Jetzt schau Dir das an, Mama!
von Peter Schäfer (Kommentare: 0)
Willemstad, vier Tage vor dem Spiel Curaçao gegen Deutschland
Siegesgewiss reckt sich die Statue des FIFA WM Pokals gen Himmel. Übergroß und mit Blick auf den Brionplein, den wichtigsten Veranstaltungs- und Festplatz von Curaçaos Hauptstadt Willemstad. Regelmäßig finden hier Konzerte, politische Kundgebungen, Kulturveranstaltungen und nationale Feiern statt. Und demnächst auch Public Viewing. Fußball. Weltmeisterschaft 2026.
Am Fuße des Weltpokals finden sich zwei kleine Spielflächen aus Kunstrasen mit Minitoren. Sie werden eifrig genutzt. Eine Horde kleiner Mädchen und ihre Kindergärtnerinnen toben über das Grün und treten auf einen Ball ein, sobald er in ihre Nähe gelangt. Alle im blauen Dress. „Die kleinste Nation, die sich jemals für eine WM qualifiziert hat“, steht unterm FIFA-Pokal. Die Kinder wirken wie eine dazu gehörige Liveperformance.
Im anderen Feld bolzen ein paar Jungs. Obwohl sehr gewandt und technisch versiert, spielt keiner von ihnen Fußball im Verein. Sie wollen sich die Spiele zu Hause anschauen. Public Viewing eher nicht. Entweder sind sie extrem zurückhaltend oder sie empfinden nicht allzu viel Euphorie für die erste Teilnahme ihres Landes bei einer WM. Ja klar seien sie stolz, dass Curaçao dabei ist. Überbordend klingt anderes.
Nur wenige Schritte entfernt zeigt Tour Guide Audrey, wie es sein sollte. Formvollendet eingekleidet, stellt sie ihre Begeisterung unübersehbar zu Schau. „Es ist Gottes Wille, dass wir uns qualifiziert haben!“ betont sie und erwähnt ungefragt, dass sie Christin sei. Jeder Verdacht in Richtung Ironie oder Sarkasmus ist damit erledigt.
Welchen Stellenwert die WM für die Insel hat, bekommt man bereits am Flughafen mit. Von alles Seiten wird man über die Blue Wave – die blaue Welle in Kenntnis gesetzt, auf der Curaçao seit der Qualifizierung surft. Nach zwei Tagen auf der Insel kann man sich allerdings des Eindrucks nicht erwehren, dass es bei all den Marketingbemühungen zuallererst um Curaçao geht. Nicht um Fußball. „Our people. Our Island. Our destiny.“ – Unser Volk. Unsere Insel. Unsere Bestimmung - das findet sich unter der Aufforderung, die Blaue Welle zu unterstützen.
Und das ist mehr als legitim. Wir reden hier über eine Insel, deren 156.000 Bewohner seit ihrer Existenz unterhalb des internationalen Informationsradars segeln. Erst seit der Qualifikation für die WM und der Auslosung für die Vorrunde hat zumindest auch der Letzte in Deutschland mitbekommen, dass es da diesen Ort mit dem exotischen Namen gibt, irgendwo weit weg. Und während die Karibikinsel als Urlaubsort durchaus ernstgenommen wird, rangiert sie als Gegner für den vierfachen Weltmeister Deutschland unter „lösbare Aufgabe“.
„Egal, was jetzt noch kommt, wir haben bereits gewonnen“, sagt Gerry. Der 21-jährige Gastronom spielt selbst aktiv Fußball. Wieder. „Vor einigen Jahren fand hier gar nichts mehr statt mit organisiertem Fußball“, erinnert er sich. „Wir haben das dann selbst in die Hand genommen“. Er gibt zu, dass eine Menge Glück im Spiel war, dass Curaçao sich qualifizieren konnte. Aber was wäre Sport, wenn alles bereits im vornherein mathematisch zu berechnen wäre. Dann könnte man auf jede sportliche Auseinandersetzung auch verzichten. Er freut sich auf die Spiele. Beim ersten Match gegen Deutschland würde er allerdings keinen Guilder auf das eigene Team setzen. „Ein Tor wäre schön. Sensationell.“ Bescheidenheit ist offensichtlich eine Tugend derjenigen, die gewohnt sind, nicht ständig im Mittelpunkt zu stehen und die mit wenig zurechtkommen.
Außerdem ist numerische Größe nur eine Möglichkeit, um sich selbst zu definieren. Die viel zitierten inneren Werte kann man eben nicht beziffern und auch mit keinem Preisschild versehen. Die Weltrangliste ist das eine. Ein Spiel vor den Augen von Millionen etwas anderes. Da ist die Aufmerksamkeit gleichmäßig verteilt: auf den Favoriten ebenso wie auf den Underdog.
„Mama, wak!“ so lautet der offizielle und kollektive Kampfruf der Menschen von Curaçao für die WM. „Schau her, Mama!“ „Sieh, was wir geleistet haben, Mama!“ Mama. Nicht: Welt, schau her! Bei aller Begeisterung wissen die Menschen von Curaçao, wo sie stehen. Sie sind vor allem auf sich selbst stolz, endlich mal gesehen zu werden, und das tut auch ihrer Freude keinen Abbruch, selbst wenn ansonsten ihre Begeisterung für Fußball überschaubar ist.
Vor einer Schaufensterfassade posiert fröhlich und vor allem lautstark eine Gruppe Menschen für ein Foto. Es sind Mitarbeiter des APC, dem allgemeinen Pensionsfond von Curaçao. Eine Art karibische BfA. Auch diese Damen und Herren surfen auf der großen Welle mit. Kein Unternehmen, keine Institution will diese zwei Wochen im Juni ungenutzt verstreichen lassen. Wer etwas auf sich hält, beziehungsweise dazugehören möchte, dekoriert. Erst die Fassaden. Am Ende sich selbst.
Ein älterer Herr beobachtet etwas skeptisch das Geschehen. Als die APC-Leute in ihren Büros hinter den zugeklebten Fenstern verschwinden, murmelt er unverständlich vor sich hin. Eher ein Grummeln. Von diesen Leuten bezieht er seine Rente. Eugene ist 77, auf Curaçao geboren und habe, bis auf nur kurze Abwesenheiten, die Insel nie verlassen. Bei aller Blue Wave-Euphorie, es gibt Einiges, was er an seiner Heimat auszusetzen hat. Vieles davon klingt wie Probleme, die auch aus anderen Ländern bekannt sind. Steigende Lebenshaltungskosten, zu wenig Geld, Kriminalität und seit über 10 Jahren eine zunehmende illegale Einwanderung nach Curaçao, vor allem aus Kolumbien und Venezuela. Die WM und das Drumherum verfolgt er mit einem eher unaufgeregten Interesse. Als ehemaliger aktiver Fußballer habe er 14 Jahre lang auf der Insel mitgekickt. Von der nationalen Equipe erwartet er zwar keine Wunder, ist aber überzeugt, dass sich das Team die Teilnahme verdient hat. „Sie haben hart dafür gearbeitet und gekämpft“. Dass die Mannschaft ein Patchwork aus Spielern ist, die zum Teil eine sehr lose Bindung zu Curaçao haben, sieht er nicht als kritikwürdig an. In allen Teams der WM spielen Legionäre mit und Spieler, die sich über den Pass und nicht die Geburtsurkunde als Zugehörige des Landes definieren, deren Trikots sie auf den Platz tragen. „Auf Curaçao kannst du als Fußballspieler kein Geld verdienen. Wenn du gut bist und davon leben willst, musst du raus.“
Eugene weiß noch nicht, wo er die Spiele sehen wird. Die kostenfreien Fernsehsender, die er nutzt, bieten da nichts an. Und Geld dafür auszugeben, um das zu ändern, ist für ihn keine Option. Ein Freund habe einen Zugang zu den Live-Übertragungen der Spiele. Der bereite gerade etwas vor, um auch anderen zu ermöglichen, die WM mitverfolgen zu können. Natürlich kostenlos. Wenn das nicht klappt, bleibt nur noch zu hoffen, dass ihm jemand die 25 Guilder (ca. 12 Euro) spendiert, um damit den Eintritt zu einem der Public Viewing Orte zu bezahlen. Eugene lacht, als habe er einen schlechten Witz gemacht.
Dieses Problem hat Benjamin Wever nicht. Der 97(!)-Jährige ist Eigentümer einer schmalen, schlauchartigen gekachelten Höhle, die gegenüber des schwimmenden Marktes firmiert. Einen Namen hat die Einrichtung nicht. Über der Tür lediglich das Werbeschild einer Biermarke.
Der 14-fache Vater war in seinen besten Tagen ein gut gebuchter Stand Up Comedian. Er hat Bühnen in aller Welt bespielt. Auf Curaçao muss er eine Legende gewesen sein. Er gehörte 1960 zu den Gründern des modernen Caranval auf der Insel. Der ist bis heute zu einem vier Wochen dauernden farbenfrohen Spektakel herangewachsen. Mit Teilnehmern aus Mittel- und Südamerika. Als Rentner ist er schließlich in der Gastronomie gelandet. Hat viele Jahre Speisen und Getränke angeboten. Seit ihm auch das zu viel wurde, gibt es nur noch Bier. Es ist kalt. Es ist gut. Und es kostet nur wenig mehr als im Supermarkt nebenan.
Weitere Menschen werden ins rustikale Innere von Benjis Höhle gespült. Und bald schon fühlt es sich an wie ein Rückzugsort lebender Fossilien. Sie tragen die unzähligen Geschichten ihrer langen Lebensjahre mit sich herum wie einen kostbaren Schatz oder eine schwere Last. Über beides reden sie, wenn überhaupt, nur nach Aufforderung. Fußball gehört nicht zu ihren Themen. Die blaue Welle schafft es nicht in Benjis Höhle. Sie rauscht draußen lautlos vorbei. Dafür verspricht Losverkäuferin Daliah Gewinne in astronomischen Höhen. Nächste Ziehung in zwei Tagen. Prost.
Benji wird dennoch einen Blick auf die Spiele werfen. Hinterm Tresen läuft ein Fernsehapparat im Dauerbetrieb. Schwer zu sagen, ob das Bild durch den Empfang so schlecht ist oder durch die langjährigen Ablagerungen von Koch- oder sonstigen Ausdünstungen. Alles etwas verschwommen.
Und damit ist sie erledigt: die Suche nach dem idealen Ort, um die Spiele zu verfolgen. Wo, wenn nicht zwischen Benjis schmierigen Fliesen, den aus der Zeit gefallenen Wandmalereien und dazugehörigen Menschen, ließe sich mehr erfahren über Fortuna, Gott und Kampfgeist. Am 14.6. tritt Curaçao zum ersten Mal in der Geschichte zu einem WM-Spiel an. Gegen Alemannia. Wenn dabei - gegen alle Wahrscheinlichkeiten – das blaue Team einen Tsunami losbrechen sollte, wird die Blaue Welle ganz sicher auch Benjis Höhle fluten.
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