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Geschafft!

von (Kommentare: 1)

„Hör nicht auf die Vernunft, wenn du einen Traum verwirklichen willst.“ (Henry Ford)

Wenn wir den berühmten Tellerwäscher zitieren, der es bis zum Millionär gebracht hat, denken wir automatisch an die USA. Nicht Deutschland, nicht Russland und auch nicht China. Oder irgendeine andere starke Volkswirtschaft. Kein anderes Land wird namentlich mit einem eigenen Traum in Verbindung gebracht. Die Aussicht, mit nichts und von ganz unten kommend bis an die Spitze der Nahrungskette zu gelangen, ist das verlockendste Versprechen an die Menschheit, seit Moses seinem Volk versprach, es ins gelobte Land zu führen.

Das Fundament für den „amerikanischen Traum“ schrieben bereits die Gründerväter der Vereinigten Staaten 1776 in die Verfassung ihres neu konstituierten Staatswesens. Genauer gesagt, in die Präambel der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von England.

„Wir halten diese Wahrheiten für selbstverständlich, dass alle Menschen gleich geschaffen sind, dass sie von ihrem Schöpfer mit bestimmten unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, zu denen Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören.“

An dieser Stelle empfiehlt es sich, sorgfältig zu lesen: nicht das Glück steht hier im Vordergrund, sondern das STREBEN danach. Das ist ein himmelweiter Unterschied. Und genau davon erzählt das sehr bemerkenswerte Buch von Mike Vetter.

Vision & Courage
Die Geschichte von GoJump America
Der amerikanische Traum ist nur ein Traum, solange er Dich nicht umbringt

Der Autor wurde in der Schweiz geboren. Bereits in jungen Jahren ließ er immer wieder seine Heimat hinter sich, die für so viele Menschen als bevorzugtes Einwanderungsland schlechthin gilt. Doch wie in einem dieser unzähligen Märchen und Erzählungen, musste auch die Hauptfigur dieser Geschichte das eigene Heim hinter sich lassen, um seiner Bestimmung zu folgen und die Prinzessin oder den verborgenen Schatz zu finden.

Das Land für seine Suche fand der Autor schon früh im Südwesten der USA. Das Klima dort, die Wärme, das Licht und „The American Way of Life“ hatten es ihm angetan, seit er zum ersten Mal die USA besuchte. Auch für seine Passion, das Fallschirmspringen, fand er hier die besten Voraussetzungen. So ist es am Ende folgerichtig und nachvollziehbar, dass irgendwann seine persönliche Reise in Kalifornien ihren vorläufigen Höhepunkt fand. Dorthin wandert er 2015 zusammen mit seiner Frau Peggy und ihren damals drei Kindern aus.

Zu diesem Zeitpunkt liegt bereits eine lange Wegstrecke mit unzähligen Etappen hinter ihm. Wir folgen Mike Vetter von seiner Kindheit und Jugend in der Schweiz, über verschiedene Stationen seines Lebens, bis er schließlich einen längeren Stopp in Deutschland einlegt. Dort gründet er 2007 in Berlin mit GoJump sein erstes eigenes Fallschirmsprungunternehmen und führt es zu einem unvergleichlichen Erfolg.

Mit seiner Frau und den gemeinsamen Kindern beziehen sie 2014 schließlich ein schönes Haus in Potsdam. Dort könnten sie sich die kommenden 20 Jahre bis zur Pensionierung entspannt über die Früchte ihrer Arbeit und das Schloss Sanssouci beim Sonnenuntergang freuen. So weit kommt es aber nicht. Nur ein Jahr später bietet sich Mike die Möglichkeit, seine zwei roten Fäden im Leben - die Passion fürs Fallschirmspringen und Wunschland USA - miteinander zu verknüpfen: er kauft einen Sprungplatz in Oceanside, Kalifornien. Ein malerischer Ort am Pazifik, halbwegs zwischen Los Angeles und San Diego.

Was sich eigentlich wie eine Fortsetzung seines bisherigen Lebens entwickeln sollte, stellt sich aber sehr schnell als Beginn einer völlig neuen Geschichte dar. Und damit erklärt sich auch, warum Amerika im Buchtitel erwähnt ist.

Trotz seines Lebensalters, seiner beruflichen Erfolge und Erfahrungen fängt der Autor in Kalifornien wieder bei Null an. Niemand wartet dort auf ihn. Vorschusslorbeeren gibt es nicht. Selbst der Abschluss eines Telefonvertrages stellt sich als schwierig dar und ist nur mit einer Vorauszahlung in Form von Bargeld machbar. Millionenumsätze in Deutschland? Interessiert in den USA niemanden. Das Zauberwort des amerikanischen Wirtschaftssystems heißt Kreditwürdigkeit. Und die bringt man nicht mit. Die erarbeitet und verdient man sich in den Vereinigten Staaten vor Ort.

Die ersten Wochen und Monate sind ernüchternd. Der Autor lernt, dass zwischen seiner Vorstellung vom amerikanischen Traum und dem in der Wirklichkeit eine Lücke besteht, so groß, dass darin mühelos ein Elefant verschwinden könnte.

Einmal mehr ist er gezwungen - nun bereits in der Mitte seines Lebens - alle Kraft, Geld und jede Menge Zuversicht in die Waagschale zu werfen. Allein aus der reinen Notwendigkeit, zu überleben. Innerhalb Jahresfrist katapultiert er GoJump Oceanside mit den verkauften Tandemfallschirmsprüngen an die Spitze aller Sprungplätze in Kalifornien und weit darüber hinaus. Damit versetzt er nicht nur die Fachleute in Staunen, sondern auch sich selbst. Die Mitbewerber nehmen es mit Unverständnis und noch größerem Staunen zur Kenntnis. Ihnen ist es während der zurückliegenden Jahrzehnte(!) nicht gelungen, auch nur annähernd so viele Tandempassagiere in die Luft zu bekommen wie GoJump Oceanside innerhalb von 12 Monaten.

Wie das gelingen konnte und mit welchen Mitteln er diese unglaubliche Dynamik in Gang gesetzt hat, teilt der Autor seinen Lesern freimütig mit. Im Gegensatz zu Coca-Cola stellt er seine Erfolgsformel der Öffentlichkeit zur Verfügung. Und seine Marketingstrategie der „Drei Säulen“ enthält jede Menge Weisheiten und Grundsätze, die sich jeder Dienstleister ab- und hinter die Ohren schreiben sollte.

Sorgen, dass er damit den eigenen Vorsprung verlieren könnte, muss er dabei nicht haben. Auch wenn man alle Zutaten für ein Fünf-Sterne-Menü hat und weiß, wie sie zuzubereiten sind, braucht man immer noch einen Koch, um daraus etwas genießbares zu machen. Tatsächlich schwingen die meisten Mitbewerber zwar riesige Kochlöffel - um im Bild zu bleiben -, mit denen kommen sie am Ende aber nicht mal in ihre viel zu kleinen Töpfe.

Das eigentliche Geheimnis, das zum Erfolg von GoJump geführt hat, ist einzig und allein in der Person von Mike Vetter zu finden. Er denkt groß und er nimmt nichts für gegeben. Belehrungen und Ermahnungen wie „Das geht nicht“ und „Das haben wir schon immer so gemacht“ scheinen dabei wie Trigger, die ihn geradezu ermuntern, das Gegenteil beweisen zu wollen. Nicht ohne Grund nennt er sein Werk „Vision & Courage“. Diese beiden Grundvoraussetzen helfen ihm, nicht den anderen zu folgen und ausgelatschte Pfade zu bewandern, sondern „Out of the Box“ zu denken und zu handeln.

Beides - sein definiertes Ziel sowie der Mut, unbequeme Wege zu gehen und dabei ständig Risiken in Kauf zu nehmen, sind DAUERHAFT erforderlich, um nicht nur den Gipfel zu erklimmen, sondern darüber hinaus, einsam und allein, in sehr dünner Luft zu bestehen. Warum und wie er sich dabei von allen anderen Unternehmern im Fallschirm-Business unterscheidet, erzählt er in seinem Buch.

Mike beschreibt sein Leben so unterhaltsam wie ein Roadmovie: es ist wie eine Mischung aus Suche (nach Herausforderungen) und Flucht (vor erreichten Zielen). Triumphe und Niederlagen wechseln sich dabei ab wie beim rauf und runter in der Achterbahn. Das fängt in der Schule an, in der er rebelliert und die ihn nicht für das Leben vorbereitet. Der frühe Tod seines Vaters, den er als 12-Jähriger betrauern muss, schickt ihn auf eine Reise durch die Welt und durch seine Seele. Eine Reise, die bis heute anhält. Mit erstaunlicher Offenheit lässt er die Leser in sein Inneres blicken und gibt seine Befindlichkeiten preis. Glücksmomente wechseln sich ab mit Schicksalsschlägen, schweren Niederlagen und Enttäuschungen: sportliche Höchstleistungen und verunglückte Fallschirmspringer, unternehmerische Erfolge und Existenzkrisen, Flugzeugentführungen und -abstürze. Ein problemloser Durchmarsch sieht definitiv anders aus. Doch nach jedem Rückschlag kommt er wieder zurück. Immer wieder rappelt er sich auf, tut, was zu tun ist, und schreitet weiter voran.

Erst in der Rückschau formt sich alles zu einem schlüssigen Bild. Was auf dem Weg allzu oft unverständlich und sinnlos erschien, hat im Nachhinein betrachtet einem bestimmten Zweck gedient. Alles Vorangegangene war nötig, alle Hürden mussten überwunden werden - wie Lehrjahre und Prüfungen - um schließlich zur Meisterschaft zu gelangen.

Und zu der hat es Mike in seinem unternehmerischen Wirkungskreis wahrlich geschafft. Nach Kalifornien kamen Sprungplätze in Las Vegas und auf Hawaii hinzu. In weniger als 10 Jahren hat er GoJump-America zu einer unverwechselbaren Marke und zu einem Versprechen für Qualität und Kundenfreundlichkeit gemacht.

Seit ich Mike persönlich kenne, habe ich ihn nie jammern oder klagen gehört. Auch das Buch ist frei von Selbstmitleid oder larmoyanten Schuldzuweisungen, wenn die Dinge aus dem Ruder laufen. Selbst in extremen Situationen oder wenn es emotional wird, versucht er den Dingen analytisch und mit kühlem Kopf zu begegnen Da, wo innere Stärke und Selbstdisziplin erforderlich sind, stützt er sich auf Leitsätze und Gedanken des Taoismus. Dieser fernöstlichen Philosophie fühlt er sich bereits seit seinen frühen 20er Jahren zugetan.

Seinen zweiten stabilen, dauerhaften Halt im Leben findet er mit Anfang 30. Auf einem Sprungplatz begegnet er der in Ost-Berlin geborenen Peggy. Sie wird die große Liebe seines Lebens und die Mutter ihrer mittlerweile vier Söhne. Es ist schwer vorstellbar, dass es die Erfolgsgeschichte von GoJump gegeben hätte, wenn die zwei sich nicht gefunden hätten. Somit ist das Buch auch eine Liebeserklärung an seine Frau und seine Kinder. Er hätte es ebenso gut mit „Love & Passion“ betiteln können.

Eine Quintessenz des Buches ist, dass man lieben muss, was man tut und mit wem man sich umgibt. Und dann braucht es Leidenschaft und Leidensfähigkeit, die mehr sind als hohle Willensbekundungen, um seine Wünsche und Träume Realität werden zu lassen.

Keine 10 Jahre nach der Auswanderung hat Mike den Status des Tellerwäschers weit hinter sich gelassen. Auch die Leser haben da längst verstanden, dass Geld allein nicht glücklich macht und das Glück überhaupt ein kurzlebiger Zustand ist. Ebenso zerbrechlich wie die körperliche Hülle, in der wir all unsere Träume, Hoffnungen und Lasten ein Leben lang mit uns herumtragen.

Ende 2022 legt Mikes Körper eine Vollbremsung ein. Es steht Spitz auf Knopf. Für ein paar sorgenvolle Tage ist unklar, ob und in welchem Zustand er aus der Klinik entlassen wird. Auch diese Episode schreibt er mit der ihm eigenen Gelassenheit und der Erkenntnis, dass auch Träume ihren Preis haben können. Einen hohen Preis.

„Das Glück ist nur ein Traum, und der Schmerz ist wirklich.“ (Voltaire)

Ein wenig atemlos erreicht man das Ende des Buches und muss sich klar machen, dass es sich hier nicht um eine fiktionale Geschichte handelt, sondern um die Lebenswirklichkeit des Autors.

Mir kommt die Situation in den Sinn, die er beschreibt, als er nach vielen Jahren in seine alte Schule in der Schweiz zurückkehrt. Ein Ort, an dem ihm niemand die Lust am Lernen oder aufs Leben vermitteln konnte. Wo er als unangepasst und schwierig galt und sogar vom Unterricht ausgeschlossen wurde.

Inzwischen ist er ein erfolgreicher Unternehmer in den USA. Bevor er sein altes Klassenzimmer verlässt, schreibt er an die Tafel:

„Und ich hab´s trotzdem geschafft! Herzliche Grüße, Michael Vetter“

Was genau er geschafft hat, lässt die Botschaft offen. Es spielt auch keine Rolle, ob jemand sie liest oder versteht oder ob sich überhaupt noch jemand an ihn erinnert. Für den Autor allein ist dieser späte Gruß von Bedeutung. Als Akt der Genugtuung und der Befreiung.

An der Tafel reichte Mike ein Satz, um sich etwas von der Seele zu schreiben. In seinem Buch nimmt er sich dazu über 250 Seiten lang Zeit. Packend und unterhaltsam geschrieben, ist es auch lesenswert für Menschen, die weder den Autor kennen noch einen Bezug zum Fallschirmspringen haben.

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Kommentare

Kommentar von Vetter Ronald |

Well done dear brother, congrats to a fantastic way of life. Your hard work is paid off!
Ron

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