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Im Windschatten

von (Kommentare: 1)

Windy Welly

Wellington hat wegen seiner geografischen Lage an den „Roaring Forties“/Donnernde Vierziger (= eine Zone starker Westwinde zwischen 40° und 50° südlicher Breite) den Spitznamen „Windy City“.

Am Neujahrsmorgen fragen wir uns, ob es eben diese Luftbewegungen waren, die die Reste der Silvesternacht innerhalb weniger Stunden aus den Straßen der Stadt geweht haben. Oder waren es irgendwelche Hobbits, die einen magischen Ring gerieben haben, auf dass sich die Spuren des Stadtfestes in Nichts auflösen?

Ein weiteres Mal sind wir verwirrt. In Berlin begehen wir zu Ostern schließlich auch die „Weihnachtswend-Feier“, wenn endlich die letzten entsorgten Christbäume und Feuerwerksmüll (zumindest die Bestandteile, die sich noch nicht mit dem Asphalt verbunden haben) aus dem Stadtbild verschwinden.

Auf dem Weg entlang der Partymeile hin zum Neuseeländischen Nationalmuseum (ca. 2 km Fussweg) stoßen wir - nachdem noch keine 10 Stunden des neuen Jahres vergangen sind - erst ganz zum Schluss auf eine Zigarettenkippe und zwei Kronkorken. Wir sind fast ein bisschen erleichtert und stellen fest, dass auch in Wellington der Schlendrian Einzug hält. Allerdings müssen sich die Neuseeländer noch tüchtig anstrengen, um Berliner Standards zu erreichen.

 

Te Papa

Das Nationalmuseum Neuseelands ist in mehrfacher Hinsicht ein Monument. Hier kann man durchaus auch eine Woche zubringen (Eintritt ist frei), um sich über alles rund um Neuseelands Werden und Sein zu informieren. Das Gebäude an sich ist bereits ein einziges Statement. Der kolossale Bau ist in einer unglaublich raffinierten und aufwendigen Weise so erdbebenfest konstruiert, dass es - laut Architekten - selbst schwerste Erdbeben, die nur alle 500 Jahre auftreten, überleben würde. Gleichzeitig überzeugt das Innere des Komplexes mit einer großzügigen Weite und Leichtigkeit, die sich über 6 Ebenen erstreckt.

Wir haben nur einen Tag Zeit für Te Papa und das reicht so eben mal aus, um einen Einblick zu gewinnen.

In den Dauerausstellungen zur Natur und Historie lernen wir, dass sich bereits die Maori die Inselnatur untertan gemacht und einige der natürlichen Ressourcen (vor allem Wald) unwiederbringlich verbraucht haben. Beschleunigt wurde das später durch den Zuzug der Europäer. Doch erst jetzt, bzw. seit ein paar Jahren, fällt auch der Mehrheit auf (einzelne Warner gab es schon vor 100 Jahren), dass man bestimmte Rohstoffe nur bewirtschaften oder mit ihnen Handel treiben kann, solange sie noch da sind, wie zum Beispiel Bäume. Nur 20% der ursprünglichen Waldbestände Neuseelands sind noch vorhanden (der Rest wurde nach Rodung überwiegend als Farm- und Weideland genutzt). Heute singt ganz Neuseeland inbrünstig ein ganz anderes Lied über Mutter Natur. Hoffen wir mal, dass es nicht zu spät ist.

Beeindruckend finden wir auch die Behandlung der Themen Erdbeben und Vulkane. Uns waren die tektonischen Zusammenhänge, die sich an der Peripherie sowie quer durch die Südinsel ergeben, nicht bewusst. Das Aufeinandertreffen der australischen und der pazifischen Platte halten Neuseeland seit Urzeiten in mehr oder weniger wahrnehmbarer Bewegung - und werden das auch weiterhin tun.

In einem extra dafür vorbereiteten Raum wird für die Besucher ein Erdbeben simuliert. Auch wir lassen uns durchschütteln. In Curacao wurden wir selbst einmal Zeugen eines echten 4-Sekunden-Bebens. Das sorgte in Teilen der Reisegruppe für große Aufregung. Diesmal hält die kleine rothaarige Frau tapfer durch. Sie zuckt auch nach 20 Sekunden Erdbeben aus der Dose nicht mit der Wimper.


Galliopoli

Eine Erschütterung anderen Ursprungs lässt Neuseeland ebenfalls nicht los. Ein Kriegsschauplatz in der Türkei während des 1. Weltkriegs mit Namen Gallipoli. Dort ereignete sich ein militärisches Desaster, bei dem u.a. über 2.500 neuseeländische Soldaten starben. So weit - so schlecht. Doch das Trauma von damals hält in Neuseeland bis heute an bzw. wird bis heute hoch gehalten. Wir wissen ganz sicher nicht genug über die neuseeländische Seele im allgemeinen und diese Schlacht im besonderen, um ihre Bedeutung für das Land einschätzen zu können. Was wir jedoch wissen, ist, dass wir mit einem Teil der Erinnerungskultur im Nationalmuseum nicht klarkommen.

Ein ganzer Trakt - ein sehr großer Trakt - ist allein Galliopoli gewidmet. Wir reihen uns gespannt ein in die lange Schlange wartender Besucher. Als wir endlich dran sind und den ersten Fuss in die Ausstellung setzen, stoppt uns umgehend eine dinosauriergroße Plastik. Sie zeigt einen Soldaten mit grimmigem Gesicht und einem Revolver in der Hand. Abgesehen von der Übergröße ist die Figur ein Meisterwerk der Nachbildung. Sogar die Haare auf dem Handrücken sind erkennbar.

Der überdimensionierte Maßstab und das martialische Standbild werfen allerdings Fragen auf, auf die wir hier wohl keine Antwort erhalten werden. Nach der zweiten Kurve gibt die kleine Frau auf und dreht um. Ein Entschluss, den der Chronist nicht fasst und nach etlichen weiteren verklärenden Comic-Monumenten bereut.

Was hat diese Art der Darstellung mit Information zu tun? Für unser Verständnis eigentlich gar nichts. Hier geht es allein um Wirkung. Uns erschließt sich das hier zur Schau gestellte Pathos überhaupt nicht. In mir löst es vielmehr ein ungutes Gefühl aus: Ärger. Die Leistungen, das Leiden und die Opfer der abgebildeten Soldaten werden doch nicht besser gewürdigt, indem man sie aufbläst wie einen mit heißer Luft gefüllten Ballon. Und Krieg wird ganz bestimmt nicht abschreckender, indem man ihn auf groteske Weise überhöht. Ganz abgesehen davon, dass diese Art der Präsentation so gar nicht zu dem restlichen Konzept des großartigen Museums und seiner durchdachten und didaktischen Ausrichtung passt.

Unsere Fassung und unseren Frieden finden wir zum Glück schnell wieder. Und zwar in der Abteilung für Kunst.

Während sich die Gemahlin in Begleitung von Kochmaus ausgiebig einer Foto-Ausstellung zum Thema „Tattookunst der Maori“ widmet, bekommt der Chronist nicht genug von einer Installation mit dem Namen „Bouquet“ (https://www.tepapa.govt.nz/discover-collections/read-watch-play/art/finale-bouquet/installation). Über 200.000 Plastikplättchen hängen an 6.000 dünnen Nylonschnüren von der Decke. Je nach Blickwinkel ergibt sich dabei ein transparenter oder undurchdringlicher Blick auf ein chaotisch oder strukturiert wirkendes Konstrukt. Ab und zu werden Ventilatoren an den Wänden in Gang gesetzt. Dann raschelt das Ganze wie ein Blätterwald und bewegt sich hin und her. Eine einfache Idee, aufwendige Umsetzung, fantastischer Effekt. Der Reiseleiter kann sich gar nicht satt sehen, zumal die Installation aus verschiedenen Höhen betrachtet werden kann. Angeregt durch soviel Kreativität, nimmt er abschließend selber Platz an einem Maltisch, verdrängt dort zwei Achtjährige und widmet sich selbst der Kunst. Ob es seine neue Interpretation von van Goghs Sonnenblume in die nächste Sonderausstellung schaffen wird? Die Gemahlin ist ganz sicher, dass es so sein wird.

 

Es grünt (wieder einmal) so grün

Natürlich widmet sich die Reisegruppe nicht nur der reinen Bildung, sondern auch den leichteren Disziplinen wie dem Konsum und abschließend der organisierten Natur in Form des örtlichen Botanischen Gartens. Der liegt in Wellington am Berg. An einem steilen Berg. So steil, dass man eine Bahn gebaut hat, um die Menschen zum Eingang des Gartens zu fahren und ihnen dabei nicht nur den mühseligen Fußweg zu ersparen, sondern obendrein auch noch einen tollen Blick auf die Stadt und den Hafen zu ermöglichen.

Das wollen wir auch.

Mit dem Mobiltelefon ist die Station der Cable Car schnell ausfindig gemacht. Nur 2 km von der Innenstadt entfernt, rund 30 Minuten zu Fuß. Wir laufen los und wundern uns nach kurzer Zeit über die schweißtreibenden Steigungen. Wie hoch muss der Garten liegen, wenn sich schon die Seilbahnstation auf 120 Metern Höhe befindet? Die Antwort ist einfach: der Garteneingang liegt auf der selben Höhe wie die Seilbahnstation, die wir dehydriert und mit blutenden Füßen erreichen. Statt dem Startpunkt haben wir die Endstation erreicht. Um die Frau des Hauses vor einem Zusammenbruch zu bewahren, spendiert der Gemahl eine Fahrt mit der Bahn ins Tal. Und dann wieder zurück auf den Gipfel.

Von dort spazieren wir dann endlich doch noch in einer entspannten, großen Runde durch Bepflanzungen aller Art. Immer wieder wird das Bild aufgelockert durch die an die Nachbarhänge gebauten Häuser. Alles in allem wieder einmal ein erbauliches, neuseeländisches Park-Erlebnis. Am Ende passieren wir einen alten Friedhof, der am Fuße des Gartens liegt, so malerisch und geheimnisvoll, wie ein alter Friedhof nur sein kann. Die verwitterten Steine erzählen ihre eigenen Geschichten von den Menschen und der Vergangenheit Wellingtons.

Als wir den Botanischen Garten verlassen, empfängt uns Windy Welly gebührend und bläst uns seinen frischen Atem ins Gesicht.

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Kommentare

Kommentar von Martina |

Kleine Ehrenrettung für Berlin: als ich am 2.1. Um 17 Uhr von der Arbeit kam, waren die beträchtlichen Sylvesterrückstände zu einem großen Haufen an der Ecke Schweidnitzer und Westfälische zusammengefegt. Und am nächsten Vormittag war dieser Haufen weg!!! Das Jahr 2020 muss wunderbar werden...

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