Götterdämmerung
von Peter Schäfer (Kommentare: 3)
Meines Erachtens ist Spiritualität etwas sehr menschliches, sehr intimes und absolut persönliches. Ein Urgefühl, das mich ahnen lässt, Teil von etwas zu sein, das größer ist als alles, was ich als Mensch je verstehen werde. Meine persönliche Spiritualität kommt dabei am Besten ohne andere Menschen aus und manchmal - eher sehr selten - trotz ihrer Anwesenheit.
Auf der gegenüberliegenden Seite und für mich weder erreichbar noch erstrebenswert finde ich alle möglichen Religionen. Bei allen Gegensätzen gibt es zwei Dinge, die sie konfessionsübergreifend vereinen. Zum einen versteht sich jede als alleinglückselig machend - mithin als "richtig" und "wahrhaftig". Zum anderen zielen alle auf das menschliche Leben in der Gemeinschaft, inklusive Regeln, Gesetzen und Ritualen. Dabei versprechen sie Seelenheil durch Anpassung und Unterordnung (vorzugsweise im Rahmen des eigenen Glaubensbekenntnisses) und bezeichnen das paradoxerweise als Weg in die Freiheit.
Mit allen großen Religion einher geht ein ausgesprochener Hang zur Ökonomie. Obwohl sie fast alle Glauben und Geld bzw. Materialismus als gegnerische Lager definieren, kleben sie in der Praxis zusammen wie siamesische Zwillinge. Und das nicht erst seit heute. Jede Religion brachte mit ihrer Gründung unter anderem auch eigene Formen von Pilgerfahrten und Ablasshandel mit sich, handfeste Geschäfte im Hier und Jetzt auf dem Weg in die Ewigkeit.
In Thailand, wo Tempel und Buddha-Statuen allgegenwärtig sind, wird bereits konstatiert, dass die Kommerzialisierung des Buddhismus ein bemerkenswertes Ausmass erreicht hat. Und nicht nur, um den Touristen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Mönche, seit jeher Respektspersonen und spirituelle Führer, werden im eigenen Land zunehmend zu Influencern mit eigenen Social-Media-Kanälen. Über QR-Codes kann man ihnen dort spenden. Einige treiben regen Handel mit Glücksbringern und Amuletten. Als Mönch haben sich einige zu einer eigenen Marke aufgebaut.
Als wir die wichtigsten Tempel von Bangkok besuchen, den Wat Arun (Tempel der Morgenröte) und den Wat Pho (Tempel des liegenden Buddha), ist von vornherein klar, dass wir es dort ebensowenig mit Spiritualität zu tun haben wie im Petersdom im Vatikan.
Überrascht waren wir daher weniger vom Ansturm der Besucher, sondern vor allem von dem, was die Einheimischen in und um die (einst) heiligen Stätten angesiedelt und etabliert haben. Eine Art Weihnachtsmarktkulisse mitten im Sommer vermengt sich mit Rummelplatzathmosphäre. Verkaufsstände für alles mögliche und Lärm aus allen Himmelsrichtungen sind allgegenwärtig. Besonders originell: Kostümverleih für traditionelle thailändische Trachten inklusive Miet-Fotografen.
Ruhe, Andacht, Einkehr - Fehlanzeige auf ganzer Linie. Zwischen all dem - einfach nur zum Fremdschämen - posieren in vermeintlich demütigen buddhistischen Gesten - einzig und allein für den Social Media Post - Farangs, wie die besuchenden weißen Langnasen von den Thailändern auch genannt werden.
Natürlich sind auch wir Teil des Spektakels und des Massenauflaufes und machen unsere Erinnerungsfotos. Und selbst, wenn wir versuchen, uns dabei nicht wie Hampelmänner aufzuführen und durch alberne Anbiederung an eine Religion, die wir nicht verstehen, peinlich zu werden, tragen wir zu dem unschönen Gesamtbild bei.
Da legt´s Di nieda
Während sich auf dem großen Gelände des Wat Arun die Menschenmassen etwas verteilen, kommt es am Wat Pho beim liegenden Buddha zu massiven Staus. Menschenströme defilieren an der 47 Meter lang liegenden Statue vorbei. Wer hier sein Selfie machen will - unter Vorgaukelung der Tatsache, er sei allein mit dem Heiligtum - braucht viel Geduld und noch mehr Nachsicht mit seinen grob um sich rempelnden Selfie-Konkurrenten. Zum Glück mahnt der liegende Buddha irgendwie auch noch ein bisschen an Gewaltlosigkeit. Es fließt kein Blut.
Bei meinem ersten Besuch standen weder Souveniergeschäfte, Massageliegen oder Bubble-Tea-Läden auf der Tempelanlage, die heute wie eine einzige Kirmes wirkt. Eine seltsame Popmusik dröhnt übers Areal.
Ich erinnere mich verschwommen an eine Zeit wie aus einem anderen Leben: einige wenige Besucher, von denen nicht alle mit einer Kamera ausgestattet waren, betrachten das beeindruckende Bauwerk. Mein Mitbringsel vom Wat Pho bestand aus vielleicht 20 Fotos. Eines davon habe ich mir später in der Heimat abziehen und in einen Rahmen fassen lassen.
Heute verlasse ich mit über 200 Bildern das Gelände. Eins schlechter als das andere.
Vom Gold Mount zum Schrott-Hügel
Im April 1990 spazierte ich allein durch die Altstadt von Bangkok. Irgendwann verließ ich das verkehrsreiche Zentrum und gelangte in ruhigere Seitenstrassen, die mir eher als Wohngegend vorkamen. Plötzlich sah ich aus dieser Beschaulichkeit etwas in den Himmel ragen. Es war eine goldene Spitze, die sich über alles erhob. Ohne Stadtplan oder Reiseführer musste ich mich dorthin bewegen, um herauszufinden, was es war. Und dann stand ich am Wat Sraket, dem Tempel des Goldenen Berges (Golden Mount Temple).
Darin findet sich ein 79 Meter hoher, künstlich aufgeschütteter Berg, der mit einer goldenen Kuppel gekrönt ist. Langsam erklomm ich die 318 Stufen bis zum Innersten des Heiligtums. Ich kann mich dabei kaum an Menschen erinnern. Oben angekommen bot sich ein großartiger Rundblick auf Bangkok. Der Ort war eine Oase der Ruhe und Stille. Hier ergriff mich einer der wenigen spirituellen Momente in meinem Leben, jenseits von reinen Naturerlebnissen. Ich war tief gerührt und ergriffen. Ein leises Glockenspiel, vom Wind angestimmt, als perfekte akustische Untermalung, trieb mir Tränen in die Augen. Ich konnte nichts dagegen tun. Ein ehrlicher und unwiederbringlicher Augenblick. Ich verließ den Berg schweren Herzens, aber beseelt und tauchte wieder ein ins Großstadtgetümmel. Diese Erinnerung blieb. Ich konnte das Gefühl immer wieder hervorholen, wenn ich daran zurückdachte. Eine Art innere Einkehr, selbst aus der Distanz.
Dabei hätte ich es belassen sollen.
Als ich der Roten nun vorschlage, den Gold Mount zu besuchen, ahne ich schon, dass sich mein Erlebnis nicht wiederholen würde. Bekanntlich kommt aber nicht nur Hochmut, sondern auch Naivität vor dem Fall. Und der konnte tiefer nicht sein.
Der Gold Mount ist inzwischen belagert. Von Händlern und Marketendern, die sich in zwei lückenlosen Ringen um den Berg legen. Bevor man den Einstieg zum Gipfel erlangt, ist man bereits besoffen von einem akustischen und visuellen Overkill. Schrott und Tand wird nicht nur angeboten, sondern von den Menschenmassen auf dem Weg nach oben auch konsumiert. Der Aufstieg ist ununterbrochen untermalt mit einer hirnlosen asiatischen Fahrstuhlmusik aus billigen Plastiklautsprechern. Das passt perfekt zu Figuren und Skulpturen, die ich weder erinnere, und die aus der Konkursmasse eines billigen Vergnügungsparks stammen müssen. Zu sagen, ich wäre verstört, trifft es nicht im Ansatz. Die Rote - ohne belastende Erinnerungen - amüsiert sich und ermuntert mich zu posieren. „Lach doch mal.“ Über was jetzt genau?, hätte ich gerne gewusst.
Die belämmerte Musik wird schließlich übertönt von vielsprachigem Geschrei und nervtötenden Metalltönen. Jeder Depp fühlt sich ermuntert, die großen Glocken an den Seitenrändern zum Scheppern zu bringen.
Wo einst das buddhistische Zentrum dieses Tempels war, das Heiligtum, in Gold und filigraner Schönheit, dessen blosser Anblick mich bereits in Ehrfurcht versetzte, drängen sich nun Leute vor Vitrinen voll mit Kitsch und Gelumpe. Die Krönung aber ist eine Batterie von Getränkeautomaten, die an der Wand aufgereiht sind, während gegenüber die Nachfüllware in Plastik verpackt zur Decke reicht. Der verranzteste Discounter in Deutschland, einen Tag vor Heilig Abend, verströmt mehr Sinnlichkeit und Religiosität, als dieses schäbige Szenario auf dem Gipfel des Gold Mount.
Nichts von dem, was ich hier erleben durfte, erschließt sich für die Rote. Chancenlos. Und der Gedanke, was mein Enkelsohn vorfinden wird, wenn er in 30 Jahren hier stehen sollte, führt mich an den emotionalen Abgrund. Mir kommen erneut die Tränen. Schnell weg von hier, bevor der Zorn, der sich in mir aufbaut, in blanke Wut umschlägt und ich mir einen von den bescheuerten Glockenschwengeln schnappe und um mich schlage.
Kommentare
Kommentar von Bruno |
Ich danke für den Reisebericht, dadurch steht Thailand nicht mehr auf meiner Liste.
Kommentar von Bruno |
Ich danke für den Reisebericht, dadurch steht Thailand nicht mehr auf meiner Liste.
Kommentar von Klaus |
Es ist eine Frage der Perspektive und der Erwartungshaltung. Ich bin immer wieder gerne in Bangkok. - Aber nach ein paar Tagen reichts dann auch ... Und nochwas: Bangkok ist nicht Thailand und New York ist nicht die USA. Siehe weitere rotundgrau.de-Reiseberichte.
Einen Kommentar schreiben