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Im Angesicht von Störtebeker

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Zweimal hatten die Rote und der Graue die Möglichkeit, den Mann zu sprechen und mit Fragen zu überhäufen, der Klaus Störtebeker nicht nur spielt, sondern geradezu verkörpert: Moritz Stephan.

Rotundgrau: Es kann nur den Einen geben, sagt ein geflügeltes Wort. Wie wird man der Eine? Der Störtebeker?

Moritz: Da kamen verschiedene Faktoren zusammen. Ich selbst kenne die Betreiber der Störtebeker Festspiele, die Familie Hick, seit meiner Kindheit durch meine Eltern, die beide hier gespielt haben. Nach dem Schauspielstudium hatte ich die Hicks zu meinem Intendantenvorsprechen eingeladen. Das ist eine Veranstaltung, bei der man sich als Schauspieler Theaterleuten vorstellen kann. Die Reaktionen waren da bereits sehr positiv. Allerdings waren sie der Ansicht, dass ich zunächst einige Berufserfahrungen sammeln sollte. Es folgten einige Jahre im Ensemble des TJG (Theater Junge Generation) in Dresden. Dort habe ich 2020 meine Festanstellung gekündigt, um Erfahrungen als freischaffender Schauspieler zu sammeln. Zwei Monate später erfuhr ich, dass der Störtebeker neu besetzt werden musste und habe mich für die Rolle beworben.

Rotundgrau: War das eine "günstige Gelegenheit" oder ist damit für Dich auch ein schauspielerischer Wunsch in Erfüllung gegangen?

Moritz: Da kam beides zusammen. Durch meine Eltern habe ich hier oben bereits als kleines Kind Theater kennengelernt. Da wuchs in mir der Wunsch: hier will ich hin. Damals wusste ich natürlich nicht, welche Möglichkeiten das Theater noch zu bieten hat. Dass es auch Kleines und Diffiziles gibt. Alles mögliche, das mit dem, was Störtebeker bietet, nichts zu tun hat. Spätestens im Studium habe ich entdeckt, wie wichtig Inhalte für mich sind und dass ich durch Theater auch etwas bewegen kann. Das ist jetzt nicht das Markenzeichen von Störtebeker. Hier bieten wir eine große Show und einfach zu verstehende Geschichten. Aber auch das muss gut gemacht werden. Und das zu leisten, traf am Ende sehr wohl mit meinem alten Wunsch aus Kinderzeiten zusammen.

Rotundgrau: Beide Eltern haben auf dieser Bühne gespielt, Du als kleines Kind schaust zu, später kündigst Du beim TJG ohne feste Job-Aussicht und stehst plötzlich vor einer unerwartet frei gewordenen Hauptrolle. Man könnte glauben, der verblichene Störtebeker hätte Dich persönlich an die Hand genommen.

Moritz: Das war schon wie eine Fügung. Aber vielleicht wäre das auch auf andere Weise irgendwann dazu gekommen. Anna Hick hat einen regen Kontakt zu meiner Agentin. Und die hat jedes Jahr angefragt, ob sie nicht was für mich haben. Vielleicht sogar den Störtebeker. Ich war da schon auf dem Schirm. Dass ich am Ende selbst die Initiative ergriffen habe, um die Rolle zu bekommen, fühlt sich für mich natürlich besonders gut an.

Rotundgrau: Hattest Du keine Angst vor der Dimension der Naturbühne? Die ist doch schon für sich genommen eine besondere Herausforderung und ständige Quelle für Unvorhersehbares, allem voran das Wetter?

Moritz: Das bringt tatsächlich vieles mit sich, was man ständig im Hinterkopf hat. Aber das Wetter ist nun mal nicht zu organisieren. Dabei ist Regen noch das kleinste Übel. Mein Vater hat hier schon gespielt, da standen die bis zu den Knöcheln im Schlamm und sind fast mit den Stiefeln stecken geblieben. Das ist unangenehm. Schlimmer ist aber, wenn zum Beispiel die Kneipe nicht aufgeht. Oder der Innenraum der Kneipe nicht herausgefahren werden kann. Oder ein Pferd durchgeht und plötzlich auf der falschen Bühnenseite steht. Wenn der Kutschenwagen zu weit raus- oder zu früh losfährt. Das sind Sachen, die kommen überraschend und erfordern eine schnelle Reaktion.

Kleine Anekdote dazu: Vor einigen Tagen kam eine Ente angeflogen, landete mitten auf der Bühne und sondierte die Situation. Keine große Sache. Ich wusste aber, dass der Adlerflug kurz bevorstand. Während ich mit der Kollegin im Spiel war, habe ich immer an ihr vorbei geschielt und die Ente beobachtet, um zu sehen, was sie da anstellt. So beiläufig wie möglich habe ich mich dabei in ihre Richtung bewegt und habe abschließend zwei entschlossene Schritte auf sie zu gemacht. Das mochte sie nicht und ist davongeflogen. Wäre das nicht passiert, hätte sich der Adler vor den Augen des Publikums auf die Ente gestürzt.

So gibt es bei jeder Aufführung etwas anderes, was einem ungeplant durch den Kopf geht, während man weiterhin in der Rolle aktiv ist und spielt.

Rotundgrau: Wenn Du Ralswiek mit kleinen Bühnen vergleichst, was ist für Dich der größte Unterschied als Schauspieler?

Moritz: Ein wesentlicher Unterschied und das Besondere für mich ist, dass das Grundgerüst des Stückes so einfach gestrickt ist, dass man selbst an einem schlechten Tag den Inhalt übermittelt bekommt und seine Rolle im Griff hat. Es passiert so viel gleichzeitig und in schneller Abfolge, da verspielen sich dann auch mal schwächere Momente. Trotzdem können die Zuschauer dem Inhalt gut folgen. Diese Sicherheit kann ich als Schauspieler nutzen, um in jeder Vorstellung mal was anderes auszuprobieren, zu variieren, sei es vom Ton her oder vom Ausdruck.

Auf kleinen Bühnen kommt es oft auf Nuancen an den richtigen Stellen an, damit der Inhalt auch transportiert wird. Da bleibt kein Spielraum für Versuche. Was die Naturbühne zu etwas ganz Besonderem macht, ist die körperliche Komponente. Man ist jeden Tag auf den Beinen und in ständiger Bewegung. Das ist zwar sehr gesund, aber auch anstrengend. Der allergrößte und interessanteste Unterschied ist natürlich die Arbeit mit dem Pferd. Auch Tiere haben schlechtere und bessere Tage. Das muss man erkennen und sich entsprechend darauf einstellen. Aber das Pferd bietet mir andererseits auch Möglichkeiten, um mein eigenes Spiel zu variieren. Indem ich das Tier zum Beispiel ruhig halte oder es tänzeln lasse, kann ich meinen eigenen Ausdruck unterstreichen. Das ist ein Extra, das ich sehr reizvoll finde.

Rotundgrau: Wie ordnest Du das Engagement als Störtebeker beruflich für Dich ein?

Moritz: Es ist eine sehr gute Basis. Im Studium habe ich immer scherzhaft gesagt, zum Geld verdienen und Spaß haben suche ich solche Engagements. Dann kann ich den Rest des Jahres machen, was ich will. Im Sinne von mehr Kunst oder auch Politisches. Projekte, für die nicht ausreichend Geld zur Verfügung steht, die mich aber interessieren. Für mich gäbe es dann keinen Absagegrund mehr, weil mein Grundeinkommen gesichert wäre. Das gibt mir insgesamt mehr Freiheit, gezielter nach dem zu suchen, was meinen künstlerischen Ansprüchen genügt. Über all dem ist mir aber wichtig, vielseitig einsetzbar zu bleiben. Ich möchte sowohl den Arthouse-Film drehen können als auch, wie hier, mit großem Tamtam bei Feuer und im Kampfgetümmel über die Bühne reiten.

Rotundgrau: Welche Erwartungen und Pläne verknüpfst Du mit deiner Störtebeker-Rolle für Deine konkrete schauspielerische Zukunft?

Moritz: Natürlich hoffe ich darauf, dass die aktuelle Hauptrolle in meine Karrierekarten spielt. Und natürlich nutzen wir die exponierte Rolle und die damit einhergehende Bekanntheit, um mich selbst besser zu vermarkten. Das einzige Manko ist, dass wesentliche Dreharbeiten für Film und Fernsehen meistens in den Sommermonaten stattfinden. In dieser Zeit bin ich durch mein Störtebeker-Engagement gesperrt. Wenn ich das hier also länger mache - nach den drei Jahren eventuell noch um fünf weitere verlängere - bin ich acht Jahre lang während der Hauptdrehzeiten nicht verfügbar. Meine Hoffnungen ruhen dann auf den Drehs, die außerhalb dieser Zeiträume liegen.

Rotundgrau: Wenn es um Schauspieler geht, die auf dem Pferd eine so gute Figur machen wie Du, dürfte die Konkurrenz in Deutschland überschaubar sein.

Moritz: Davon erhoffe ich mir wirklich was. Es gibt immer wieder Casting-Aufrufe für Leute, die gut kämpfen und reiten können.

Rotundgrau: Würdest Du Leinwand und Bildschirm der Bühne vorziehen?

Moritz: Wenn ich nur drehen würde, würde mir etwas fehlen. Auf der Bühne spielt die Tagesform ja eine ganz wichtige Rolle. Es gibt keine zwei Aufführungen, die zu hundert Prozent deckungsgleich verlaufen. Man muss immer auf alles vorbereitet sein. Es geht eben nicht wie beim Film, wo mittendrin Halt gemacht werden kann und es heißt: "Alles auf Anfang". Hier geht es los und dann rollt die Maschinerie bis zum Schlussapplaus. Weil das so ist, checke ich meine Requisiten ganz anders und kümmere mich in diesem Fall ganz besonders ums Pferd. Beim Film wird versucht, es den Schauspielern rundherum leicht zu machen. Es wird einem so viel abgenommen, damit man sich nur noch aufs Spiel konzentrieren kann. Vor allem bei komplizierten Sachen ist das auch richtig so.

Aber hier genieße ich den ständigen, persönlichen Kontakt zu allen anderen Gewerken, egal ob Büro, Stallmeister, Kostüme oder was auch immer. Hier erfahre ich bei jeder Begegnung unmittelbar, wer und wie alle zum Erfolg der Produktion beitragen.

Rotundgrau: Eine Art Ersatzfamilie während der Spielzeit?

Moritz: Auf jeden Fall!

Rotundgrau: Dann hast Du den Abschied von der "TJG-Familie" gut weggesteckt?

Moritz: Das war nicht das vordergründige Problem. Ich habe ja noch immer Kontakt zu den Kollegen und Freunden. Der große Schritt, der wirkliche Einschnitt für mich war, die berufliche Sicherheit des TJG hinter mir zu lassen. Ich habe mich bewusst für die Unwägbarkeiten und die Risiken als Freischaffender entschieden, ohne konkret zu wissen, wie es weitergeht. Als ich die Tür in Dresden hinter mir schloss, wartete erst einmal niemand auf mich. Zwei Monate später öffnete sich mir dann unerwartet das riesige Tor zur Naturbühne in Ralswiek. Es kommt mir heute noch vor wie die Bestätigung meiner gefassten Entscheidung. Das war eine schöne Fügung und ein großes Glück. Und dafür bin ich sehr dankbar.

Rotundgrau: Vielen Dank für Deine Zeit und weiterhin Mast- und Schotbruch, nicht nur für Ralswiek.

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