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Gesichter

von (Kommentare: 2)

Auf so einer Reise begegnet man vielen neuen Gesichtern. Einige vergisst man wieder, andere brennen sich ins Gedächtnis. So wie das des kleinen Faultiers, das wir vor dem Ertrinken retten.

Mit dem Zodiac erkunden wir täglich den Regenwald. Mal früh am Morgen, mal in der Nachmittagssonne. Die Boote sind schnell und wendig, und in ihnen kommen wir nah genug ran an die Sensation, wegen der wir hier sind: Der Amazonas-Regenwald.

Und so treffen wir auf ein kleines Faultier, das aus irgendeinem Grund vor unseren Augen von einem halbhohen Baum ins Wasser fällt. Mo, der brasilianische Begleiter, den wir im Boot haben, zögert nicht, und zerrt das kleine Knäul mit geübtem Griff wieder aus dem Wasser - mit dem Hinweis, die seien sogar zum Schwimmen zu faul. Man reicht ihm ein schneeweißes Handtuch, und Eure Hoheit Faultier lässt sich unter den verzückten leisen Schreien der Bootsinsassen abtrocknen. Dann guckt er (oder sie?) verschnarcht in die Gesichter (und Fotoapparate) der verliebten Touristen und hebt in Zeitlupe die Hand zum Gruß. Mehr Bewegung ist heute wirklich nicht drin. Wir schmelzen dahin. Ich kraule dem Kleinen mit dem Zeigefinger das Köpfchen. Es sieht aus, als würde ihm das gefallen. Er lächelt mich an und schließt genussvoll die Äuglein.

Wir verfrachten ihn zurück auf eine sichere Astgabel. Auf dem Rückweg von der Ausfahrt gucken wir nochmal bei ihm vorbei. Er hat es sich gemütlich gemacht und hängt genau da, wo wir ihn abgesetzt haben. Für seine Verhältnisse sieht er putzmunter aus, so dass wir beruhigt unser Zodiak gen Schiff fliegen lassen können.

Am Nachmittag ist Gummistiefelpremiere. Zum ersten Mal werden wir gebeten, diese festen Stiefel anzuziehen, da wir ein Dorf besuchen wollen, was nur mit einer sogenannten „nassen Anlandung“ zu machen ist. Wegen der kleinen Strecke, die wir vom Zodiac durchs Wasser und überschwemmte Anlandestelle zurücklegen müssen, auf der es möglicherweise Grasmilben geben soll, quälen wir uns also in die (arktistauglichen!) Gummistiefel. Oben die obligatorischen Schwimmwesten, unten die Gummistiefel, mittendrin eingeschmiert gegen Mücken und Sonnenstich, mit Tropenhut und in bei „Globetrotter“ eingekauften imprägnierten langärmlichen Kleidung, unter der wir uns gerade kaputtschwitzen - landen wir in Cuxiu Muni. Eine große Horde Kinder in Flip-Flops und kurzen Hosen umschwärmen uns, sie lachen uns freundlich an und plappern alle durcheinander auf uns ein. Ich verstehe leider kein einziges Wort außer „Kakao“ – und nicke begeistert. Sie winken uns den Weg entlang und präsentieren uns: Kakao. Ich bekomme eine Frucht geschenkt. Der nächste Redeschwall endet mit „Bananas?“ – und wieder nicke ich und werde zum Bananenbaum weitergeschoben. So geht es weiter. Wir bekommen den kompletten Schulgarten samt Schule gezeigt, und die Kinder schieben uns von rechts nach links, lachen und kichern, pflücken Blüten ab und schenken uns auch die. Kaum habe ich – froh, das Wort „Assai“ verstanden zu haben, wieder begeistert genickt, wird ein kleiner Junge heranzitiert, der mit Hilfe eines aus Pflanzenfasern geflochtenen Ringes die Palme erklettert und einen ganzen Ast voller Assai-Beeren herunterholt. Die Mädchen zeigen, wie man die Beeren ißt: Man legt den Kopf zurück, pustet auf die Beere und läßt sie einen Moment lang über den Lippen in der Luft tanzen, bevor man sie in den Mund fallen läßt. Sie macht es vor. Ich mache es nach. Natürlich klappt es bei mir nicht, und die Kinder halten sich die Bäuche vor Lachen. Sie zeigt es nochmal. Bei mir gelingt es nicht. Die Kids haben ihren Spaß. Und ich auch, weil sie alle so ein herrlich freies unglaublich liebenswertes Lachen haben.

Wir kommen uns ein bisschen blöd vor in unserer Tropenkluft, während sie allesamt mit Flipflops rumlaufen. Auf einer Bank sitzen die jungen Mädchen und kichern aus der Ferne. Sie trauen sich nicht heran. Oder sie haben wichtigere Themen zu besprechen, vermutlich wie auf jedem anderen Jugendtreff der Welt.

Das Schiff hat das Dörfchen Cuxiu Muni zuletzt vor fünf Jahren besucht. Die Amazonas-Expeditionen in den letzten Jahren mussten wegen Corona ausfallen, erst jetzt kann man hier wieder nach langer Pause vorbeischauen. Das Reiseunternehmen gibt im Dorf ein großes Paket Schulmaterial ab. Obwohl die „Caboclos“ (Nachfahren von Indigenen und Europäern) aus unserer verwöhnten Sicht ein einfaches Leben führen und vom Fluss und den Perioden der Natur leben, erleben wir keine Sekunde Bettelei oder unangenehme Situationen. Die Bewohner sind distanziert, aber total freundlich, die Kinder schauen und kichern und zeigen voller Stolz ihre kleinen Alltäglichkeiten, nennen uns ihre Namen und fragen nach unseren. Sie stellen sich ungeniert fürs Foto auf (nachdem wir gefragt haben), posieren schüchtern und gucken neugierig und begeistert auf ihr Ebenbild auf dem Display.

Am Ende umarmen sie uns, und wir sind angerührt von ihrem offenen Kinderlachen.

Als ich mit meinen schweren Gummistiefeln wieder ins Zodiac steige, habe ich ein großes Geschenk bekommen: Eine Kakaofrucht und eine sprachlose Begegnung, die das Herz geöffnet hat: Kindergesichter.

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Kommentare

Kommentar von Die Kleene |

Einfach herzerwärmend das kleine Faultier und die bunte Kinderschar. Ein Tag, der sicher ein ganz besonderer war auf eurer laaaangen Reise. Kommt mir jedenfalls schon wie eine Ewigkeit vor.

Kommentar von Dieter |

Alle Gesichter auf den Fotos erzählen mir etwas, großartig.

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