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Gnadenlos heiß

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Zwei Stunden vorm Anpfiff „Deutschland gegen Curaçao“ heißt es, Kriegsbemalung auflegen und Aufbruch Richtung Innenstadt. Beim Public Viewing möchte man nicht zu weit hinten stehen. Spontane Verbrüderungen mit Anhängern des Gegners zeugen von wahrem Sportsgeist auf allen Seiten. Die Sonne sticht. 32 Grad Celsius. Backofenhitze. Und das Spiel hat nicht mal begonnen.

Wo sind nur die Menschenmassen, die zur Fanmeile pilgern? Die blauen und gelben Trikots von Curaçao tröpfeln ins Zentrum. Ein Rinnsal, aus dem unmöglich eine Welle werden kann. Einige deutsche Fans sind darunter auszumachen. Und orange Trikots der Niederlande.

Den großen Parkplatz vor dem größten Bildschirm der Stadt haben wir als den zentralen Treffpunkt für die Fans der Insel identifiziert - allerdings ohne uns rückzuversichern. Wir staunen über die Gelassenheit der Organisatoren, dass anderthalb Stunden vor Anpfiff nicht nur ein paar vereinzelte Autos hier herumstehen. Der gesamte Platz ist zugeparkt.

Wenig später stellen wir fest: der Parkplatz bleibt Parkplatz. Während des Spiels schauen mehr Autoscheinwerfer auf die Leinwand als Augenpaare. Die Menschen quetschen sich vor und zwischen die Blechkarossen und genießen die gute Übertragungsqualität des völlig falsch platzierten Monitors. Überhaupt gibt es nicht den einen zentralen Platz auf der Insel, keine Fanmeile, wie wir sie aus Europa kennen. Keine geschlossene Front von unzähligen Fans. Eher kleine Widerstandsnester. Sie verteilen sich in allen Kneipen und Bars der Innenstadt.

Angesichts dessen, dass die Insel seit sechs Monaten eine riesige Welle um die Fußball-WM macht, erscheint das irgendwie unverständlich. Zumal Curaçao sehr wohl in der Lage ist, Großveranstaltungen zu organisieren und abzuhalten. Karneval und die wichtigen Jahres- und Feiertage des Landes belegen dies Jahr für Jahr erneut. Die einheimischen Fans scheinen nichts zu vermissen. Für sie ist es die erste Fußball-WM mit einem persönlichen Bezug. Da fehlt noch jede Vergleichsmöglicheit.

Und dann geht endlich los, worauf seit über einem halben Jahr hingefiebert wird. Das erste WM-Spiel in der Geschichte Curaçaos. Der erste Anstoss. Der erste Ballkontakt. Jeder Ballbesitz. Alles wird bejubelt und begeistert kommentiert. Das erste Gegentor. Schweigen. Lange Gesichter. Es hilft nichts. Jeder Anfänger muss da durch. Als Spieler und als Fan. Auch auf Curaçao.

Kurz darauf: Tor! 1:1 Ausgleich. Es gibt kein Halten mehr. Die Freude ist unglaublich und ansteckend. Zehn schwache Minuten der Deutschen machen Hoffnung auf mehr. Allerdings nicht lange. Eine Ecke und ein Elfer verwandeln die Alemannen in einen soliden Vorsprung, den sie in die Halbzeit mitnehmen.

Nach der Halbzeitpause ist längst nicht alles verloren, aber die fröhliche Leichtigkeit der Fans wandelt sich zunehmend in stillschweigende Anteilnahme des Geschehens. Bald kommen die einzigen vernehmbaren Geräusche nur noch aus den Lautsprechern der Übertragungsgeräte.

Dann wird es sehr schnell immer ruhiger. Das Auftaktmatch mutiert zu karibischen Passionsfestspielen. Die Zuschauer wohnen der Kreuzigung ihres Teams bei. Sie leiden mit. Kein Unmut, kein Schimpfen. Stumme Solidarität mit denen, die die Farben der Insel auf dem Platz tapfer vertreten. In Deutschland würden in vergleichbarer Situation bereits Autos brennen und Barrikaden errichtet.

Erst der Abpfiff beendet die Ruhe. Die Menschen erheben sich. Sie applaudieren. Standing Ovations für ihre Spieler. Für sich selbst. Für ihre Heimat. Mit einem Sieg klarzukommen ist einfach. Wahre Größe erwächst erst aus Niederlagen und wie man mit ihnen umgeht.

Das erste Spiel ist geschafft. Jeder Aufenthalt im Wolkenkuckucksheim ist damit für immer passé. Curaçao steht nicht mehr vor dem Tor und schaut den Großen beim Fußballspielen zu. Sie gehören nun selbst zum erlesenen inneren Zirkel. Zu den offiziellen Teilnehmern einer FIFA WM. Das ist unveränderbar. Und es wiegt schwer für ein Land, das kaum wahrgenommen wird. Zudem haben sie ihr erstes Tor in diesem historischen Spiel geschossen. Gegen einen vierfachen Weltmeister. Der schwerste Gegner der Runde ist gespielt. Ab jetzt kann es nur einfacher werden. Und auch auf Curaçao lernt man: nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Nach der Enttäuschung ist vor der Hoffnung.

14. Juni 2026: Deutschland-Curaçao 7:1

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