Morgens Spree - Abends Pazifik
von Peter Schäfer (Kommentare: 0)
Der Beitrag und das Resümee meiner Wanderung entlang des Nord-Ostsee-Kanals im April war kaum gepostet, da kam aus den USA eine Frage, die als Einladung formuliert war: ob ich bereit sei für den Grand Canyon. Wissen wollte das Mike Vetter, mein langjähriger Freund und Geschäftspartner. Mike erläuft und erradelt sich seit vielen Jahren in extremen Etappen extreme Natur. Der Grand Canyon ist eine seiner regelmäßigen Trainingseinheiten, die er sich immer wieder mal alleine oder in Begleitung von Freunden und Verwandten vornimmt.
Uns trennen etwa zehn Lebensjahre und gefühlt eine Million Trainingskilometer. Ich wunderte mich über das Angebot und fühlte mich zugleich geehrt. Die 70 im Blick und die eigene Fitness realistisch einschätzend, fand sich ein solches Vorhaben nicht auf meiner Liste der 100 Dinge wieder, die ich mir zutraute, geschweige denn unbedingt noch erledigen wollte. Dennoch lehnte ich nicht sofort dankend ab. Plötzlich stand eine Herausforderung im Raume, die für mich ihren Reiz vor allem in der spektakulären Natur fand, die ich bislang nur vom Rand der großen Schlucht genossen hatte.
Nun sollte ich also 34 km an einem Stück zurücklegen, dabei zunächst 1500 Meter abwärts und anschließend knapp 1800 Meter wieder hinauf. Allein die nackten Zahlen ringen einem normalen Menschen Respekt ab. Ich sagte zu. Schließlich hieß die Aufgabenstellung nicht, für diese Strecke einen Geschwindigkeitsrekord zu brechen. Wenn ich am Ende auf allen Vieren aus dem Grand Canyon herauszukrabbeln würde, wäre das durchaus statthaft und keinesfalls ehrenrührig. Zumal man sich spätestes nach Ablauf der Hälfte seiner statistischen Lebenserwartung dauerhaft selbst die Frage stellen muss: wenn nicht jetzt, wann dann?
Am nächsten Tag begann ich, gezielt für die Herausforderung zu trainieren. Vier Wochen vor Reiseantritt wurde unser Plan von einer Schlammlawine davon gespült. Genau dort, wo wir den Canyon durchqueren wollten, gerieten Menschen bei einem schweren Unwetter in Not, mussten gerettet werden, es gab Tote. Brücken über den Colorado River wurden zerstört. Bis auf weiteres ist die Route gesperrt. Mike änderte den ursprünglichen Plan und bot ein paar Alternativen an. Nicht ganz so extrem, aber alles immer noch mehr als besinnliche Spaziergänge durch idyllische Landschaft.
Ein halbes Jahr nach dem ich morgens in den Zug Richtung Brunsbüttel gestiegen war, fahre ich nun zum Flughafen BER. 14 Stunden später holt mich Mike in San Diego/Kalifornien ab. In Oceanside beziehe ich Quartier. Schnell noch raus zum Hafen. Ein Spaziergang am Strand. Kalifornische Luft einsaugen. Sonnenuntergang genießen. Ein langer Tag findet sein perfektes Ende.
Morgens Spree - abends Pazifik. Es sind gerade mal 50 Jahre vergangen, seitdem das möglich ist. In was für einer coolen Zeit leben wir eigentlich?
Der Zeitplan für die kommenden Tage ist knapp bemessen. Am nächsten Morgen holt mich Mike ab für ein kleines Warm Up. Wir laufen den Monserat Mountain 2,5 Kilometer hinauf und dieselbe Strecke wieder hinab. Dabei überwinden wir 400 Meter Höhenunterschied. Unterwegs erinnern 11 Markierungen an jeweils 10 Stockwerke der ehemaligen Twin Towers in New York. Gleichzeitig erinnern sie an die 343 Feuerwehrleute, die am 11. September 2001 ums Leben kamen. Am Gipfel finden wir einen Flaggenmast und eine Gedenkstelle: Feuerwehrschläuche, Helme und ein Schreiben der New Yorker Feuerwehr.
In weniger als zwei Stunden sind wir zurück am Ausgangspunkt. Damit ist der Jetlag für mich erledigt
Der Tag endet mit einem Besuch am Sprungplatz von GoJump Oceanside. Wie immer herrscht Betrieb. Die Organisation läuft so rund wie ein solides Schweizer Uhrwerk. Doch das bunte Treiben lenkt nur kurz ab. Bereits morgen brechen wir auf. Zunächst nach Norden. Dort warten richtige Berge auf uns.
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