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Zurück in den Winter

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Honolulu - San Diego

Um viertel vor fünf geht es zum Airport, Mietwagen abgeben, dann zum Terminal. Es reicht noch für einen Kaffee, bevor wir Hand in Hand zum Einstieg wanken. Auf dem Weg dorthin begegnen wir einem Mann mittleren Alters, stämmig, farbig, der uns erblickt und barsch anraunzt: „We don’t hold hands anymore“ - Wir halten uns hier nicht mehr an den Händen!

Stutz!

Die kleine Reisegruppe stoppt vor dem Fremden. Die Gemahlin verschwindet hinterm Rücken des Reiseleiters und drückt ihn sanft nach vorn. Der Familienvorstand versucht der unvermittelten Ansprache einen Sinn zu entlocken. Was ihm nicht gelingt und somit verunsichert. Etwas weniger barsch wiederholt der Mann seine Aufforderung. „Das macht man heute nicht mehr, sich an der Hand halten“. Noch immer ergibt das alles keinen richtigen Sinn. Was soll das und was kommt da gleich noch? Eventuell irgend ein religiöses Ding? Wir sind in Amerika. Da erlebst Du Sachen, die erlebst du nirgendwo sonst.

Plötzlich lacht der Mann laut auf und strahlt uns an. „Man sieht das heutzutage so selten, dass Leute sich noch an der Hand halten. Wir sollten uns alle ständig an den Händen halten“, ergänzt er und streckt mir seine entgegen. Sein Lachen ist offen, ehrlich und herzlich. Noch völlig perplex, muss auch ich lachen. Wir umarmen uns spontan mitten im Zugangsbereich des Flughafens. Zwei Fremde morgens um sechs. Wir wünschen uns einen schönen Tag und gehen unserer Wege. That´s America. Sowas erlebst du nur hier.

Unser Reiseziel ist San Diego, am südlichsten Zipfel Kaliforniens. Wir fliegen in zwei Etappen dorthin. Nach fünfeinhalb Stunden Flug landen wir zunächst in Los Angeles. United Airlines ist diesmal unsere Wahl. Sie gehören der Star Alliance Gruppe an, bei der wir schön Punkte für zukünftige Upgrades und Freiflüge sammeln können. Die Maschine, eine Boeing 757-300, ist mit knapp 300 Passagieren ausgebucht.

Nach dem Start überfliegen wir noch einige andere der Hawaii-Inseln, bevor die Maschine Nordost-Kurs einschlägt und bis zur Landung nur noch Wasser zu sehen ist. Das ganze läuft hier als Inlandsflug, was sich unter anderem auch auf das Unterhaltungsprogramm auswirkt. Monitore oder Kopfhörer gibt es nicht. Dafür kostenloses WLAN, aus dem du die Bespaßung deiner Wahl saugen kannst. Pech für Leute mit Tastentelefon ohne Monitor. Obwohl wir im Besitz toller Smartphones sind, ist es uns zu popelig, stundenlang wie 4-Jährige auf unsere Displays zu glotzen und uns mit Filmen in Briefmarkenformat die Augen zu verderben.

Die glücklich vermählten Händchenhalter ziehen stattdessen die gepflegt Konversation vor. Immerhin haben sie sich nach langen Jahren der Ehe noch immer etwas zu sagen. Gemeinsam studieren sie das Bordmagazin, das unter anderem mit einem üppig bebilderten und ausführlichen Artikel über eine bereits häufig von uns besuchte Karibikinsel berichtet: Curacao. Noch nicht wieder ganz zurück in der Heimat und immer noch auf Reisen, werden bereits neue Begehrlichkeiten wach.

Den Rest der Flugzeit verbringt die Gemahlin mit der Lektüre eines dicken Schmökers, während sich der Chronist mit dem Exposee für eine neue Kindergeschichte beschäftigt, die nach der ersten Idee vor über sechs Wochen, nun Form und Gestalt angenommen hat. Arbeitstitel: „Mach’s Licht an, Elvis!“. Man darf gespannt sein. Kochmaus nervt unentwegt rum. Sie will wissen, um was es geht. Tja Kochmaus, wer will das nicht. Abwarten und die Bestsellerlisten im Auge behalten.

Der Service während des Fluges ist allererste Sahne. Aufmerksam, freundlich - und ein Bordfrühstück, das den Chronisten in Begeisterung versetzt. Statt einer üppigen Eierspeise, der jede Menge Huhn untergerührt wurde, kann er auf ungezuckerten(!!) Haferbrei mit frischem Obst zurückgreifen. Diese Alternative bringt für ein paar schöne Momente die Heimat aufs Tablett.

Kalifornien begrüßt uns im dezenten Grau. Dichte Wolken liegen über dem Land. In L.A. müssen wir umsteigen. Die Wartezeit dauert länger, als der einstündige Transfer nach San Diego, den wir mit einer Nettoflugzeit von 23 Minuten hinter uns bringen. In einer Embraer 175, mit gut 80 Passagieren voll besetzt, geht es entlang der Küste, Flughöhe 13.000 Fuss/4.000 Meter - Standardabsprunghöhe beim Fallschirmspringen. Aus dieser Höhe liegt Kalifornien gut sichtbar wie auf einer Strassenkarte unter uns. Wir verfolgen den Weg, den wir schon so oft mit dem Auto zurückgelegt haben, aus dem Fenster.

Über Oceanside - unserem nächsten Reiseziel - geht die Maschine bereits wieder in den Sinkflug. San Diego begrüßt uns in voller Beleuchtung, als wir um sechs Uhr landen. Es ist bereits dunkel. Wir haben wieder einen grossen Sprung nach Norden gemacht. Und hier ist noch immer Winter.

 

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