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Gezähmter Amazonas

von (Kommentare: 1)

Regenwald. Heute morgen ohne Wald, dafür mit jeder Menge Regen. Was hier als normaler Niederschlag vom Himmel schüttet, würde bei uns zu Hause Sorgenfalten auf die Gesichter der Katastrophenschutzbeauftragten treiben. Inzwischen wissen wir: auch im Amazonas folgt die Sonne nach dem Regen. Heute ist es nicht anders.

Canacari

Diesmal steht ein Ausflug in einen weiteren Seitenarm des Amazonas an. Der unterscheidet sich bereits von Bord aus betrachtet unübersehbar von dem, was wir bisher gesehen haben. So weit das Auge reicht, wird die Uferlandschaft von schwimmenden Wiesen bestimmt.

Wir wissen nicht, was hier mal war und wie es vor vielen Jahren ausgesehen hat. Den Regenwald erkennt man weit entfernt am Horizont, schwer zu schätzen wie weit. Es können 30 Kilometer sein oder auch 50.

Zwei kleine Häuser sind überspannt mit einer Stromleitung! Die Häuser sehen für die gegebenen Verhältnisse relativ gut und luxuriös aus. Die Eigentümer betreiben Landwirtschaft. Am Amazonas. Offensichtlich einigermaßen erfolgreich. Denn irgendwer wird die fortschrittliche Infrastruktur bezahlt haben.

Wir fahren in den Seitenarm und haben nach wenigen Minuten das Gefühl, auf einer Zeitreise zu sein, zurück zu einem der letzten Elbehochwasser, die ganze Landstriche unter Wasser gesetzt haben. Alles erinnert an Niedersachen nach einer Jahrhundertflut, nicht an Brasilien, so wie wir es uns vorgestellt haben.

An Land grasen Pferde und Kühe – keine Wasserbüffel. An einer Baumreihe können wir anhand der Verfärbung der Stämme erkennen, wie hoch hier das Wasser schon stand. Auch jetzt ist die Regenzeit noch nicht vorüber. Es fällt schwer, unter solchen Voraussetzungen von Landwirtschaft zu sprechen. Trecker machen hier ebenso wenig Sinn wie jedes andere Fahrzeug eines landwirtschaftlichen Fuhrparks. Das Boot ist auch für diese kleinen Farmen das Maß aller Dinge, selbst wenn die Pegelstände während der Trockenzeit wieder drastisch sinken werden.

In mühsamer körperlicher Arbeit ringen die Menschen hier den Gegebenheiten ihren Lebensunterhalt und bescheidenen Wohlstand ab.

Und dann erlebe ich eine weitere Reise zurück in der Erinnerung meiner Zeit. Als Kind besaß ich ein Album, in das ich Sammelbilder einklebte. Das Thema war die Erschließung und Besiedlung Nordamerikas oder wie wir damals sagten: „Wilder Westen“. Darin wurde alles kindgerecht abgehandelt: von Indianern und ihrer Vertreibung, den Siedlertrecks bis hin zum Bau der Eisenbahn und auch der amerikanische Bürgerkrieg.

Den nachhaltigsten Eindruck und eine bleibende Erinnerung an diese Bildersammlung waren merkwürdigerweise weder Billy the Kid noch Buffalo Bill, mit denen sich jeder kleine Junge aus dem Stand identifizieren konnte.

Es war eines der letzten Bilder in der Sammlung, dass sich in mein kindliches Gehirn eingebrannt hat und dass ich bis heute nicht vergessen habe: Es zeigte ein paar Holzpfähle in der Landschaft, die verbunden waren mit Stacheldraht. Mit der zunehmenden Erschließung des Landes schützten immer mehr Rinderzüchter ihr Weideland mit Zäunen, um ihren Tierbestand zusammenzuhalten und um zu signalisieren: dieses Land ist meins. Es war der Anfang vom Ende der unendlichen, freien Prärie. Es war der Abgesang auf den Wilden Westen, den wir Kinder selbst einmal erleben wollten, sobald wir groß wären.

Daran muss ich denken, als wir in dieser riesigen Wiesenlandschaft mitten im Amazonasgebiet immer wieder Zäune sehen, mit und ohne Draht.

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Kommentare

Kommentar von Herbert |

Schön, dass wir über
eure Berichte an dieser außergewöhnlichen
Reise teilnehmen
können

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