In jedes Gebäude, in die Kleider, in die letzten Winkel deiner Hirnwindungen.

Hervorgerufen wird der ätzende Gestank durch die geologischen Gegebenheiten des North Island Volcanic Plateaus, eine von vulkanischen Aktivitäten geprägte weiträumige Hochebene inmitten der Nordinsel Neuseelands.

Ich weiß nicht, was wir erwartet haben. Das, was wir hier vorfinden, auf jeden Fall nicht. Haben wir etwas falsch verstanden oder nicht richtig gelesen oder übersehen, wenn diese Stadt immer wieder über den grünen Klee gelobt wurde? Was wir vorfinden, lässt uns anfangs an dem Urteil anderer, später an unserem eigenen zweifeln.

Das einzige, was die Stadt als Stadt selbst zu bieten hat, ist das baulich sehr schöne Rotorua Museum, das früher einmal ein altes Badehaus war und sich nun der Geschichte und Kultur der Maori widmet: wegen Sanierungsarbeiten leider geschlossen. Ersatzweise spazieren wir zum Lake Rotorua mit seinem schweflig trüben Wasser und seinem dampfenden, blubbernden Uferstreifen. Dort können wir einen sehr direkten Blick auf die natürlichen, thermischen Phänomene werfen. Die Frau will mal anfassen - es ist wirklich heiß! Sie guckt ratlos ins Blubberloch.

Und das war es dann irgendwie auch schon. Ansonsten überzeugt uns Rotorua mit nichts.

Weitere touristische Attraktionen liegen ausserhalb und bedienen neben verschiedenen Angeboten rund um die Maori-Kultur vor allem die in Neuseeland übliche Outdoor-Kirmes. Wem die reine Natur nicht mehr ausreicht, die sich am einfachsten zu Fuss oder per Fahrrad erleben lässt, kann sie stattdessen mit allen möglichen und unmöglichen Fortbewegungshilfen durchfliegen, -fahren, -rollen, -schwingen oder -schwimmen.

Wir wollen weder in einem transparenten Gummiball einen Hügel runterrollen, noch in Riesenschaukeln durch schwefelige Luft geschwenkt werden und auch nicht im Schlauchboot einen Wasserfall hinunterbrettern. Uns reicht schon viel weniger. Und das finden wir in diesem Ort leider nicht vor. Geschmack ist ja bekanntlich Ansichtssache. Bei Geruch sieht das etwas anders aus. Gestank bleibt Gestank. Und in Rotorua stinkt es zum Himmel. 24 Stunden/7 Tage die Woche. Wir kommen damit einfach nicht klar. Dummerweise haben wir uns hier für zwei Nächte einquartiert. Unsere letzte Hoffnung auf frische Luft liegt nun im Redwood Park.

 

Auf dem Holzweg

Nur 10 Minuten vom Stadtzentrum entfernt ragen die Redwoodbäume bis zu 75 Meter hoch in den Himmel. Unter anderem hier erforscht Neuseeland seit 100 Jahren, wie und womit sich das Land wieder aufforsten lässt. Die Baumriesen erinnern an die kalifornischen Redwoods und sind tatsächlich das Ergebnis einer entsprechenden Züchtung.

Besonders beeindruckend sind zur Schau gestellte Baumscheiben, die nicht nur die Durchmesser der Bäume deutlich machen, sondern auch ihr Alter. Es stimmt uns nachdenklich, als wir ein 2000(!) Jahre altes Exemplar bestaunen können. Dieser Baum hat bereits zur Geburt Jesus existiert. Er könnte noch heute stark und stolz vor sich hin wachsen, wenn nicht irgendwann einmal kleine Männer mit großen Sägen sich daran gemacht hätten, ihn vom Leben zum Tode zu befördern. Aber so ist es nun mal. Auch der Mensch will leben. Und Fortschritt hat eben seinen Preis.

Wir buchen einen Spaziergang auf einem speziell angelegten „Tree Walk“, ein System von Hängebrücken, das in einem Rundkurs einige Meter über dem Boden durch den Wald führt. Auch das ist ein Spektakel. Allerdings ermöglicht es einen beeindruckend anderen Blick auf die Bäume und das Ökosystem Wald.

Während der Chronist und Fotograf ein wenig mit den suboptimalen Lichtverhältnissen hadert, kämpft seine Begleiterin mit ihrer Höhenangst. Am Ende schafft sie es aber ohne fremde Hilfe und den Einsatz von Rettungsleitern durch den Parcours und wieder hinab. Der Wald ist nicht nur beeindruckend, sondern lenkt uns auch ein wenig ab von der Penetranz des Schwefels, der auch hier permanent in der Luft liegt.

 

Ich liebe den Geruch von nassem Hund

Am zweiten Morgen werde ich wach. Es ist halb sechs. Ich bilde mir ein, gut geschlafen zu haben. Und dennoch platziert sich ein feiner Kopfschmerz in meiner Stirn, der wie ein unheilvoller Vorbote Größeres verspricht.

Es riecht, als wäre die gesamte Kanalisation von Rotorua explodiert und ein Teil davon würde nun wie ein Lava-Strom durch unser Zimmer mäandern. Anderswo begrüßt einen der Tag mit Vogelgezwitscher. Hier ist es der Geruch von Sch... wefel.

Wir haben die Nase in jeder Hinsicht voll. Nur weg hier, bevor es uns geht wie Kochmaus. Die liegt seit zwei Tagen in der Whirlpool-Wanne und wartet darauf, dass den Gerüchen, die aus den Düsen wabern, endlich auch schweflig grauer Schlamm folgt. Ihr gehe die ständige Autofahrerei inzwischen auf den Rücken und sie will unbedingt das volle Schlammpackungsprogramm. „Morgens Fango - abends Tango“, fordert sie. Ausserdem findet sie den „Duft der grossen weiten Welt“, der über der Stadt liegt, betörend und könnte sich glatt „dumm dran riechen“. Viel braucht es dazu ja nicht.

Bevor auch unsere Gehirne schwerwiegende Daueraussetzer erleiden, steigen wir ins Auto. Gierig inhalieren wir die nach nasskaltem Hund riechende Restluft im Wageninneren wie eine frische Ozeanbrise.

Wenn uns Stephen King jetzt sehen würde - er hätte den perfekten Einstieg für seinen nächsten Horror-Bestseller: Endstation Rotorua.

 

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Kommentare

Kommentar von Problemcousine |

Leider ist der Geruchssinn derjenige unserer Sinne, an deren Wahrnehmungen man sich am Schlechtesten adaptieren kann. Wahrscheinlich irgendein evolutionärer Vorteil, den man heute nicht mehr nachvollziehen kann. Es kann nur besser werden. Gruß aus MVP

Kommentar von Conni |

Mega Bilder! Ich staune und staune und staune! Ihr werdet doch nicht noch zu richtigen Abenteurern in der Wildnis werden, die alles mitnehmen und ausprobieren wollen?
Ich denke an und beneide Euch, wäre sehr gern mit euch über die Hängebrücke gegangen.
Eure Conni

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