Zur Übersicht

Einfach zum Wegfahren

von (Kommentare: 1)

Berlin. 6:00 Uhr am Morgen. Warm. 24 Grad Celsius. Fast schon karibisch. Wäre da nicht dieser Hauch von Berliner Luft. Verbraucht. Abgestanden.

In Flip-Flops und kurzen Hosen zum Bahnhof. Berlin – Frankfurt. Rennstrecke mit ICE. Platzreservierung. Ruhebereich. Geringe Auslastung. Getränke am Platz serviert. Das Abteil ist wohltemperiert. Ankunft pünktlich. Termin läuft super, besser und kürzer als geplant. Statt einer Übernachtung nun doch Rückreise am selben Tag. Das Ticket Frankfurt - Berlin ist noch nicht gebucht.

Frankfurt. 14:00 Uhr. Es ist heiß. Wüstenklima. Die Ausdünstungen der Main-Metropole stehen denen von Berlin in nichts nach.

Ist es die Hitze? Sticht den Reisenden der Hafer angesichts des gut gelaufenen Termins? Oder ist es zunehmende Senilität, die in dem Über-60-Jährigen eine Art Abenteuerlust aufkeimen lässt? Postjuvenile Verwegenheit?

Eine Frage, die noch immer unbeantwortet im Raum steht. Denn was kann einen Menschen - mit halbwegs klarem Verstand - dazu bewegen, anstelle einer unkomplizierten Reise das genaue Gegenteil zu suchen?

Im vorliegenden Fall gibt es, wenn schon keine Entschuldigung, dann doch eine Erklärung für den Hang zum Nervenkitzel: DAS 9-Euro-Ticket.

Es ist der Sommerhit des Jahres 2022. Jeder kennt es. Fast alle haben es. Selbst wer bislang nicht mal wusste, wie öffentlicher Personennahverkehr von innen aussieht, investiert den Gegenwert von etwa 5 Litern Autokraftstoff in die Lizenz zu unbeschränkter Mobilität.

Das heißt, so unbeschränkt ist sie nun auch wieder nicht. Was für den hohen einstelligen Geldbetrag als eine Art "Bahncard 100 für Alle" beworben wird, stellt sich schnell als "Fahrcard 100 für Arme" heraus. Denn neben dem Budget-freundlichen Einstiegspreis erfordert das Ticket eine weitere Investition: Zeit. Viel Zeit. Denn "Das Ticket ist nicht in den Zügen des Fernverkehrs (z.B. IC, EC, ICE) und in Fernbussen gültig."

Das wiederum kommt dem immer häufiger geäußerten Wunsch nach "Entschleunigung" entgegen und ist somit durchaus modern gedacht. Da Zeit aber bekanntlich Geld ist, von dem - wie gemunkelt wird - die Reichen nie genug bekommen können, fährt also wer mit dem 9-Euro-Ticket? Richtig. Die Armen. Oder die Geizigen. So wie der Chronist, der sich ausrechnet, was er sich Schönes leisten kann, wenn er die 150 Euro spart, die eine Rückfahrt im ICE kostet. Das bereits mehrfach herausgefahrene 9-Euro-Ticket in der Tasche funktioniert schon eine Weile als der reinste Freifahrtschein.

Den gesammelten Erfahrungen zahlloser Reisen zum Trotz, von denen er weiß, dass "billig" immer teurer wird als der mit Geld zu bezahlende Preis , steigt er in Hanau in die nächste Regionalbahn. Ziel: Fulda.

Hanau - Fulda

Der Zug fährt pünktlich ein. Und um 14:48 Uhr pünktlich ab. Es läuft. Entspannt und ruhig. Die Auslastung dürfte bei 50% liegen. Die Mitreisenden verhalten sich unauffällig und angenehm ruhig. Die Bestuhlung ist mittelmäßig bequem, eindeutig nicht auf Langstrecke ausgelegt. Nach anderthalb Stunden Fahrt inklusive 8 Zwischenstopps wird die Endstation in Fulda pünktlich erreicht. Das Ganze zieht sich, aber es ist erträglich. Der erste Umstieg steht bevor.

Fulda - Kassel

Mit 6 Minuten Verspätung verlässt der Zug Fulda. Das stellt sich sehr schnell als der kleinste Makel heraus. Diese Verbindung ist zu über 90% belegt. Die Reisenden kommen sich zwangsweise näher. Für jeden ist zwar ein Sitzplatz vorhanden, was die unzähligen Kinder nicht davon abhält, ganze Abteile lautstark und raumgreifend mit und ohne lärmerzeugende Hilfsmittel zu terrorisieren. Ansonsten wird lautstark in den unterschiedlichsten Sprachen gesprochen. Deutsch ist nicht dabei.

Anderthalb Stunden lang gleicht die Geräuschkulisse einer irren, nervtötenden Mischung aus Spielhalle, Telefonzelle, Privatwohnung und Freilichtkino, in dem mehrere Programme in verschiedenen Sprachen parallel laufen. Zwischendrin rollern und radeln offensichtlich Waisenkinder durchs Abteil, denn von Eltern, die den Verkehrsrowdies Einhalt gebieten, ist während der ganzen Fahrt nichts zu sehen.

Nach 14 Stopps erreicht der Zug mit leichter Verspätung Kassel-Wilhelmshöhe. Der nächste Anschluss ist 8 Bahnsteige weit entfernt. Zügig und in vorauseilender Vorsicht erwirbt der bereits traumatisierte Chronist beim Wechsel des Bahnsteigs zwei belegte Brötchen und eine Flasche Wasser. Das Speisen- und Getränkeangebot im Regionalverkehr besteht ansonsten nur aus den Resten, die die Reisenden auf ihren Plätzen hinterlassen.

Kassel - Sangerhausen

Auch der Zug in Richtung Halle an der Saale rollt pünktlich los. Die Auslastung beträgt nun 100%. Mitgeführtes Gepäck wird zahlreicher und größer. Die Regionalzüge sind für solche Kapazitäten nicht ausgelegt. Die Platzsituation wird zunehmend klaustrophobischer.

Ein freier Platz findet sich direkt gegenüber einer Mutter mit ihrem 8-jährigen Sohn. Die dicke Beule an der Stirn der Frau wirft die Frage auf, ob sie Kampfsportlerin ist oder ein Opfer häuslicher Gewalt. Weder noch. Das aprikosengroße Hörnchen über ihrem Auge ist das Resultat eines Verkehrsunfalles. Der liegt noch keine Stunde zurück.

Auch sie konnte der Versuchung des 9-Euro-Tickets nicht widerstehen. Aus dem Ruhrgebiet kommend, müssen sie und ihr Kind zurück nach Erfurt. Irgendwann auf ihrer langen Reise war Schluss mit Schiene. Gemeinsam mit den anderen Passagieren mussten sie umsteigen auf ein bereiftes Ersatzverkehrsmittel. Damit gelangten sie bis zum Bahnhofsvorplatz in Kassel, wo es auf der Zielgeraden zu einem spontanen Rendezvous mit einem Kleinwagen kam. Aus der Begegnung mit dem Smart ging der Bus zwar äußerlich als Sieger hervor, seine menschlichen Innereien wurden dabei allerdings einmal kurz und sehr heftig gerührt und geschüttelt. Schwer verletzt wurde niemand, aber einige der 50 Busreisenden wurden anschließend vorsichtshalber in örtliche Krankenhäuser verbracht, zur weiteren Beobachtung. Die Frau ist noch ganz aufgewühlt und redet sich ihren Schock von der Seele. Das Großraumabteil ist ihre Bühne.

Währenddessen schmilzt die für Sangerhausen komfortable Umsteigezeit von einer knappen halben Stunde auf 0 (null) Minuten zusammen. Unterwegs steht der Zug viel. Irgendwo klemmt irgendwas, ein vorausfahrender Zug fährt nicht weiter oder irgendwer blockiert den Weg. Wird in Sangerhausen der Zug nach Magdeburg nicht erreicht, muss an diesem Tag die Fahrt bis nach Halle fortgesetzt werden, um Berlin noch zu erreichen. Die Gesamtreisezeit würde sich damit um rund zwei Stunden verlängern. Ankunft irgendwann weit nach Mitternacht.

Nach 13 planmäßigen Stopps und der einzigen Fahrkartenkontrolle während der gesamten Reise, wird Sangerhausen mit 15 Minuten Verspätung erreicht. Zum Glück fährt auch der Anschlusszug inzwischen nach seinem eigenen Fahrplan und mit eigener Verspätung.

Sangerhausen - Magdeburg

Die Weiterfahrt erfolgt 20 Minuten später, was sich unmittelbar auf die Umsteigezeit in Magdeburg auswirkt. Dort wird es sehr knapp. Wenn alles gut läuft.

In der Zwischenzeit haben es ein paar junge Männer geschafft, aus der angrenzenden Bahnhofsgaststätte tütenweise Essen zum Mitnehmen in den Zug zu verfrachten. Sie breiten ihr Pommes-Döner-Fanta-To-Go-Menü aus und hauen rein. In Sekundenschnelle stinkt es im ganzen Abteil nach Frittenfett, Zwiebeln und scharfer Soße. Aus den Tiefen des Abteils ertönt Partylärm. Offensichtlich nimmt dort jemand das Abendessen in flüssiger Form zu sich.

Nach weiteren anderthalb Stunden und 7 Stationen erreicht der Zug mit 10 Minuten Verspätung Magdeburg. Die physische und mentale Verfassung des Chronisten gleicht jetzt schon einem 12 Stunden langen Transatlantikflug auf einem Mittelsitz in Economy. Mit dem ICE wäre er seit über einer Stunde zu Hause. Aber 150 Euro ärmer.

Magdeburg - Berlin

Es bleiben 5 Minuten zum Umsteigen. Der Zug für die Schlussetappe ist 6 Bahnsteige entfernt. Ein Massensprint setzt ein. Es scheint, als wollte jeder nach Berlin. Nicht alle werden es schaffen.

Pünktlich um 22:08 Uhr setzt sich der Zug für die letzte Teilstrecke in Bewegung. Die Auslastung liegt geschätzt bei 90%. Nicht einer der Reisenden strahlt Fröhlichkeit aus oder gute Laune. Stimmung wie unter Zwangsverschickten. Bis auf 4 junge Männer, die alle anderen an ihrer Vorliebe für Rap oder Hip-Hop oder sonstige Sprechgesänge teilhaben lassen. Ihre technischen Geräte sind klein, mobil und unsäglich laut. Sie dudeln das, was sie für Musik halten in Disko-Lautstärke ab, schreien rum und benehmen sich, als wären sie Oligarchen in ihrem Privatzug.

Niemand sagt etwas. Für 9 Euro unbequem zu fahren ist eine Sache. Sich dafür auch noch die Fresse polieren zu lassen, weil man ein Mindestmaß an Rücksichtnahme einfordert, ist eine ganz andere. Was bleibt, ist der stille Rückzug unter leistungsfähige Kopfhörer oder in ein anderes Abteil. Die Vorfreude auf das, was man sich für die gesparten 150 Euro kaufen kann, verblasst mit jedem zurückgelegten Bahnkilometer. Könnte es sein, dass (gespartes) Geld doch nicht alles ist?

Endlich, nach 14 Stationen, hält der Zug ein letztes Mal. Pünktlich um 23:49 Uhr.

Berlin-Charlottenburg

Es ist warm. 24 Grad Celsius. Fast schon karibisch. Wäre da nicht dieser Hauch von Berliner Luft. Verbraucht. Abgestanden. Herrlich! Was für eine wohltuende Erfrischung nach ziemlich genau 9 Stunden in schmuddeligen, miefigen, muffigen Regionalbahnen.

Wenig Spaß für wenig Geld

Niemand, der ein 9-Euro-Ticket erwirbt, rechnet damit, in der Sänfte umhergetragen zu werden. Dass man für 9 Euro die Lust am Reisen verlieren kann, davor wird man vor dem Kauf allerdings auch nicht gewarnt.

Von Berlin nach Frankfurt dauerte die Fahrt im ICE 4:20 Uhr ohne umzusteigen. Auf der Strecke wurde an sieben Bahnhöfen planmäßig gehalten.

Zurück am selben Tag, unter Nutzung der besten Verbindungen des Regionalverkehrs, addierte sich die Reise auf 9 Stunden, fünf unterschiedliche Züge, viermal Umsteigen und insgesamt 66 Zwischenstopps an Bahnhöfen mit zuvor nie gehörten Ortsnamen. Oder kennt irgendwer Kirchmöser, Hettstett oder Berga-Kelbra?

Der Höhepunkt des Reisekomfort bestand vor allem in einem Sitzplatz. Entspannung, Ruhe, Arbeit oder Schlafen – komplette Fehlanzeige.

Die permanente Anspannung, ob der Zug pünktlich sein wird, die aktuelle Verspätung aufgeholt, der Anschluss noch erreicht wird - und wenn nicht, welche Alternativen sich in der deutschen Provinz mit fortschreitender Zeit noch bieten - lassen einen nicht zur Ruhe kommen. Der Halt an jeder Milchkanne und die ständige Unruhe beim Ein- und Aussteigen von Fahrgästen tragen ein Übriges bei.

Mit Reisen hat das nicht mehr viel zu tun, eher mit Transport. Es geht nur noch darum, von A nach B zu gelangen, egal wie. Man nimmt, was kommt und halbwegs in die gewünschte Richtung fährt.

Das Preis-Leistungs-Verhältnis einer kostenlosen Bahnfahrt ist nicht zu unterbieten. Der durchschlagende Erfolg des 9-Euro-Tickets unterstreicht das. Auch Menschen, die Geiz eben nicht nur geil finden, können sich der Anziehungskraft dieser Mobilitätssubventionierung nicht entziehen.

Natürlich erfordert jede Art der Fortbewegung Zeit. Lebenszeit. Die wird mit einem 9-Euro-Ticket bei Fernreisen allerdings ganz schnell vertan. Ohne eine Chance auf Kompensation. Den kleinen Geldbetrag kriegt man irgendwo immer wieder her. Aber 9 Stunden des eigenen Lebens, während man sich permanent fragt, was man da eigentlich macht, sind sinnlos vertan und einfach nur unwiederbringlich weg.

Da weder vergeudete Zeit noch das eigene Leben ein Preisschild haben, lässt sich hier nur schwer eine vernünftige, in Zahlen zu erfassende Kosten-Nutzen-Rechnung aufmachen. Nur eins ist gewiss: für die gesparten 150 Euro ließen sich 16 Monate lang ein 9-Euro-Ticket kaufen. Wie geil ist das denn?!

 

Zurück

Kommentare

Kommentar von Maxi |

Und RAINAIR wäre keine Alternative gewesen?

Einen Kommentar schreiben

Bitte addieren Sie 6 und 9.