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Heiter bis wolkig

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Neben Hato auf Curacao gehört Zürich-Kloten für mich zu den coolsten und unaufgeregtesten Flughäfen der Welt. In den vergangenen Jahren wurde der Airport Zürich zu einem Vorzeigeflughafen ausgebaut und modernisiert. Er ist nicht nur ein ideales Reiseziel, sondern eignet sich auch hervorragend als Umsteigestation für Flüge nach Übersee. Der gute Service bei SWISS war hier bereits Thema.

Spätestens nach der Landung in Zürich wird mein Puls immer wieder zweistellig. (Vor allem, wenn die Anreise aus Berlin erfolgt.) Der Schweizer Airport ist modern und übersichtlich, aber nicht so unendlich weitläufig wie z.B. Schiphol/Amsterdam. Die Orientierung fällt leicht. Alles ist sauber und gepflegt, nicht so überfrachtet wie viele andere internationale Flughäfen.

Bei der Ankunft vor 5 Tagen war die Ruhe in den Ankunftsbereichen allerdings so gespenstisch, dass ich noch immer mit Bangen an die Zukunft der gesamten Luftfahrtbranche denke. Für den Rückflug erwarte ich nun also ein ähnliches Erlebnis. Meine Maschine geht erst am Mittag. Bereits morgens um 7 Uhr begleite ich Mike zum Flughafen, der mit einer frühen Maschine über München weiter nach Kalifornien fliegt.

Die Abflughalle ist menschenleer. Erstaunt stelle ich fest, dass die Anzeigetafeln für die Abflüge komplett gefüllt sind. Bei genauem Hinsehen finden sich dort nicht - wie sonst - die Flüge der nächsten 60 Minuten, es ist der Abflugplan für den gesamten Tag.

Die meisten Geschäfte haben geöffnet. Die Angestellten wird es freuen. Sie dürften ihr Gehalt bekommen, auch wenn niemand in Sicht ist, der Umsatz generiert.

Ich begleite Mike zu seinem Gate. Wir verabschieden uns. Wann und wo wir uns das nächste Mal treffen werden, weiß der Himmel. Eine Stunde später schickt er eine Nachricht, dass die Maschine von München nach USA mit 30 Passagieren belegt ist. Wenn das so weitergeht, lauten die Rechenaufgaben für die zweite Klasse bald: Wie lange überlebt eine Airline bei 10-prozentiger Auslastung und 100 Prozent Kosten, wenn kein Geld mehr vom Staat kommt? Und in Gemeinschaftskunde werden Fragen erörtert, ob demnächst ehemaligen hochqualifizierten Flugbegleiterinnen oder mittellosen Studenten der Vorzug zu geben ist, wenn diese sich als Servicekraft in der Null-Sterne-Gastronomie bewerben.

Bevor ich mich zurückziehe, um bis zum Abflug mein Airport-Office einzurichten, kaufe ich der daheimgebliebenen kleinen roten Frau den gewünschten Doppelzentner Schweizer Schokolade. Dass ich damit den Umsatz im Duty-Free-Laden für diese Woche gerettet habe, wird mir erst klar, als mich die Angestellten unter tosendem Applaus und auf Händen zum Eingang der Lounge tragen.

 

Auch in Zürich sind mehrere Lounges zu einer zusammengelegt - und die ist erstaunlich gut besucht. Das Angebot an Speisen und Getränken ist reduziert, aber ausreichend genug, um bis zum Abflug weder Hunger noch Durst zu erleiden. Um Ruhe für tiefe Gedanken und flüssige Texte zu finden, ziehe ich mich in eine Arbeitsbox zurück, eine Kabine, die nur nach außen hin mit einer Glastür vor Schall geschützt ist.

Aus den nicht isolierten Nachbarkabinen schreien mir von links und rechts fremde Menschen ins Ohr. Es geht ausschließlich um Geschäfte. Mode, Werbung, Industrie, IT. Ohne dass einer das „C“-Wort ausspricht, dreht sich alles nur darum. Beziehungsweise um das, was übrigbleibt, wenn alles vorbei ist. Wenn! Vom „perfekten Sturm“ ist die Rede und davon, dass alles viel schlimmer ist als nach „9/11“ und dass jetzt „nur noch Qualität“ überleben kann. Nach 10 Minuten kann ich nicht mehr auseinanderhalten, ob nebenan über Menschen oder Unternehmen lamentiert wird und muss konstatieren, dass es auf ein und dasselbe hinausläuft. In beiden Fällen sterben die Schwächsten zuerst. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Das kann ja noch was werden.

 

Die Maschine nach Tegel ist ausgebucht(!) - Urlauber und Geschäftsreisende. Bilde ich es mir ein oder strahlen sie alle gemeinsam aus, dass sie nur noch eins wollen: zurück zur Normalität. Dabei ist eine Routine im Umgang mit der Ausnahme spürbar. Sie hat nichts mit Nachlässigkeit zu tun, sondern fühlt sich an wie eine Akzeptanz des Unvermeidlichen. Das Leben geht weiter. So oder so. Niemand muss uns mehr Mut machen. Womit auch? Angst aber auch nicht. Die schon gar nicht!

Schwermut überkommt den Chronisten erst bei der Landung in Tegel. Es ist nicht der wolkenverhangene, graue Himmel, der die Stimmung trübt. Als die Räder der Maschine auf den Tegeler Asphalt rumpeln, ist klar, dass dies mit großer Wahrscheinlichkeit die letzte Landung meines Lebens auf diesem Airport war. 1988 bin ich zum ersten Mal - von Hannover kommend - über die damalige DDR hinwegfliegend hier gelandet. Der 30 Minuten lange Flug hatte mich damals ein halbes Monatsgehalt gekostet. Als westdeutscher Bürger habe ich West-Berlin immer als eine Art Wurmfortsatz der Heimat empfunden, wenn nicht sogar als Ausland. Etwas mehr als ein Jahr später war nicht nur Westberlin kein Ausland mehr. Heute reise ich mit meiner geliebten - in Ost-Berlin geborenen - Gemahlin nach überall hin in die weite Welt. Wer hätte das einst gedacht? Ich ganz bestimmt nicht.

Manche Ereignisse im Leben eröffnen uns erst über die Zeit ihre wahre Tiefe und Bedeutung. Statt sich permanent mit Weltuntergangssorgen und Endzeitgefühlen der Zukunft entgegen zu ängsteln, sollte man lieber wie vorm Öffnen einer Wundertüte stets darauf hoffen, das Richtige und Gewünschte darin zu finden.

Das ist zwar auch nicht immer der Fall, mit einer solchen Einstellung lebt es sich aber deutlich unbeschwerter.

 

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