Die Vergangenheit ruft
von Peter Schäfer (Kommentare: 0)
Von San Diego fliegen wir nach Oakland. Statt nach San Francisco biegen wir in die entgegengesetzte Richtung ab. Nach weiteren dreieinhalb Autostunden erreichen wir unser heutiges Reiseziel, den Yosemite Nationalpark. Es ist bereits spät, als wir ankommen. Vor uns liegt eine kurze Nacht.
Am nächsten Morgen brechen wir noch vor der Dämmerung auf. Wir fahren in das Yosemite-Tal zu einem der Wahrzeichen des Nationalparks, dem Felsmassiv des El Capitan: unsere nächste Trainingseinheit. Was uns aus dunkler Höhe anfunkelt, sind keine Sterne, sondern Stirnlampen. Kletterer auf der kürzesten Route zum Gipfel. Entlang der 1000 Meter hohen Steilwand. Unsere Tour wird deutlich länger werden. Rauf und wieder runter werden wir 24 Kilometer zurücklegen, dabei knapp 1100 Höhenmeter überwinden. Mike rechnet mit etwa neun Stunden. Unser Startpunkt liegt bereits 1200 Meter über dem Meeresspiegel. Auf dem Gipfel werden es über 2300 Meter sein.
Wir wählen den Weg über den steilen Upper Yosemite Falls Trail, der gleich zu Beginn mit zahlreichen Serpentinen und vielen Höhenmetern aufwartet. Das zieht sich bis zu einem gut besuchten Bereich, nahe des berühmten Wasserfalls, der sich aufgrund von Wassermangel zurzeit allerdings in die Nichtexistenz zurückgezogen hat. Unterwegs erleben wir den Sonnenaufgang und den spirituell anmutenden Blick auf die ungehobelte Natur, die sich bis zum Horizont ausbreitet. Seit wir das Auto abgestellt haben, liegt ein Rauchgeruch in der Luft. Entweder hält jemand seit Stunden ein Riesen-Barbecue am Laufen oder irgendwo brennt der Wald. Der Dunst, der sich über die grandiose Topografie mit der Felsformation des Half Dome im Mittelpunkt gelegt hat, lässt uns nichts Gutes vermuten.
Ab halber Strecke verändert sich die Landschaft. Der Anstieg wird moderater. Die Wälder erinnern an Tolkiens Mittelerde in „Herr der Ringe“. Unterwegs laufen uns Rehe über den Weg und Bären(!). Im Tal wird an jedem Rastplatz vor ihnen gewarnt. Wieso bin ich überrascht und erschrocken, als wir den Pelzträgern hier oben begegnen? Zum Glück scheint nichts an uns appetitanregend genug zu riechen. Mensch und Tier gehen weiterhin getrennte Wege.
Nach fünfeinhalb Stunden erreichen wir das flache, weite Gipfelplateau. Wir sind gut vorangekommen und ich fühle mich erstaunlich gut. Der Abstieg wird ein Klacks werden.
Der grandiose Ausblick über den Park gibt uns nun auch die letzte Bestätigung für die Ursache der verräucherten Luft. Dunkle Qualmwolken steigen an einer weit entfernten Stelle aus dem Wald gen Himmel. Im Laufe des Tages wird der Brand gelöscht. Unter anderem auf Kosten eines Lösch-Hubschraubers, der abstürzte und zwei Piloten das Leben kostete.
Fast auf den Monat genau vor 36 Jahren war ich zum ersten und letzten Mal auf dem Gipfel des El Capitan. Es scheint mir, als sei die Zeit hier oben nicht vergangen. Im Gegensatz zu mir, wenn ich Fotos von damals und heute vergleiche. Im August 1980 verbrachte ich mit einer Gruppe von Fallschirmspringern die Nacht hier oben. Ohne Zelt, ohne Schlafsack. Wir hatten nur unsere Fallschirme dabei. Mit denen wollten wir am frühen Morgen den Rückweg antreten. Inklusive Absprung, freier Fall und Flugphase am offenen Fallschirm dauerte es knapp fünf Minuten und wir waren zurück im Tal.
Nun steht uns ein Rückweg von etwa 3-4 Stunden bevor. Aber: denkste! Der Abstieg vom Berg wird ein Abstieg in die Hölle. Schlimmer als ein Sprung ohne Fallschirm von der Klippe. Wo sich Muskeln und Gelenke bergauf von ihren besten Seiten zeigten, versagen sie auf der zweiten, unwegsamen, steilen Hälfte nach unten auf ganzer Linie. Für den gesamten Abstieg brauche ich länger als für den Aufstieg. Die Belastungen auf den Knien und Knöcheln bremsen mich auf Schildkrötentempo. Ständig rutsche ich auf dem unebenen Weg aus, habe Mühe, das Gleichgewicht zu wahren, falle hin, prelle mir das Knie.
Endlich unten angekommen, begrüßt mich Mike mit einem heißen Milchkaffee. Inzwischen kann ich das linke Bein nicht mehr ohne Schmerzen anwinkeln. Das Vorhaben, am nächsten Tag mit Mike zusammen den Half Dome anzugreifen, lege ich zu den Akten. Eine Familienpackung Ibuprofen und eine Riesentube Schmerzsalbe bleiben meine einzige Hoffnung, dass meine Knochen bis zum finalen Höhepunkt unseres Ausfluges wieder in Ordnung sind.
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