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Lockdown in Panama #1-März

von Peter Schäfer (Kommentare: 0)

März - Marzo

Dienstag, 3. März:

Der EDELWEISS/SWISS-Flug LX 8036 aus Zürich setzt zum Landeanflug auf den Internationalen Flughafen Juan Santamaria in San José / Costa Rica an. Ich freue mich auf das Wiedersehen mit alten Freunden, eine kleine Dschungelexkursion und meine Weiterreise nach Panama. Die Welt ist, zumindest in Lateinamerika, noch in Ordnung.

Sonntag, 8. März:

Ich fliege mit COPA weiter ins benachbarte Panama. Am Internationalen Flughafen Tocumen empfängt mich Gisela Zambrano, eine alte Freundin, Taxifahrerin, Reiseleiterin. Wir sprechen über Corona. Gisela ist stolz darauf, dass es in Panama noch keinen einzigen Fall gibt und meint, bei der Hitze hier – täglich 33 Grad Celsius – könne sich das Virus nicht ausbreiten und außerdem sei eine gesunde Lebensweise mit vitaminreicher Ernährung der beste Schutz. Kein Problem in Panama, wo Bananen und Ananas auf riesigen Plantagen gezüchtet werden und auch noch frei am Straßenrand gedeihen.
Auf meinem Plan stehen drei Punkte: Treffen mit meiner Tochter Susi, die gerade ein Sabbatical nimmt und mit ihrem Freund im Backpacker-Paradies Bocas del Toro / Panama hängengeblieben ist, Treffen mit alten Pilotenkollegen aus meiner Zeit, in der ich in Panama Hubschrauber geflogen bin und Revision meines Reiseführers „Panama Highlights“ (siehe www.panama-highlights.de ) für die 3. Auflage.

Dienstag, 9. März:

Susi hat den Nachtbus aus Almirante, dem nächstgelegenen Festlandsort vor Bocas, genommen und trifft nach 10-stündiger Fahrt todmüde im Hotel ein. Wir frühstücken, gehen an den Pool, verbringen eine wunderbare Woche mit zahlreichen Exkursionen ins Hinterland, u.a. der klassischen Eisenbahntour mit der Panama Canal Railway Company entlang des Kanals nach Colon.

Sonntag, 15. März:

Wir liegen am Pool des neu eröffneten Radisson Panama Canal Hotels, direkt neben der weltberühmten Puente de las Americas, bis vor wenigen Jahren die einzige Verbindung zwischen dem nord- und dem südamerikanischen Kontinent. Es braut sich etwas zusammen. Wir sind nicht mehr so entspannt wie die Tage zuvor. Polizei kreuzt auf und ordnet die sofortige Schließung des Pools und des Restaurants an. Wir versuchen, mehr Informationen zu bekommen, sehen lokale Nachrichten, fragen Polizei und Hotelpersonal. Staatliche Anordnung, heißt es nur. Und: Es gäbe nun 40 Corona-Fälle in Panama.

Montag, 16. März:

Nun geht alles ganz schnell. Wirklich schnell! Wir erfahren, dass ab morgen alle Grenzen und Flughäfen schließen. Menschenansammlungen und Reisen werden untersagt. Susi bekommt für heute Abend den letzten Flug nach Bocas, wo ihr Freund und ihre Freundinnen aus der Sprachschule sitzen. Ich ziehe um in die Innenstadt, Hotel Victoria, da ist wenigstens ein Supermarkt in der Nähe und ich kenne die Gegend. Man gibt mir nur 4 Nächte, da das Hotel danach auf unbekannte Dauer schließen will.

Dienstag, 17. März:

Mein COPA-Rückflug nach Costa Rica wurde wegen der Grenz- und Flughafenschließung storniert. Auch Costa Rica schließt Flughäfen und Grenzen. Mein in 10 Tagen geplanter Rückflug von San Jose über Zürich nach München wird ebenfalls storniert.

Mittwoch, 18. März + Donnerstag, 19. März:

Ich stelle mich auf einen längeren Aufenthalt ein, vielleicht 3 oder 4 Wochen, bis der Spuk hier vorbei ist, klappere zahlreiche Airbnb-Unterkünfte und Hotels ab. Irgendwas passt immer nicht, entweder ist der nächste Supermarkt ewig weit weg oder Schimmel im Bad oder – am häufigsten – die Hotels machen ihre Pforten dicht, und zwar quer durch alle Preisklassen.

Freitag, 20. März:

Umzug ins Hotel Marbella, Calle D. Freundliches Personal. Sie versprechen, die Stellung zu halten, egal wie lange die Krise dauert. Das 15-qm-Zimmerchen ist very basic, aber blitzsauber. Und es hat ein paar entscheidende Vorteile, die ich sogar in besseren Hotels vermisst habe: Man kann ein Fenster öffnen! Die Aussicht in den Garagenhof ist bescheiden. Aber Hotelfenster, die man öffnen kann, sind selten geworden – wegen der Klimaanlagen. Man befürchtet, die Gäste könnten das Fenster öffnen und die Klimaanlage laufen lassen. Deshalb versiegeln sie in den meisten Hotels gleich alle Fenster. Schreibtisch und Steckdosen sind im Marbella da, wo man sie braucht – auch eher selten. Und der WiFi-Router hängt im Korridor direkt vor meiner Zimmertür. Was will man mehr?

Montag, 23. März:

Nachmittags erfahre ich, dass ab morgen alle Geschäfte außer Lebensmittelläden schließen müssen. Ich kaufe mir ein Handy samt panamaischer SIM-Card und einen Wasserkocher. Eigentlich hätte ich noch mehr auf der Liste, aber die Zeit reicht nicht. Ironie des Schicksals: Ich hatte erst kürzlich den Krisenratgeber „Cyberkriege und andere Katastrophen besser überleben“ (siehe www.cyberkriegebesserueberleben.de ) verfasst, alles ausprobiert, was man im Krisenfall so braucht, im heimischen Keller Lebensmittel, Schutzmasken, Schutzanzügen, Wasserentkeimungsanlagen und Generatoren gehortet. Und dann ereilt mich die Krise nahezu unvorbereitet in Panama!

Dienstag, 24. März:

Die Botschaft bietet einen Rückholflug für den 26.03. an. Nicht viel Zeit zum Überlegen. Ich esse bei Manolo´s an der Ecke Fisch, Corvina al ajillo, trinke ein Glas Weißwein dazu und sortiere die Fakten für meine Entscheidung. Wir haben heute 80 Corona-Fälle in Panama und über 40.000 in Deutschland. In Panama ist es angenehm warm, oft sogar heiß. In Deutschland saukalt. Das Virus mag die Hitze nicht. Ich gehöre genau zu der Gruppe von Menschen, die das Virus nicht überleben: über 60, leicht übergewichtig, leichtes Asthma. Schon auf der Heimreise über Frankfurt nach München im dicht belegten Flugzeug, in der Bahn und in der S-Bahn ist das Ansteckungsrisiko hoch. Ich will noch ein paar Jahre leben und habe gar nichts davon, wenn schon bald auf meinem Grabstein steht: Wärst du doch in Panama geblieben! – Prost! Ich fliege übermorgen nicht!

Donnerstag, 26. März:

Kaum ist der Rückholflieger weg, erfahre ich an der Rezeption, dass ab heute 19:00 Uhr alle Restaurants des Landes schließen müssen, auch McDonald, der Italiener in der Via Veneto, Manolo´s und das Hotelrestaurant. Und ab morgen darf jeder je nach Passnummer und Alter nur in einem vom Staat bestimmten Zeitfenster für zwei Stunden das Hotelzimmer verlassen. Schöne Bescherung! „Kann nur noch besser werden“, denke ich. Aber es sollte schlimmer kommen, viel schlimmer

Die Skyline von Panama-City * Susi Heller, Gisela Zambrano und Klaus Heller vor der Corozal Railroad Station / Panama City * Hotels verbarrikadieren ihre Eingangsfronten

von Klaus Heller, Reiseführer- und Sachbuchautor
© Klaus Heller 2020, www.klaus-heller.de
Tel.: 00507-6138-1591 (ab 17 Uhr MESZ), Skype: letmeflynow

Lockdown Panama - Corona-Tagebuch

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