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Hotspot Death Valley

von (Kommentare: 2)

Schlaflos in Vegas zu sein, ist nichts, was erwähnenswert wäre. Bei uns liegt der Fall etwas anders. Um Mitternacht verlassen wir nicht nur die Suite und das Hotel, sondern auch die Stadt des Lichts. Nach einer halben Stunde Autofahrt tauchen wir ein in die Dunkelheit der Mojave Wüste.

Tief in der Nacht, um 3 Uhr, erreichen wir das Bad Water Basin im Death Valley. Hier, am tiefsten Punkt Amerikas, 85 Meter unterhalb des Meeresspiegels, startet Mike zu seinem Finale. Die Außentemperatur beträgt um diese Uhrzeit 30 Grad. Kühler wird es nicht. Wärmer schon. Sobald sich die Sonne über den Horizont schiebt, brezelt sie mit ihrer unendlichen Energie erbarmungslos auf die Landschaft nieder.

Wir brauchen mehr Zeit als sonst, um den richtigen Einstieg für die Strecke zu finden. Beschilderungen beschränken sich auf das absolut Notwendige. Mike wird sich nicht entlang eines zertifizierten, schön ausgeschilderten Wanderpfads bewegen können. Sobald er den nicht befestigten Weg verlässt, auf dem wir mit dem Auto stehen, bleiben ihm bis zum Ziel nur ein paar markante Punkte auf der Strecke, an denen er sich orientieren kann. Fotografien aus dem Internet dienen ihm dazu als Hilfsmittel.

Wieder einmal verschwindet Mike als menschliches Glühwürmchen in der Nacht. Diese Strecke ist für ihn absolutes Neuland. Er hat sich intensiver darauf vorbereitet als auf die anderen. Er wirkt konzentrierter als sonst, vielleicht auch ein klein wenig angespannt.

Ich selbst habe inzwischen keine Zweifel, dass er auch diese Aufgabe meistern wird, wir uns wie verabredet und wohlbehalten am Treffpunkt wiedersehen werden. Planmäßig soll das in ungefähr 12 Stunden der Fall sein.

Obwohl das Tal des Todes nur wenige hundert Kilometer vom Pazifischen Ozean entfernt liegt, ist es eine der trockensten Landschaften der Erde und eine der heißesten Gegenden Amerikas. Die feuchten Winde vom Pazifik regnen sich an fünf Bergrücken ab, bevor sie über das Gebiet des Death Valley National Parks ziehen können.

Sobald sich die Sonne hier über die Landschaft erhebt, eröffnet sich die Wüste mit einer Vielzahl an Bodenformationen und geologischen Besonderheiten. Die Salzpfanne, Wanderdünen, die wandernden Felsen der Racetrack Playa und der Telescope Peak, als höchste Erhebung innerhalb des Nationalparks, sind nur einige der spektakulären Naturerscheinungen, die jedes Jahr zahlreiche Neugierige und Touristen anlocken.

Bis zum Treffen mit Mike fahren Kochmaus und ich durch das Death Valley wie durch eine verblassende Panoramafotografie. Was auf den ersten Blick eintönig bis hin zu farblos wirkt, ist in den Nuancen allerdings so abwechslungsreich wie eine Blumenwiese. Natürlich überwiegen die gesetzten, erdigen und grauen Töne, doch das in einer unglaublichen Variationsbreite.

Wie ich später nachlese, finden sich über 1.000 verschiedene Pflanzenarten in dieser lebensfeindlichen Umgebung. Um hier überleben zu können, müssen sie Meister der Anpassung sein. Einige entwickeln ein bis zu 15 Meter langes Wurzelsystem, um an tiefes Grundwasser zu gelangen. Die Blätter einiger Salzkräuter sind an der Oberfläche mit Salz überzogen. Dies führt zur Reflexion des Sonnenlichts und damit zu einer Minderung der Verdunstung.

Wenn es im Winter an wenigen Tagen regnet, kommt es in einigen Regionen des Parks zu kurzen Blütezeiten. In den ganz seltenen Fällen von Starkregen, verwandelt sich das Death Valley sogar in ein Blütenmeer. Allerdings sind die Niederschläge zu gering, um angesichts der insgesamt spärlichen Biomasse einen fruchtbaren Boden zu bilden.
Die Infrastruktur im Park für den zivilisationsverwöhnten Besucher ist überschaubar, aber ausreichend. Einige wenige Versorgungspunkte mit Tankstellen, Gastronomie und Andenkenläden finden sich entlang der Hauptstraße durch die Mondlandschaft.

Kurz vor der Grenze zum Nationalpark hat sich sogar ein Wirtschaftsunternehmen angesiedelt. Unter einem großen Glashaus wird "feines Cannabis" angebaut. In Kalifornien ist die ehemals kriminalisierte Nutz- und Belustigungspflanze seit einigen Jahren legalisiert. Kochmaus freut sich, weil sie nun nicht mehr unter dem Vorwand einer "medizinischen Notwendigkeit" an das gute Zeug rankommt. Trotz ihrer Drängelei, "nur mal kurz zu kucken", fahre ich weiter. Kochmaus Deo versagt in dieser Hitze bereits auf ganzer Linie. Da fehlt mir gerade noch, dass sie uns in süßlichem Dampf einnebelt und mir den Rest gibt.

Die Panamint Range ist eine Bergkette, die sich am westlichen Rand des Death Valley entlang erhebt. Als höchster Punkt findet sich hier der Telescope Peak. Er befindet sich 3.366 Meter über dem Meeresspiegel.

Dieser Gipfel ist das Ziel für Mikes letzte Wanderung. Zur Erinnerung und zum Vergleich: Deutschland höchster Berg, die Zugspitze, bringt es auf 2.962 Meter.

Neben vielen Unwägbarkeiten auf dieser für ihn völlig neuen Strecke, muss Mike außerdem gegen die Hitze anlaufen. Die Gleichung ist einfach: je höher er kommt, desto kühler wird es. Wobei "kühl" ein relativer Begriff ist. Tatsächlich überlebt es sich aber bei 25 Grad Celsius besser als bei knapp 50.

Die ersten Stunden läuft er durch völlige Dunkelheit. Als der Tag anbricht, kann er zumindest sein Ziel hoch über und vor sich erkennen. Alles läuft wie geplant. Meter für Meter wandert er den tödlichen Temperaturen davon.

Als ich an einer Raststätte Internetempfang habe, lokalisiere ich seinen aktuellen Standort irgendwo unterhalb des Gipfels. Es läuft nach Plan. Ich setze mich in Bewegung, um nun den Mahagony Flat zu erreichen. Der Camp Ground liegt etwas unterhalb des Gipfels und ist der höchste Punkt, der mit dem Auto erreicht werden kann. Dort ist unser vereinbarter Treffpunkt.

Nach etlichen Kilometern bergauf, über einen unbefestigten Weg, erreiche ich den "Campingplatz", der außer einem tollen Ausblick auf die Landschaft nur ein paar Bänke und Tische zu bieten hat. Im Gegensatz zum tiefer gelegen Teil des Parks, herrschen hier sommerlich angenehme Temperaturen. Die vergleichsweise üppige Vegetation passt so gar nicht zu einem Tal des Todes.

Wie verabredet sind wir um 15 Uhr vor Ort und warten. Der Blick in ein ausgelegtes Gästebuch für Outdoorfans und Wanderer zeigt, dass Mike sich hier noch nicht verewigt hat. Der aktuellste Eintrag stammt von Vortag. Bis Kochmaus das Buch entdeckt und meint, sich mit ihrer Signatur unsterblich machen zu müssen.

Als Mike nach einer Stunde noch immer nicht zu sehen ist, überprüfe ich einmal mehr, ob wir auch am richtigen Platz stehen. Von hier aus kann ich sogar den Telescope Peak sehen. Allerdings kommt er mir etwas sehr klein vor, für eine Entfernung von ca. 2 Meilen. Das war die Distanz, die Mike ermittelt hatte. "Wenn ich den Gipfel erreicht habe, dann sind es noch 2 Meilen bergab zum Parkplatz".

Die Info-Tafel, die neben unserem Auto steht, weist auch auf den Wanderweg zwischen Mahagony Flat und Telescope Peak hin. Mit einem kleinen Unterschied: die Entfernung beträgt sieben statt zwei Meilen, übersetzt: statt 3,22 hat Mike von dort oben noch einmal 11,26 Kilometer zurückzulegen.

Zum Glück geht es dabei nur bergab. Dennoch bin ich sicher, dass er bedient sein wird, wenn er feststellt, dass es bis zum Ende seiner Wanderung dreieinhalb Mal länger ist als erwartet.

Plötzlich höre ich Getrappel und Geschnaufe und bin mir nicht sicher, ob und welche wilden Tiere sich hier oben aufhalten. Kochmaus und ich bringen uns im Auto in Sicherheit und sehen von dort, was zwischen den Bäumen hindurch auf uns zukommt. Es ist Mike. Im Laufschritt. Einmal die Zugspitze rauf (plus 10%), dann halb wieder runter. Nach einer Strecke von über 35 Kilometern mit enormen Höhenunterschieden strahlt er uns an. Erschöpfung sieht anders aus, denke ich nur. Wir klatschen ab: Mission accomplished!

Ein paar Schlucke Wasser, einige Cracker und ein Apfel später rollen wir zurück nach Vegas. Todmüde, aber hochzufrieden genießen wir das Abschlussessen im Spago. Nichts zeugt in der kühlen, feuchten Brise, die von den Fontänen vorm Bellagio zu uns herüberwehen, von den unvergesslichen Erlebnissen der zurückliegenden zwei Wochen.

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Kommentare

Kommentar von Die Kleene |

Respekt!!!! Ich bin echt stark beeindruckt von dieser
Leistung. Ich freue mich für Mike, dass er diesen außergewöhnlichen Marathon körperlich und mental geschafft hat. GLÜCKWUNSCH an Mike!
Und du lieber Peter hast mich mit deinen Berichten und tollen Fotos in die Vergangenheit zurück katapultiert. All die Orte, wo wir auch schon waren, allerdings unter leichteren Bedingungen.
Deine Berichte waren mal wieder großartig.

Kommentar von Peter |

Danke liebe Yvonne! Im übrigen habe ich ein paar Mal an Andreas und Dich denken müssen. Diese Begeisterung für Natur, Laufen und Radfahren kenne ich persönlich außer von Mike ansonsten nur von Euch.

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