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Löwenherz statt Katzenjammer

von (Kommentare: 1)

Wenn Vorfreude auf Realität trifft, hat die Hoffnung schon mal Urlaub. Das erste WM-Spiel seiner Geschichte wurde für Curaçao zu einer wahren Feuertaufe. Das 1:7 gegen Deutschland verpasste der etwas kindlichen – und sehr sympathischen – Begeisterung einen Knacks.

Der Schmerz wirkte nur kurz nach. Die Reaktionen auf das Spiel selbst waren eher rational als gefühlsbetont. Jeder Einheimische, den man ansprach, wusste, dass das eigene Team keine Chance gegen die Deutschen hatte. Dass sich das in einem solchen Ergebnis manifestierte, überraschte allerdings auch die meisten. Hier und da hörte man, das Ergebnis hätte nicht so hoch ausfallen müssen. Am Tag danach schien es, als wäre noch mehr Blau in der Öffentlichkeit zu sehen. Noch mehr Leute kleideten sich in ihren traditionellen Landesfarben. Aus Europa fallen mir dazu andere Bilder ein, wenn die Enttäuschung von „Sportsfreunden“ regelmäßig in Wut und Vandalismus umschlägt.

Die blaue Welle schwappte weiter. Zum zweiten Spiel stärker als zuvor. Mit Deutschland lag der schwerste Gegner der Gruppe hinter Curaçao. Es konnte nur besser werden. Willemstad leuchtete bereits blau, als das Spiel gegen Ecuador um 20:00 Uhr begann. Die reinste Party. Das 0:0 gegen die Südamerikaner wurde gefeiert wie ein Sieg. Ein Feuerwerk wurde gezündet. Im Nachhinein kann man kaum glauben, dass Curaçao das Team in Schach hielt, gegen das die Deutschen mit 1:2 scheitern sollten.

Nach dem Unentschieden schien alles möglich. Mit Ach und Krach und Glück hatte Deutschland die Elfenbeinküste bezwungen. Curaçao witterte nun selbst einen weiteren Punkt bei ihrer Auseinandersetzung mit den Afrikanern. Vielleicht sogar einen Sieg.

Es endete mit einem 0:2 und einem spontanen Fest auf dem zentralen Platz der Hauptstadt. In der Gluthitze standen die Menschen vor dem Monitor und fieberten, hofften und litten mit ihrem Team wie in den beiden Spielen zuvor. Begeisterung und Enttäuschung wechselten sich ab. Nirgendwo Aggression oder Gewalt. Ein Land feierte sich selbst wie bei einem großen Familienfest.

Der Abpfiff war noch nicht verklungen, - mit der zweiten Niederlage war das Ausscheiden Curaçaos aus dem Wettbewerb besiegelt - und schon brandete Jubel auf, Musik erklang und die Menschenmasse bewegte sich wie ein einziger Korpus, tanzend und singend, ihre Mannschaft und sich selbst beklatschend.

Ein Punkt. Ein Tor. Es ist gut gelaufen für die kleinste Fußballnation der Welt, die jemals und zum ersten Mal an einer FIFA WM-Finalrunde teilnahm.

Die Freude ist ehrlich, warmherzig, wohltuend und ansteckend. Was haben die Menschen hier verstanden, was wir in Deutschland und Europa wohl nie begreifen werden?

Zwei Wochen lang konnte ich die Vorrunde der 2026er Fußball-Weltmeisterschaften auf Curaçao miterleben. Die Menschen auf der Insel machten dabei etwas für sie Besonderes zu etwas sehr Besonderem für das ganze Land. Mit dem Mut und der Zuversicht eines Löwen, der in ein Colosseum voller schwer bewaffneter Gladiatoren einzieht, hat das Team gegeben, was es geben konnte. Im sportlichen Vergleich war das nicht viel, aber im Vergleich zu anderen Ländern so viel mehr. An den Menschen erkennt man, dass es die kleinen, die belächelten Länder sind, die einem durchkommerzialisierten Großereignis zumindest ein bisschen Seele geben: Hingabe, Leidenschaft und Spass am bloßen Spiel. Während in unseren Breitengraden Freude nur auslöst wird, wenn das eigene Team gewinnt.

Zum ersten Mal verbindet mich etwas mit der deutschen Nationalmannschaft: wir reisen gemeinsam zurück nach Deutschland. Während die Welt von Kriegen und Naturkatastrophen geplagt wird, schafft es zu Hause seit Tagen nur ein Thema nach vorne auf die Titelseiten: Der (fußballerische) Niedergang der Nation. In Deutschland gibt es nur: Weltmeister oder Schande. Dazwischen ist offensichtlich alles verloren gegangen, was mal der Ursprung der Kickerei war: der Spass an der Freude.

Vielleicht wäre heilsam, wenn die bundesdeutschen Millionenkicker mal eine WM aussetzen und das Land zur Besinnung kommen würde. Dann würde man möglicherweise wieder erkennen, dass es beim Fussball um ein Spiel geht und nicht um den dritten Weltkrieg.

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Kommentare

Kommentar von Karin Deuerling |

Hallo Simone,
ich bin von deinen Texten und Bildern begeistert. Ich bin ganz deiner Meinung und habe auch tausende Kilometer entfernt die Begeisterung der Menschen gespürt. Viele liebe Grüße Karin D.

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