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Landfluch(t)

von (Kommentare: 2)

Am Ende einer Woche ist das Homeoffice eben auch nur ein Office und die arbeitende Bevölkerung sehnt sich nach Müßiggang. Gerne auch irgendwas mit Natur. Welch großes Glück, dass wir in einer Stadt leben, die nicht nur Kunst und Kultur im Übermaß anbietet, sondern umringt ist von Ursprünglichem. Wasser, Wald und Wanderwege. Berlin hat alles. Und alles ist einfach erreichbar - zu Fuß, per Rad oder mit den Berliner Verkehrsbetrieben. Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?

Mit dieser Frage ist seit März dieses Jahres niemand mehr allein. Wozu braucht es noch Flughäfen, wenn sie einen nicht mal mehr in Urlaubsstimmung versetzen? Wer hätte gedacht, dass uns ausgerechnet ein Virus hilft, die Heimat wieder wertzuschätzen.

Ausgelaugt von langen Schichten und durchwachten Nächten im Heimbüro, fantasiert die Gemahlin seit Tagen von ausgedehnten Spaziergängen entlang schattiger Wege und romantischer Uferlandschaften in und um Berlin - bis hinein ins Brandenburgische. Fontane lässt grüßen, denkt sich der Graue und weiß, dass der große Dichter und Chronist auch schon seit 120 Jahren tot ist.

Lange Jahre einer (glücklichen) Ehe haben ihn jedoch gelehrt, jegliche Skepsis, die die Vorfreude der Gemahlin auf irgendetwas beeinträchtigen könnte, für sich zu behalten. Und so wachsen die Türme des ehefraulichen Luftschlosses namens „Wanderausflug am Wochenende“ von Tag zu Tag weiter in die Höhe, bis sie am Samstag schließlich wolkenkratzende Ausmaße erreicht haben. Bis zum Aufbruch ins Grüne unterlässt der Ehemann jede Äußerung, die seine holde Gattin aus ihrem Wolkenkuckucksheim fallen lassen könnte. Und irgendwann ist es dazu auch zu spät.

„Pack die Badehose ein, nimm dein kleines Schwesterlein und dann nichts wie ab zum Wannsee!“, tirilierte einst die Froboess. Und die Berliner folgten ihr. Folgen ihr noch immer. Nicht mit uns! Wir sind zwar nicht mehr die Jüngsten, deswegen aber noch lange nicht von gestern. Sommer in Berlin heißt, der Wannsee wird zum Wahnsee. Wir kennen die Bilder. Wie an der Rivera. Allerdings ohne die schachbrettartige Ausrichtung von Handtüchern und Sonnenschirmen. In Deutschlands Badeparadiesen herrscht im Sommer pure Anarchie. Hier lassen die Germanen seit jeher die Sau raus, die sie während der Woche pflichtbewusst und artgerecht im Schrank eingesperrt halten.

Für ihren nervenschonenden Ausflug in Kombination von Wald und Wasser hat die Angetraute daher eine stattliche Auswahl anderer, ebenfalls nahe gelegener Ziele in petto: Grunewaldsee, Schlachtensee, Nikolassee, Krumme Lanke, Hundekehlesee. Alles gut erreichbar mit der S 1. Heute soll es der Schlachtensee sein. Von dort werden wir entlang einer idyllischen Waldstrecke fußläufig nach Hause zurückwandern, unsere Lungen mit frischem Sauerstoff füllen, dem fröhlichen Gesang der Vögel lauschen und tiefsinnige Gespräche führen. So der Plan. Weiblicherseits. Niemand im Haushalt steht auf, um Zweifel daran zu äußern.

Die grauhaarige Hälfte der Paarbeziehung beißt sich immer heftiger und wortloser auf die Lippen. Seine zur Gewissheit gereiften Zweifel, dass der Tag anders verlaufen wird als in den Vorstellungen seiner Gattin, verschluckt er tapfer. Was ist schon die Weisheit eines Mannes gegen den Willen einer Frau? …. Genau!

Pünktlich um 13 Uhr geht es los und damit zu einem Zeitpunkt, an dem selbst an einem Samstag in Berlin die letzte Schnarchnase mitbekommen hat, dass draußen tropische Temperaturen herrschen, während es sich in der eigenen (nicht klimatisierten) Wohnung bereits anfühlt wie in einer finnischen Trockensauna.

Und so bekommen die anfänglich nur vor aufgeregter Freude leicht geröteten Pausbäckchen der Ehefrau bereits ab Berlin-Westkreuz eine intensivere Färbung. Die übervolle S-Bahn Richtung Potsdam erinnert ganz allgemein an Bilder vom Nachkriegs-Deutschland - und den Gatten persönlich an seine zwei Bahnfahrten in China 1992. Die gingen von Peking aus ins 600 Kilometer entfernte Anyang und von dort wieder zurück in die chinesische Hauptstadt. Auch da gab es keine unbelegten Steh-Plätze. Nur statt Mundschutz sah man seinerzeit jede Menge blaue Mützen mit rotem Stern.

An der Zielstation S-Bahn Nikolassee steigen wir aus. Ein Strom bunt gekleideter Lemminge mit riesigen Taschen und Tüten ergießt sich nach Westen, hin zum Wannseeufer. Die Gattin triumphiert. Unser Ziel liegt ostwärts. Ihr Blick geht in die andere Richtung – dorthin, wo sie noch immer unberührte Natur vermutet. Diese Vermutung ist das letzte, was von den ursprünglichen Ausflugsplänen bleiben wird.

Ein Pilgerzug wie zur Grotte nach Lourdes mäandert über Zehlendorfer Asphalt bis zum Ufer des Schlachtensees. Das heißt, dorthin, wo das Ufer eigentlich sein müsste. Das bekommt das Ehepaar in den besten Jahren nämlich eine ganze Weile nicht zu sehen. Menschenähnliche Geschöpfe, in vielen Reihen hintereinander und in mehreren Schichten übereinander gestapelt, versuchen offensichtlich eine geschlossene Verbindung aus Fleisch und Blut von einem Ufer zum anderen herzustellen.

Vielleicht geben ja die Rolling Stones ein Konzert auf einem Ponton in der Mitte des Sees? Oder ein neuer Messias führt vor, wie man über Wasser laufen kann - und alle wollen es sehen? Wir wissen es nicht und werden es nie erfahren.

Ein kleiner Atompilz der Erkenntnis verpufft über dem roten Haupt der Gattin. All ihre Fantasien über einen romantischen Waldausflug pulverisieren sich mit Lichtgeschwindigkeit. Nun schlägt die Stunde des Psychologen der ehelichen Gemeinschaft. Der Graue bricht sein Schweigen und übernimmt. Einmal mehr müssen seine vor langer Zeit erworbenen Kenntnisse als militärischer Führer Leben und Ehe retten. Der Auftrag für heute lautet: „Durchschlagen durch feindliche Linien. Niemand bleibt zurück.“

Was folgt, ist die Wanderung durch ein Hyronimus-Bosch-Gemälde - mit Ton – und schlimmer noch - mit Geruch. Als hätte jemand eine große Käseglocke über das Gebiet gestülpt, inhaliert im Umkreis von 5 Kilometern um den Schlachtensee jedes Lebewesen einen Aromamix, in dem Shisha-Tabak, Haschisch, Sonnencreme und Schweiß noch am einfachsten zu identifizieren sind. Der Rest riecht - untertrieben ausgedrückt - nach Gammelfleisch. Irgendwie kein Wunder. Schließlich befinden wir uns ja (Achtung Wortwitz!) am Schlachthaussee.

Wer es nicht bis ins oder ans Wasser schafft (die meisten!), lässt alles fallen und schlägt sein Quartiert auf staubigem Boden und in grauem Dreck auf. Unser Weg führt in den nächsten Stunden vorbei an spontan errichteten Lagern und Siedlungen, bestehend aus Bierkästen und Kühltaschen. Im Schutze von Wagenburgen aus Bollerwagen und Fahrrädern baumeln Outdoorprofis in Hängematten zwischen den Bäumen.

Irgendwann erhaschen wir tatsächlich einen Blick auf den See. Früher balancierten die Menschen auf körperschmalen Luftmatratzen auf der Wasseroberfläche. Heute wird schwimmfähiges Plastik in Hüpfburggröße zu Wasser gelassen. Eine Art Mehrfamilien-Luftmatratze. Typ Arche Noah 2.0. Dazu Verpflegung für mehrere Monate und eine Musikanlage aus einem der Berliner Clubs, die inzwischen schließen mussten. Wir können von Glück reden, dass Viren allgemein als wasserscheu und Nichtschwimmer bekannt sind und somit am Ufer bleiben müssen. Damit lässt sich auf dem See schön jede Abstandsregel ignorieren - so wie es bei Reisen mit der Deutschen Bahn bereits vorbildlich praktiziert wird.

Gesicht und Haare der Ehefrau sind nach nur wenigen Stunden zu einer einheitlich roten Farbe verschmolzen. Ihr fröhliches Plappern ist längst versiegt. Ein dünnes Rinnsal aus den immer gleichen Worten tröpfelt über ihre trockenen Lippen: „Wann sind wir da?“ „Wo gibt’s ein Eis?“ „Ist es noch weit?“ „Weißt du, wo wir sind?“ „Ich kann nicht mehr….“

Die abwechselnden Antworten lauten „bald“, „gleich“, „ja“ und „nein“. Tiefsinniger und komplexer wird das Gespräch nicht. Der Graue weiß nicht, ob ihn die taumelnde Frau an seiner Seite überhaupt noch hört oder bereits ihren inneren Stimmen lauscht.

Doch so, wie die plötzlich auftauchende Möwe nach langer Fahrt über weites Meer von nahendem Land zeugt, ist die veränderte Müllsituation am Wegesrand Vorbote für eine veränderte Form menschlicher Zivilisation. Teller, Tassen, Essensreste und Abfälle säumen appetitanregend die letzten Kilometer, bis wir das Restaurant „Die Fischerhütte am Schlachtensee“ erreichen. Hier gibt es alles: Speisen und Getränke, ganz nach Wunsch, warm oder kalt - und köstliches Speiseeis. Vorausgesetzt man ist bereit oder körperlich noch in der Lage, 12 Stunden anzustehen, bis man an der Reihe ist. Warteschlangen und -zeiten wie einstmals vor den Regalen mit dem Klopapier. Das malerische Restaurant mit dem einladenden Biergarten kompensiert allein an diesem Tag die Verluste von 3 Monaten Lockdown. Der Graue gönnt es ihnen, während die Rote schon nicht mehr unterscheiden kann zwischen dem, was sie halluziniert, und dem, was wirklich ist.

Mental und moralisch bereit, sich notfalls zu Fuß bis an die Ostsee durchzuschlagen, beschließt der Familienvorstand mit Rücksicht auf die Restfamilie, die Exkursion an diesem Punkt abzukürzen. Die paar Kilometer zur U-Bahn-Station „Krumme Lanke“ sind nur noch ein Klacks. Eine dort angesiedelte italienische Eisdiele bietet ideale Nothilfe zur Wiederbelebung. Mit rotglühenden Wangen und glasigen Augen schlabbert sich die kleine Rote mit einem 5-Liter-Eimerchen Eis (einmal alles!) zurück in die Realität.

Bald darauf hat uns die aufgeheizte Stadt zurück. Dankbar atmen wir die abgestandene, feinstaubbelastete Berliner Luft ein. Einfach herrlich! Diese Ruhe. Kein Mensch zu sehen. Alle sind raus aufs Land. Und die meisten von ihnen am Schlachtensee.

In der Wohnung ist es zehn Grad kühler als draußen. Die Rote wirft sich aufs Sofa und liest im Buch „66-Seen-Ausflüge um Berlin“. Sie schweigt dazu und atmet schwer.

Der Graue befürchtet Schlimmes.

 

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Kommentare

Kommentar von Martina |

Haben sehr geschmunzelt und waren bei den Foros doch etwas erschrocken bei den Bildern. Hier geht's recht diszipliniert zu, auch wenn recht voll ist. Übrigens wär das Kleinstädtchen für Simone ein Paradies: mehrere große Schuhgeschäfte mitsehr großen Reduzierungen

Kommentar von Dieter Buhrau |

Oh was bin ich froh auf dem Platten Land im Bergdorf Gohr zu leben. Ich würde mir das Leben nehmen dort auch nur 1 Minute aushalten zu müssen. Bin froh dass Ihr keine bleibenden Schäden davon getragen habt

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