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Kein Durchblick

von (Kommentare: 3)

Vor drei Jahren sind wir in diese Wohnung gezogen. Seitdem betrachte ich die schönen Altbau-Doppelfenster aus Holz mit Sorge und denke darüber nach, wann das Putzen der gefühlt tausend Scheiben nicht mehr aufzuschieben ist.

Im Jahr 1 war ich noch in der Eingewöhnung. Im Jahr 2 habe ich probeweise erstmal das Küchenfenster geputzt und war nach dem Herumturnen auf der hohen Leiter fix und alle und immer noch nicht schwindelfrei. Warum muss man bei 4 Meter Deckenhöhe so weit oben auch noch Fenster haben? Die restlichen Fenster der Wohnung habe ich gezählt, die Zahl verdoppelt - und das Projekt auf unbestimmte Zeit verschoben.

 

 

In der Firma habe ich mit den Fensterputz-Profis geflirtet, während sie auf den Fensterbänken herumturnten, mit ihre Gerätschaften am Gürtel hantierten wie mit Handfeuerwaffen und in Minutenschnelle unsere übergroßen Bürofenster streifenfrei zum Strahlen brachten. Fasziniert himmelte ich sie an und versuchte wortreich, sie für einen Privatjob abzuwerben. Sie haben gelacht und dankend abgelehnt. Begründung: Sie putzen nicht auch noch in ihrer Freizeit.

Na toll, dachte ich. Wer fragt nach meiner Freizeit??

Im dritten Sommer nervte ich den Grauen, mir von irgendwoher einen Fensterputzer zu spendieren, und versicherte ihm, es müsste kein Nacktputzer sein. Der Graue zog die Denkerstirn kraus und guckte unverständlich auf die Fenster. Er fand sie total okay. Die staubigen Scheiben filterten auf natürliche Weise das grelle Sonnenlicht, das vorwurfsvoll auf das Durcheinander fiel, das er Schreibtisch nennt.

In diesem Jahr hörte ich zum wiederholten Male von Freundinnen, was für tolle Hilfsmittel es inzwischen für das Fensterputzen gab. Sie schwärmten mir vor, kriegten sich nicht mehr ein und gestikulierten wortreich vor meiner Nase herum, dass Fensterputzen heutzutage geradezu zu den Lieblingsarbeiten der modernen Hausfrau gehört. Ich guckte zuhause auf die dreckigen Scheiben, zog die Gardinen zu und ließ die Rollos runter.

Und dann – beim Stöbern auf den Internetseiten eines sehr bekannten deutschen Buchladens – entdeckte ich dort einen „Fensterreiniger“. Begriffe wie „Abziehlippe mit USB-Kabel“, „Blaue Leuchte am Fensterreiniger“ und „Schmutzwassertank“ klangen wie Zwölftonmusik in meinen Ohren. Bisher hatte ich meine Fenster mit Fensterputzmittel und Lappen geputzt. Es war wohl nun Zeit, von der Schreibmaschine auf Computer, von der Mangel auf Bügelmaschine und von Eselskarren auf Flugzeug umzusteigen: Ich bestellte den Fensterputzer-Karton. Ich musste herausfinden, was eine Abziehlippe mit einem USB-Kabel zu tun hat. Kochmaus wollte es auch wissen.

Als der Karton geliefert wurde, guckte der Graue schon wieder sehr misstrauisch. Wie immer, wenn die Lieferung nicht für ihn ist. Ich schob ihn beiseite und entschied, dass heute ein schöner Tag zum Fensterputzen ist.

Ich zog mir zivile Fensterputzarbeitskleidung an und packte den Karton aus. Obenauf lag die Gebrauchsanweisung für mein neues Hightech-Putzgerät. Jetzt verstand ich, warum das Ding von einem Buchladen verkauft wurde: Die Anleitung war so dick wie ein Telefonbuch und für die moderne Hausfrau in Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Holland, Spanien, Italien, Schweden und Polen niedergeschrieben worden. Ich legte alle Einzelteile aus dem Karton auf den Tisch. Es sah aus wie in einem unausgepackten Studienlabor für Kinderspielzeug. Eines der Teile sah aus wie mein Föhn, das kam mir bekannt vor. Kochmaus fand die Verpackungsmaterialien sehr interessant und turnte darauf herum.

Ich kochte mir also erstmal einen Kaffee, knabberte gemütlich an ein paar Keksen und studierte die Bilder im „Quick Start Guide“, der in drei Kategorien unterteilt war: Montage, Akku laden, Fenster putzen. Man musste also zwingend mit Aufgabe 1 beginnen. Die „Montage“ bestand darin, dass man das flache Teil mit der Abziehlippe auf den Föhn steckt – und das andere flache Teil mit dem Mikrofaser-Wisch-Bezug auf die zusammengeschraubte Sprühflasche. Das war einfach. Soweit - so gut. Fenster, ich komme! Der Graue schleppte auf meinen Befehl die Leiter ins Zimmer. Ach nein, ich musste ja noch Teil 2 der Anleitung abarbeiten: Akku laden.
Ratlos drehte ich die zusammengebauten Teile (Sprühflasche mit abgebautem Wischmopp, Föhn mit angebauter Lippe) in den Händen. Wo ist die Stelle zum Aufladen, und vor allem: Warum???

Der Graue fragte, ob er was helfen könne, und bot mir seinen „Abzieher“ von der Duschkabine an. Ich erklärte ihm, dass ich mit solchen profanen Hilfsmitteln nicht arbeiten könne und er doch schließlich auch nicht in ein Brötchen von gestern beiße, wenn er eine Gourmet-Schnitte aus dem Feinkostladen haben könne. Den Essens-Vergleich verstand er auf Anhieb und zog sich brummelnd in sein milchglasgefiltertes Arbeitszimmer zurück.

Ich verband den Fensterputz-Föhn mit der Steckdose und freute mich über das hypermoderne blinkende blaue Licht am Gerät, das sich in den staubigen Fenstern wiederspiegelte.

Während Föhn-Lippe auflud, studierte ich die Sicherheitshinweise in der Gebrauchsanweisung. „Die Ladespannung muss 5 VDC und mindestens 1 A betragen.“ Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was 5 VDC sind, hoffte aber, dass meine Steckdose das hergab. Eine andere hatte ich nämlich nicht. Ich überflog weltmännisch das polnische, holländische und französische Wort für „Ladespannung“. Es half mir nicht weiter. Das blaue Licht blinkte beruhigend und hypnotisierte mich ein wenig….
An diesem Tag musste ich das Fensterputzen vertagen. Mehrere Stunden waren vergangen, ehe das geheimnisvolle blaue Licht dauerhaft leuchtete und somit für den nächsten Schritt bereit war. Inzwischen hatte ich die Sicherheitshinweise fast auswendig gelernt und war durch Sätze wie „Das Gerät darf nur im Haushalt eingesetzt werden“ oder „Stark verschmutzte Untergründe müssen vorgereinigt werden“ nervös geworden. Wenn ich die Fenster erst vorreinigen müsste, bräuchte ich das Gerät ja nicht! Was für ein Quatsch…

Am nächsten Tag also begann der Putzmarathon endgültig. Ich und meine Geräte waren bereit. Ich räumte im Wohnzimmer die Fensterfront frei, nahm die Gardinen von den Ikea-Gardinenstangen und trug diese samt der Staubschicht von drei Jahren zur Waschmaschine. Dann nahm ich die Sprühflaschen-Wischmopp-Kombi und legte los. Einseifen mit der Flasche in der Hand war nicht gerade einfach. Gleichzeitig sprühen und wischen. Jedesmal die Flasche mit hoch und runter schieben. Irgendwie ging das mit einem Lappen schneller. Runter von der Leiter, Sprühflasche abstellen, Lippen-Föhn in die Hand nehmen, Leiter hoch, Knopf drücken, ABZIEHEN mit Brummton. Der Graue kam angerannt und staunte, weil er wieder durch die ersten Fenster gucken konnte. Ich zeigte ihm das Dreckwasser von drei Jahren im Auffangbehälter, er zeigte vorwurfsvoll auf das gegenwärtige Dreckwasser, das von den Fensterrahmen aufs Parkett tropfte. So hatte ich mir das natürlich nicht vorgestellt. Ich legte Wischlappen auf dem Parkett aus und Trockentücher bereit. Leiter runter, Leiter hoch. Sprühen, abziehen, wischen. Alles doppelt. Innenfenster, Außenfenster. Ich schob die Leiter hin und her und kletterte hoch und wieder runter. Der Graue musste mir die Sprühgerätschaft reichen und wieder abnehmen. Er quengelte und wollte nicht assistieren. Dann holte er doch befehlsgemäß Lappen für die Rahmen und klammerte sich an meine Waden, wenn ich hoch oben herumfuhrwerkte. Leiter hoch. Runter. Tropfen auf dem Parkett. Wischen, sprühen, mit dem Abzieh-Lippen-Föhn abziehen. Ich schwitzte nicht mehr, ich triefte. Draußen schien die Sonne.

Irgendwann war die Waschmaschine fertig, die 24 Einzel-Fenster (!!) des Wohnzimmers waren geputzt, das Parkett gewischt, die schneeweißen Stores wieder an den Gardinenstangen, die Gardinenstangen wieder an den Halterungen festgeschraubt - und ich lag innmitteln meines Hightech-Fenster-Putz- auf dem Sofa, Blickrichtung Fensterfront. Ich konnte es nicht fassen. Die Sprühflasche auf dem Couchtisch war leer, der Mikrofaser-Wischmopp schwarz, der Schmutzauffangbehälter voll. Ich konnte mich nicht mehr rühren.

Der Graue trug die Leiter aus dem Zimmer und küsste mir die aufgeweichten Hände. Ich war sowas von stolz und konnte nicht aufhören, mein Werk zu betrachten.
Ich weiß noch nicht, ob ich die Fenster-Lippen-Abzieh-Vorrichtung beim nächsten Zimmer wieder zum Einsatz bringe. 24 Fenster und Drei-Jahres-Dreck war High-Score und worst case, das schlimmste liegt hinter mir. Vielleicht reicht ja bei den anderen Fenstern wieder mein kleines Eimerchen mit Essigwasser, das ich wie ein Handtäschchen umschnallen kann - und ein altes Handtuch zum Polieren. Oder Glastücher aus der Drogerie.

Denke ich so bei mir und räume den Karton mit Abziehlippe und Sprühvorrichtung erstmal in die Kammer.

Hinten im Regal blinkt leise das blaue Licht.

 

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Kommentare

Kommentar von Lys |

Ich bin schwer beeindruckt, frage mich jedoch, ob auch alle Arbeitsschutzvorschriften eingehalten wurden.

Kommentar von Kochmaus |

Wurde nicht! Ich bin auf dem nassen Fussboden ausgerutscht und habe mich schwer verletzt. Ich brauche dringend anwaltliche Hilfe ! Zur Klage auf Frühverrentung, Schmerzensgeld und lebenslanges Wohnrecht.

Kommentar von Reimann Sybille |

Ich hab das Ding auch bekommen, mich versucht, und es seit dem gut im Keller versteckt. Eimer ist mir lieber. Es geht schneller und macht auch keine Streifen. DALLO

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