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Der Moment ist alles, was wir haben

von (Kommentare: 1)

Zwei Jahre Virus. Fünf Wochen Krieg. Grund genug, um an vielem zu zweifeln und an allem die Lust zu verlieren. Doch wem ist damit gedient, wenn wir in eine kollektive Depression verfallen?

Wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns eingestehen, dass die Welt bzw. die Menschheit nie frei war von Sorgen. Wer’s nicht glaubt, schaut in die Geschichtsbücher: Katastrophen, Kriege, Krankheiten. Allein was Europa betrifft, muss man keine 1000 Jahre zurück recherchieren, um dafür reichlich Belege zu finden.

Warum sind wir ausgerechnet zurzeit so angefasst und empfindlich? Wieso leben wir mit dem starken Gefühl, dass um uns herum alles den Bach runtergeht? Es scheint auf nichts mehr Verlass zu sein, so dass wir auf einmal alles in Frage stellen. Ganz offensichtlich liegt es auch daran, weil wir seit zwei Jahren nun auch im hochentwickelten und vom Frieden gesegneten Europa wieder "mittendrin, statt nur dabei" sind.

Haben wir vorher mal gefragt, wie z.B. die Menschen im westlichen Afrika, deren Familien in den letzten Jahrzehnten immer wieder durch das Ebola-Virus reduziert worden sind, auf die weltweite Aufregung und den plötzlichen Aktionismus bis hin zur Hysterie im Zuge von COVID reagiert haben?

Wissen wir etwa, was ein Mensch empfindet, der bereits seit 10 Jahren in Syrien oder Afghanistan vor Trümmern steht, die einmal sein Haus gewesen sind - und nun ähnliche Bilder aus der Ukraine zu sehen bekommt? Wir selbst könnten anhand der Fotos noch nicht mal erkennen, in welchem dieser Länder das Elend abgelichtet wurde. Bis vor einiger Zeit war das Unvorstellbare immer weit genug weg, als dass es uns eine schlaflose Nacht bereitet hätte.

Das Problem "der anderen" wird erst dann zu unserem, wenn es spürbaren Einzug in unseren persönlichen Alltag hält. Zum Beispiel, wenn Menschen aus fernen Ländern mit ihrem verbliebenen Hab und Gut, das in eine Plastiktüte passt, vor uns stehen und Obdach suchen. Aber schon im nächsten Moment schauen wir beim Tanken verärgert auf die Zapfsäule und dann ratlos in unser Portemonnaie. Wer denkt in diesem Augenblick an den unbekannten Autobesitzer in einem Kriegs- oder Katastrophengebiet, der klaglos 10 Euro für einen Liter Benzin bezahlen würde, wenn er noch ein Auto hätte.

Natürlich haben auch wir in den letzten zwei Jahren gelitten: Lockdown, leere Klopapierregale (jetzt Sonnenblumenöl), Maskenpflicht, Impfdebatte und nun auch noch der Liter Sprit für über 2 Euro. Sind unsere Sorgen unbedeutender, nur weil sie nicht existentiell sind?

Das mag gerne jeder für sich selbst beantworten. Dabei sollten wir allerdings so ehrlich sein und einfach mal festhalten, dass wahrscheinlich zwei Drittel der Menschheit lieber unsere schwere Last tragen und uns stattdessen ihre Probleme an den Hals wünschen würden.

An dieser Stelle soll nicht versucht werden, „kleine“ Nöte gegen große aufzuwiegen. Leider ist es aber so, dass die erhöhte Aufmerksamkeit auf das eigene Leid, den eigenen Verlust oder auch nur den eigenen Verzicht, nicht die persönlichen Befindlichkeiten verbessert. Anders ausgedrückt: je mehr ich mich auf einen unschönen Sachverhalt konzentriere, desto schlechter geht es mir am Ende.

Neurologen haben herausgefunden, dass es drei positive Gedanken braucht, um einen negativen auszugleichen. Das hat direkte Auswirkungen auf unseren Gemütszustand.

Ich kann also selbst hochrechnen, wie oft am Tag ich mich über irgendetwas aufrege oder ärgere und gleich anschließend fragen, ob ich es mit dem Dreifachen an Freude oder Dankbarkeit ausgleichen kann. Wenn nicht, haben schlechte Gefühle bis hin zur Depression freie Fahrt durch die Gehirnwindungen.

Um negative Gedanken zu neutralisieren, braucht es keine überbordenden Gefühle oder ausufernde Glückseligkeiten, die wir mit Fanfarenklang und Konfetti zelebrieren. Es geht vielmehr um die scheinbar kleinen Dinge, die unser Leben überwiegend ausmachen und bestimmen. All das, was so sehr zu einem Teil von uns und unserer Umwelt geworden ist, dass wir es nicht mehr bewusst wahrnehmen: Ein Dach über dem Kopf, ein gefüllter Kühlschrank, eine warme Wohnung, relative Mobilität, und die Freiheit, alles glauben und sagen zu können, ohne um das eigene Leben fürchten zu müssen. Ist das nichts? Ist das zu wenig? Spätestens, wenn uns ein Teil dieser unvollständigen Aufzählung abhandenkommt, werden wir ganz sicher eine Antwort darauf finden.

COVID und der Ukraine-Krieg werden sich noch auf unser Leben auswirken, wenn sie längst überwunden und Vergangenheit geworden sind. Ob es der Welt und uns dann besser oder schlechter gehen wird, unterliegt nicht unserem individuellen Einfluss. Wie ich persönlich damit umgehe, schon eher. Und so bin ich dankbar dafür, alles in allem in einer guten Zeit gelebt zu haben. Den Selbstbetrug und die Hoffnungen, dass es ewig so bleiben wird, gestehe ich ein und verzeihe mir. Klar ist aber einmal mehr, dass es keine absoluten Sicherheiten gibt.

Niemand kann die Zukunft verlässlich vorhersagen, obwohl Interessenvertreter jeglicher Couleur gerne so tun, als könnten sie es doch. Was die Vergangenheit betrifft, so bleibt die auf ewig unumkehrbar. Sie wird mir keine großen Energien mehr abringen. Vorbei ist vorbei. Bleibt als einziges die Gegenwart. Der Moment ist alles, was wir haben. Und bevor er uns gewahr wird, ist er auch schon wieder vorbei. Doch ein Tag hat viele gute Momente. Wenn wir uns bemühen, das Gute im Schlechten, das Richtige im Falschen zu finden, bewegen wir uns langsamer oder vielleicht auch gar nicht auf einen emotionalen Abgrund zu.

"Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden".

Dieses bekannte Zitat stammt aus dem Gelassenheitsgebet des amerikanischen Pfarrers mit deutschen Wurzeln, Reinhold Niebuhr. Eine weniger bekannte Stelle in seinem Text befasst sich noch genauer mit der Idee des Augenblicks:

"Einen Tag nach dem anderen zu leben,
einen Moment nach dem anderen zu genießen.
Entbehrung als einen Weg zum Frieden zu akzeptieren."

Das Gute ist in uns und um uns. Das Schlechte auch. Was die Oberhand über unsere Haltung und Befindlichkeit gewinnt, liegt am Ende bei uns selbst. "Alles wird gut." oder "Alles ist schlecht."

Egal, mit welcher Überzeugung wir morgens aus dem Bett aufstehen - wir werden in jedem Fall recht behalten.

 

 

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Kommentare

Kommentar von Martina |

Spricht mit total aus der Seele, und könnte mein Lebensmotto sein. Nütze den Tag, es könnte der letzte sein.

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