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Echt der Gipfel

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Unser ursprünglicher Plan, den Grand Canyon zu durchqueren, war nicht realisierbar. Nach dem Unwetter und den damit einhergehenden Zerstörungen ist der Weg noch immer gesperrt. Nach meinem Knie-Waterloo am El Capitan haben wir außerdem alle Alternativen aus dem Programm genommen, die ausgedehnte Abwärtsrouten beinhalten. Das neue Ziel heißt nun Pikes Peak, liegt in Colorado und ragt 4302 Meter hoch aus der Landschaft. Am Start befinden wir uns bereits 2000 Meter über dem Meeresspiegel. Von hier sind es 2300 Meter Höhenunterschied bis zum Gipfel. Ich bilde mir bereits jetzt ein, dass die Luft dünn ist. Dabei liegt das wirklich dicke - bzw. dünne - Ende erst noch vor uns. Und der Weg dorthin zieht sich über 20 Kilometer bergauf. Ausschließlich bergauf.

Mit meiner nicht auskurierten Knieprellung und Mikes Monsterblasen an beiden Füßen treten wir an. Der Anstieg ist zwar anstrengend, aber für unsere Blessuren besser zu verkraften, als geradeaus oder bergab zu laufen. Es geht gut voran und wie im Yosemite Park ist das Wetter unser Freund. In der Nacht zuvor hat es am Gipfel geschneit. Wir marschieren ihm bei 18 Grad unter stahlblauem Himmel entlang des Barr Trails entgegen. Neun bis zehn Stunden beträgt das errechnete Zeitfenster. Wir machen nur kleine Pausen, keine länger als fünf Minuten. Es ist einfach zu anstrengend, wieder in den Tritt zu kommen, wenn der Körper beginnt, sich auf Gemütlichkeit einzustellen.

Am Barr Camp haben wir die Hälfte geschafft. Zehn Kilometer liegen hinter, zehn weitere noch vor uns. Hier ist der letzte Punkt, zu entscheiden, wo wir die zweite Hälfte beenden wollen: unten in Manitou Springs auf dem Parkplatz oder oben, wo uns die ganze Welt zu Füssen liegen wird.

Die Luft wird nun merklich immer dünner. Ich weiß vom Fallschirmspringen, was es heißt, sich im Bereich von 4000 Metern über dem Meeresspiegel und höher aufzuhalten. Jede Bewegung kostet bald doppelt so viel Kraft. Auch ohne körperliche Aktivität steigt der Puls. Im Flugzeug ist man dem allerdings nur kurz ausgesetzt, bevor man abspringt, zurück in sauerstoffreichere Sphären.

Meine Lungen machen mehr und mehr Geräusche wie ein schottischer Dudelsack aus dem 18. Jahrhundert, über den die Motten hergefallen sind. Als wir die Baumgrenze erreichen, pfeife ich schon lange nicht mehr aus dem letzten Loch, sondern aus vielen. Passend zum Pfeifkonzert in meinem Burstkorb passt sich die Kulisse an. Vorbei die liebliche märchenwaldähnliche Landschaft. Grün wird zu Rotbraun. Der Untergrund zu Granit. Und der Gipfel, nun permanent im Blick, scheint einfach nicht näher kommen zu wollen. Irgendwann sind es nur noch zwei Kilometer. Der Fortschritt wird jetzt in Zentimetern gemessen. Die Zeit scheint still zu stehen. Die kurzen Stehpausen zum Luftholen werden häufiger, die Laufstrecken dazwischen kürzer.

Irgendwann nach neuneinhalb Stunden strahlt mich Mike von oben an. Ein letztes Mal, dass er auf mich warten muss. Es ist geschafft. Der Atem ist flach. Die Freude groß. Ich fühle mich wie bei der Rückkehr auf einen fernen Planeten, den ich vor langer Zeit hinter mir gelassen habe, und von dem ich annahm, dass ich ihn nie wieder betreten würde. Ich schaue hinab und zurück und werde emotional. Was ich hinter mir sehe, lag vor einigen Stunden noch vor mir. Alles so schier unerreichbar weit entfernt.

Mit einigem Abstand beenden nach mir zwei andere Männer den Aufstieg. Erst jetzt erinnere ich mich, dass ich irgendwann, irgendwo unterwegs an ihnen vorbeigeschlichen bin. Beide sehen gesund und halbwegs fit aus. Vom Alter her könnten sie meine Söhne sein. Zum ersten Mal bekomme ich eine Ahnung davon, wo ich mit meinen 68 Jahren körperlich stehe. Allein diese Feststellung hebt mich über die Erschöpfung und die Schmerzen hinweg. Hier hat jeder alles ganz allein nur mit sich selbst auszumachen. Keine App befördert einen auf Knopfdruck tausend Meter nach vorne. Keine Abkürzung bietet sich als Plan B an. Ehrlicher geht es nicht.

Der Mensch, dem ich das alles zu verdanken habe, ist mein guter alter Freund Mike. Es ist nicht das erst Mal, dass ich durch und mit ihm das Privileg genieße, Dinge zu erleben, auf die ich alleine nicht kommen würde. So auch diesmal.

Natürlich kann man den Pikes Peak auch ohne den Einsatz der eigenen Beine erreichen. Im Auto oder mit der Zahnradbahn. Sie ist unsere Wahl für den Rückweg. In den 70 Minuten, die wir auf diese Weise ins Tal benötigen, rauscht an uns vorbei, was wir uns einen halben Tag lang hart erkraxelt haben.

Der letzte Stopp ist - fast schon traditionell - Las Vegas. Wir ziehen ins Bellagio ein, genießen die gediegene Herberge und akklimatisieren uns wieder an die Zivilisation: zweimal lecker Essen mit Blick auf den virulenten Las Vegas Strip und eine Michael-Jackson-Show im Cirque du Soleil. Besonders nachhaltig ist für mich allerdings, dass ich die Stadt zum ersten Mal bei Regen erlebe. Unglaublich.

Zwölf Tage sind wie im Flug vergangen. Etwas wehmütig trete ich die Heimreise an. Doch dort wartet bereits die nächste Herausforderung auf mich, mein kleiner großer Enkelsohn Fiete: der nächste Viertausendsassa. Und wie immer: Opa ohne künstlichen Sauerstoff.

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