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Lockdown in Panama #4-Finale

von Peter Schäfer (Kommentare: 3)

Finale - Final

Mittwoch, 20. Mai:

Die Antwort der deutschen Botschaft in Panama besagt wörtlich „die Rückholaktion der Bundesregierung ist abgeschlossen“ und „diese Flüge sind mit viel Verwaltungsaufwand verbunden“. Ich verstehe das so, dass sich die von unseren Steuergeldern nicht zu knapp bezahlten Staatsdiener keine weitere Arbeit machen wollen. Meine Tochter Sabine in München erfährt über Instagram, dass ein paar Leute an einer privat organisierten Rückholaktion arbeiten. Susi findet dazu die Facebookgruppe „Leaving Panama to Europe“ und leitet den Link an mich weiter. Eine Privatinitiative will die Result Group engagieren, eine auf schwierige Evakuierungen spezialisierte Firma aus Bayern. Die könnten uns rausholen, falls genug Leute für das Chartern einer Boeing 767-300 zusammenkommen. Mal sehen, was da dran ist und ob die panamaische Regierung den für die Landegenehmigung nötigen humanitären Status anerkennt.

Donnerstag, 21. Mai:

Susi ruft zum Family-Skypen. Sie hat uns allen etwas Wichtiges mitzuteilen. Sie ist schwanger! Das Leben ist voller Überraschungen.  Ich freue mich riesig! Am Schluss werde ich hier in Panama noch zum ersten Mal Opa! Nein! Wir kommen früher zurück! Wir wissen nur noch nicht genau wann und wie.

Freitag, 22. Mai:

Ich recherchiere stundenlang über die Result Group und deren tschechischen Partner Charter Advisory, der das Buchungssystem bereitstellt, sowie die private Fluggesellschaft Privileg Style, die den Flug durchführen soll. Sind diese Firmen seriös? Oder wollen sie nur an der Not anderer verdienen? Zahle ich mal wieder und sehe mein Geld nie wieder, wie zuletzt bei Condor (siehe 17. April)?

Der stolze Flugpreis von 1.550 € pro Person für die Strecke PTY > FRA erscheint mir in diesem Fall wegen des hohen organisatorischen Aufwands plausibel. Ich entscheide: Wir machen das! Schlechter als bei Lufthansa und Condor, wo man sein Geld bei Flugausfall lange oder gar nicht zurückbekommt, kann es hier auch nicht laufen.

Samstag, 23. Mai, 2:00 Uhr morgens:

Ich versuche seit Stunden, den Flug für Susi und mich zu buchen. Mehrfach bricht die Internetverbindung ab, immer wird am Ende meine VISA-Goldcard abgelehnt, weil sie den neuen 3D-Sicherheitsstandard nicht erfüllt. Richtig! Da war was! Kurz vor meiner Abreise hatte ich ein Schreiben von meiner Kreditkartenbank bekommen, dass ich diesen neuen Sicherheitsstandard demnächst einrichten soll. Auf Anruf hatte mir die Sachbearbeiterin versichert, dass das nicht eilt und vorerst alles wie gewohnt weiterläuft. Ich könne das auch nach meiner Auslandsreise machen. Ich schicke eine Mail an Charter Advisory, die für Online-Buchungen keine andere Zahlungsart anbietet. Die Antwort kommt sehr schnell: Ich kann auch überweisen und bekomme eine Referenznummer.

Todmüde rufe ich um 5 Uhr morgens mein Online-Banking bei der Stadtsparkasse auf, vertippe mich bei der PIN-Eingabe und bekomme die Nachricht: „Ihr Online-Banking ist gesperrt! Bitte rufen Sie Ihren Bankberater an.“ Jetzt - am Wochenende?! Ich brauche ein paar Stunden Schlaf!

Samstag, 23. Mai, 9:00 Uhr:

Da die Tür zum Hoteldach – unweit meiner Zimmertür – gerade mal wieder nicht abgesperrt ist, schleiche ich mich hinauf  und denke zwischen gebrochener Dachpappe, verrosteten Stahlbetondrähten und jeder Menge Rohre nach. Der grandiose Ausblick über die Skyline von Panama City hilft mir dabei. Und - frische Luft! Ein wahrer Hochgenuss!

Ich rufe meine Tochter Sabine in Deutschland an und weihe sie unter dem Siegel der Verschwiegenheit ein. Der Rest der Familie soll nicht enttäuscht werden, falls der Flug wieder nicht stattfindet. Sabine, sonst eher knapp bei Kasse, zieht ihre Ressourcen zusammen - und überweist die 3.100 € für die beiden Flüge sofort per Schnellüberweisung von ihrem Konto auf das tschechische Konto von Charter Advisory. Natürlich garantiere ich ihr eine schnelle Rückzahlung. Schön, wenn man sich innerhalb der Familie fest aufeinander verlassen kann.

Das Hoteldach – frische Luft und ein Stück Freiheit!

Sonntag, 24. Mai:

Die Flugbestätigung der Result Group kommt. Ebenso zwei Salvoconductos, das sind Schreiben, die bei Polizeikontrollen im ganzen Land freies Geleit auf der Fahrt vom Hotel zum Flughafen zusichern. Die Spezialisten hatten das Problem schlau gelöst und mit der panamaischen Regierung ausgehandelt, dass alle Polizeikontrollen die Passagierliste abrufen können. Wer das Salvoconducto und seinen Pass vorzeigt und dazu noch auf der Passagierliste steht, darf durch. Echte Profis! Ich habe ein gutes Bauchgefühl!

Susi hat heute einen harten Tag: Sie muss packen, sich von ihrem geliebten Freund, der bei diesem Flug nicht mitkommen kann, verabschieden und für morgen ihre lange und komplizierte Anreise von Bocas del Toro nach Panama Stadt organisieren.

Montag, 25. Mai:

Susi setzt um 8 Uhr morgens mit einem eigens gecharterten Wassertaxi von Bocas del Toro nach Almirante über. Das Schnellboot braucht etwa 35 Minuten, ständig Vollgas. Die Fahrt von Almirante nach Panama City dauert nochmals rund 10 Stunden, führt im ersten Drittel über bergiges und kurvenreiches Terrain und dann über die gut ausgebaute Interamericana. Das Taxi kostet 500$. Susi findet einen Leidensgenossen, mit dem sie den Fahrpreis teilt.

Um 19:45 trifft Susi total erschöpft bei mir im Hotel Marbella ein. Umarmung oder Corona-Elbow-Check? Das bleibt unser Geheimnis!

Natürlich hat alles geschlossen. Susi bekommt meine letzte Instant-Nudelsuppe.

Dienstag, 26. Mai:

Gisela Zambrano, unsere alte Freundin und Taxifahrerin, holt uns pünktlich um 10:00 vom Hotel ab. Ich hatte ihr über die Result-Group ein Salvoconducto besorgt, in dem Autotyp, Autonummer, ihr Name, Ausweisnummer, Zeitfenster und Grund der Fahrt eingetragen wurden. Nur so darf sie uns fahren.

11:00 Uhr Check in – 4 Stunden vor dem für 15:00 geplanten Abflug. Bei sengender Hitze reihen wir uns in die lange Schlange vor dem Eingang zum internationalen Flughafen Tocumen ein und warten 2 Stunden, bis wir überhaupt in das klimatisierte Flughafengebäude kommen. Obwohl unser Flug der einzige Passagierflug an diesem Tag ist, an mehreren Schaltern abgefertigt wird und sich die Organisatoren alle Mühe geben, reicht wegen der gebotenen Abstandsregelung  die Vorlaufzeit nicht aus, um das Flugzeug pünktlich in die Luft zu bringen. Wir starten um 16:00 Uhr – mit einer Stunde Verspätung. Keiner meckert. Alle sind glücklich, überhaupt einen Platz in der voll ausgebuchten Maschine bekommen zu haben. Während des gesamten Fluges ist das Tragen von Mund-Nasenschutz obligatorisch.

Aufgrund der idealen Bestuhlung der Boeing 767-300 – jeweils 2 Sitzplätze nebeneinander rechts und links und in der Mitte eine 3er-Reihe – können Paare und Familien fast immer mit Abstand zu anderen Passagieren sitzen.

Abstandsdisziplin in der Warteschlange vor dem Eingang zum internationalen Flughafen Tocumen * Susi und Klaus und 227 Passagiere aus 27 Nationen auf dem Flug von Panama City nach Frankfurt * Über den Wolken IST die Freiheit grenzenlos *

Mittwoch, 27. Mai, 9:30:

Der Flug P6-6224 der Privileg Style Airline setzt nach zehneinhalbstündiger Flugzeit (+ 7 Std. Zeitverschiebung) sanft auf der Südbahn 07R des Frankfurter Flughafens auf. 229 Menschen aus 27 Nationen, darunter 49 Deutsche, 7 Österreicher, 14 Schweizer und 31 Israelis betreten glücklich deutschen Boden.

Wegen einer technischen Panne am Gepäckband warten wir bis mittags auf unsere Kofferausgabe. Dann fahren Susi und ich mit dem ICE nach München und überraschen Gabi und Alex mit unserer Ankunft. Die Freude ist unendlich groß!

Donnerstag, 28. Mai:

Wie immer nach langen Fernreisen einzelner Familienmitglieder gibt´s ein traditionelles Weißwurstfrühstück. Und wie immer wehrt sich Alex dagegen und isst nur ein paar kalte Debreziner aus Geselligkeit mit.

Donnerstag, 28. Mai, 23:00 Uhr:

Ich traue meinen Augen nicht und muss die E-Mail zweimal lesen. Die Result Group will mir 100 € pro Ticket zurücküberweisen und bittet um meine Bankverbindung, damit sie die Überweisung schnell  abwickeln kann. Will da ein Internetbetrüger meine Bankdaten abgreifen? Ich recherchiere. Tatsächlich hat das Organisationsteam in einer frühen Phase – ich hatte das nicht mitbekommen – jedem Passagier 100 € Erstattung versprochen, sofern mehr als das kostendeckende Minimum von 170 Fluggästen bucht. Eine sehr noble Geste, wenn ich daran denke, wie viele Monate ich schon Condor und Lufthansa hinterherlaufe und noch hinterherlaufen werde, nur um das Geld für nie stattgefundene Flüge zurückzubekommen.

Die Rausholer

Das Team der Result Group  (siehe https://www.result-group.com/ ) hat hervorragende Arbeit geleistet! „Results need no excuses“ sagt ein altes Sprichwort. „Nomen est omen“ ein anderes.  „Die Rausholer“ sind darauf spezialisiert, Menschen unter schwierigsten Bedingungen aus aller Welt zu evakuieren, einzeln, in kleinen und in großen Gruppen, selbst aus Krisengebieten und bei Entführungen und Erpressung. Echte Profis!

Mitarbeiter der Result Group beim Empfang am Frankfurter Flughafen

„Last not least“ oder „Das letzte Wort hat der Angeklagte“

Während der 10 Wochen in meiner Isolierzelle ging es mir immer gut, sowohl physisch als auch psychisch. Ich war nie verzweifelt und wartete vergeblich auf den von meinen Freunden prognostizierten Lagerkoller. Mir war auch nie langweilig. Ich hatte immer reichlich zu tun. Das einzige, was mir wirklich fehlte, waren die sozialen Kontakte (Familie, Freunde) und meine Freiheit! Einen gewissen Ersatz boten Skype, WhatsApp-Telefonie und E-Mail-Verkehr, zumal in Corona-Zeiten auch in Deutschland weniger geherzt, geküsst und umarmt wird.

Wirklich lästig war der Freiheitsentzug. Panama ist ein so wunderbares Land, Panama City in normalen Zeiten eine pulsierende Metropole. Einfach mal um die Häuser ziehen, zum Meer oder auf den Fischmarkt gehen oder eine Urwald-Exkursion zu den Emberá-Indios unternehmen – das hat mir diesmal gefehlt. Ebenso das gemeinsame Bierchen mit Freunden, Hubschrauberpiloten, Kollegen aus alten Zeiten, die nur wenige Kilometer von meinem Hotel wohnten - ohne dass wir uns diesmal sehen konnten.

Reiner Zufall: Michael Müller, der Protagonist im Roman „Der Rausholer“ des Erfolgsautors Max Claro ist darauf spezialisiert für die CIA und den BND Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten herauszuholen. Wahrscheinlich er hätte im Fall der Panama-Evakuierung genauso gehandelt, wie die Profis der Result Group. Der spannende Agententhriller (ISBN 9783929403480) erscheint im Herbst 2020 im HELLER VERLAG.

von Klaus Heller, Reiseführer- und Sachbuchautor
© Klaus Heller 2020, www.klaus-heller.de
Tel.: 00507-6138-1591 (ab 17 Uhr MESZ), Skype: letmeflynow

Lockdown Panama - Corona-Tagebuch

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Kommentar von Martina |

Großer Glückwunsch - was für ein Abenteuer und so ein guter Ausgang. Jetzt bleib aber auch gesund!!! Viele Grüße Martina und Günter

Kommentar von sylvia marschall |

Super, spannend geschrieben, bitte mehr davon

Kommentar von Die Kleene |

Die Odyssee von Klaus und Susi möchte man selbst nicht erleben. Ich wäre durchgedreht. Was für Strapazen!!! Es gab auf meinen Reisen auch schon unschöne oder gefährliche Situationen, bei denen ich leicht hysterisch wurde. Ja und da half nur die Ruhe und Besonnenheit von Andreas, oder vielleicht eine ordentliche Backpfeife ;-) :-)  Vor den Beiden ziehe ich meinen Hut. Chapeau!! Schön, das die Beiden heil zu Hause gelandet sind. Frau und Familie wird es freuen. Und ich weiß jetzt, dass es Rausholer/Profis wie die Result Group gibt. Ich hoffe ich brauche sie nie, aber gut zu wissen, dass es sie gibt.