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Ende einer Flussfahrt

von (Kommentare: 2)

Den ganzen Tag schon sehen wir Flussdelphine am Schiff auftauchen. Als ob sie wüssten, dass für uns morgen der Abschied ansteht. Später geht ein unglaublicher Mond auf: Er erscheint in voller Größe an einem (selten) wolkenlosen Himmel. Vollmond über dem Amazonas. Geht´s noch spektakulärer? Es geht. Am Morgen der Ankunft schiebt sich zum letzten Mal die Sonne über den Urwald, strahlend rot und mächtig. Wie selten auf dieser Reise.

Obwohl das Reiseziel und damit die letzten Seemeilen vor uns liegen, ist das Deck menschenleer, ausgenommen die immer gleichen wenigen Bettflüchter.

Auf der rechten Seite schieben sich Bauwerke ins Bild. Brücken, Türme, Sendemasten, Gebäude. Weiter voraus sind im warmen Morgenlicht Industrieanlagen zu erkennen. Menschen knattern in Motorkanus und kleinen Booten an uns vorbei. Vermutlich sind sie auf dem Weg zur Arbeit nach Iquitos.

Dass dieser Tag für uns ein besonderer ist, liegt in der Natur der Sache. Der Rückreise-Blues setzt ein. Wer will schon nach so einer Reise freiwillig wieder nach Hause.

Schiere Freude und Aufregung - um es gelinde auszudrücken - herrschen hingegen an Land. Schon lange ist die Ankunft der Hanseatic ein Thema in der 500.000 Einwohner zählenden Stadt. Nach Iquitos verirrt man sich nämlich nicht einfach so. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, diesen Ort, der völlig isoliert und mitten im peruanischen Regenwald liegt, zu erreichen. Mit dem Flugzeug oder - so wie wir - mit dem Schiff. Die einzige längere Straße raus aus Iquitos verliert sich nach 100 Kilometern irgendwo im Dschungel.

Als wir an der Pier anlegen, tanzt, trommelt und singt draußen eine kleine Gruppe mit Federschmuck und in traditioneller Bekleidung direkt neben dem Schiff. Eine größere Schar von Menschen mit wichtigen Gesichtern, Schutzhelmen und ausnahmslos mit Kameras und Mobiltelefonen in Vorhalte, mäandert indes über die Gangway an Bord. Sie wollen ihren offiziellen behördlichen Pflichten nachkommen. Uns scheint es eher, als hätten sich sehr viele Menschen einen Grund ausgedacht, um einmal das Schiff aus der Nähe zu betrachten.

Für die peruanischen TV-Kameras werden pro forma ein paar Koffer geöffnet und Bilder erstellt, die deutlich machen, dass die Dienst-und Würdenträger der Stadt nicht zum Vergnügen an Bord sind. Danach geht es zum eigentlichen „Inspektionszweck“ über. Der besteht vor allem darin, durchs Schiff zu flanieren und wo nur möglich Selfies oder Fotos zu machen.

Den größten Vogel schießt der Kapitän ab. Ihm wird ein riesiger Holzpapagei in die Arme gedrückt und dann muss er vor den Kameras auf englisch einen 15-sekündigen Text aufsagen, den ihm die Fernsehleute sendefertig vorformulieren. Natürlich kommt darin die tolle Fahrt, die tolle Stadt, das tolle Land und die Freude über die großartige Gastfreundschaft zum Ausdruck. Dabei sieht er zum ersten Mal seit Beginn der Reise so aus, als würden ihm die Dinge soeben kurz aus der Hand gleiten. Angesichts der Herzlichkeit und der überbordenden Begeisterung der einheimischen Presse und der Offiziellen ist das aber auch keine Schande.

Vor fünf Jahren war das letzte Schiff mit einer solchen Anzahl von Besuchern hier. Die Pandemie hat Peru, wie ganz Südamerika, härter gebeutelt als uns. Der Tourismus gehört zu den wenigen Dingen, mit denen die Menschen hier Geld verdienen. Die Hanseatic ist daher kein Hoffnungsfunke, sondern geradezu ein Feuerwerk für eine sich bessernde Zukunft. Und so schließt auch die Rote neue Freundschaften, fotografiert freudestrahlend und sammelt begeistert bunte Werbegeschenke des örtlichen Tourismusbüros ein.

Irgendwann ist die letzte Hand geschüttelt, das allerletzte „Bis zum nächsten Mal“ verkündet und dann gibt es kein Zurück. Das Schiff, das so viel mehr als nur Transportmittel für uns war, wird durch das Busfenster immer kleiner. Bis zum Abflug haben wir noch Zeit und bekommen eine Stadtrundfahrt durch Iquitos im Schnelldurchgang. So ganz viel gibt es dabei nicht zu sehen. Ein bisschen erschöpft und nun auch bereit für den allerletzten Tag in Südamerika, erreichen wir den Flughafen und sagen schließlich „Adios, Iquitos!“

Eine Stunde dauert der Flug von Iquitos nach Lima. 1.000 Kilometer führt die Strecke nach Südwesten über die nördlichen Ausläufer der Anden hinweg.

Während des Fluges können wir ab und zu, an dicken Wolken vorbei, die Erde erkennen. Von so hoch oben ist sie nur als riesige schwarze Fläche auszumachen. So sieht es sonst aus, wenn man über einen Ozean fliegt. Doch was wir diesmal sehen, ist dunkler Wald. Eine unglaubliche Fläche, die hin und wieder von einem Flusslauf durchzogen ist.

Vereinzelt sehen wir kleine Ansiedlungen. Vor drei Wochen war es für uns völlig unvorstellbar, wie man in dieser Umgebung leben kann. Wirklich wissen tun wir es noch immer nicht. Aber wir haben eine Idee davon bekommen. Unsere Gedanken sind bei all den freundlichen, fröhlichen und zugewandten Menschen, denen wir begegnen durften. Es würde mich nicht wundern, wenn sie in uns mehr ausgelöst haben als wir in ihnen.

Schließlich landen wir mit unmittelbarem Blick auf den Pazifik in der Hauptstadt Perus. Einmal Südamerika von Ost nach West, von Küste zu Küste haben wir durchquert.

In Lima verbringen wir die letzte Nacht in einem neuen und mondänen Stadtviertel: Miraflores. Mit Blick auf den Pazifik und einen wundervollen Sonnenuntergang lassen wir den Abend auf einer Restaurant-Terrasse ausklingen. Noch immer trunken von der unglaublichen Reise und ein bisschen beschwipst von ein paar Pisco Sour.

Am nächsten Tag geht der Rückflug erst am Nachmittag. Zeit für eine kurze Stadtrundfahrt. Es ist Karfreitag. Es scheint, als würde sich das gesamte katholische Peru zu Fuß durch die Innenstadt bewegen. Vor Kirchen und Kathedralen bilden sich lange Schlangen. Vor drei Monaten brannte es hier noch in den Straßen angesichts schwerer politischer Unruhen. Davon ist nichts mehr zu merken. Außer, dass die Polizei sichtbar Präsenz zeigt.

Vor 23 Jahren war ich zum ersten und einzigen Mal in Lima. Die Stadt hat sich verändert. Meine Erinnerungen finden keinerlei Anknüpfungspunkte. Bis wir im historischen Stadtzentrum den Plaza Mayor mit Präsidentenpalast und Kathedrale erreichen. Hier hatte ich damals mit meinem Taxifahrer zu Mittag gegessen. Die altehrwürdige Kulisse scheint unverändert. Wo wir gesessen haben, kann ich nur noch vermuten. Ein viertel Jahrhundert seitdem! Als wir hier saßen, war der Amazonas von hier aus auch schon 1.000 Kilometer weit entfernt. Aber eine Millionen Kilometer von jeder Vorstellung, dass ich ihn einmal in fast seiner ganzen Länge befahren würde.

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Kommentare

Kommentar von Gabi Heller |

Tolle Reise - super Bilder! Beneidenswert!

Kommentar von Max |

Interessante Story + wunderbare Bilder! Kommt gut nach Hause - oder noch besser: bleibt noch eine Weile wo ihr seid. Dann fällt der Temperaturschock nicht ganz so krass aus ...

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