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Das Panorama von Pergamon

von Simone Keil (Kommentare: 0)

Tagsüber im Museum

Sonntags in Berlin: Die Sonne scheint, die Vögel singen. Der Kudamm ist voller Menschen. Die Stühle in den Cafés sind besetzt, Frauen tragen Kleider und Männer Sandalen. Kinder rennen umher, das Gesicht mit Schokoladeneis beschmiert. Wenn man nicht so genau hinschaut, sieht dieser Sonntag in Berlin aus wie JEDER ANDERE in jedem anderen Sommer.

Und dennoch: Beim zweiten Blick fällt einem auf, dass die Stadt für einen so schönen Sommertag geradewegs leer ist. Die Tische in den Cafés stehen weit auseinander. Die Kellnerinnen tragen Mundschutz, in den Eisdielen stehen lange Menschen-Schlangen mit großen Abständen, von auf dem Boden aufgezeichneten Strichen getrennt.

Unter den S-Bahnbögen der Friedrichstraße sind viele der Kneipen noch immer geschlossen. Der legendäre Schuhladen, in dem Rot und Grau sich kennengelernt haben, ist verschwunden; dort ist jetzt ein Blumenladen. Von mir aus….

Wir wollen ins Museum. Genauer gesagt: Wir haben ein Zeitfenster-Ticket für „Das Panorama“, einem Ableger des Pergamon-Museums – und schlendern vom S-Bahnhof Richtung Spree. Hier sind auffällig wenige Menschen unterwegs, man merkt, dass der Stadt die Touristen fehlen. Am Buchmarkt erwartet uns ein Meer von Bücherkisten, aber kaum Käufer. Der Graue bleibt schon wieder an einem Stand stehen, nimmt einen alten Schinken in die Hand und beginnt ein Fachgespräch mit dem Verkäufer. Ich signalisiere mit den Augen das Bücher-Kauf-Verbot (Platzgründe) für den Rot-und-Grau-Haushalt und schlendere weiter.

Am Eingang des runden Panorama-Baus herrscht Leere. Wir dürfen trotz Zeitfenster-Ticket früher rein. Drinnen kann man die Besucher an einer Hand abzählen, und entspannt wie selten spazieren wir durch die Ausstellung. Wir bestaunen die Highlights aus den Beständen der antiken Sammlungen, die hier eine vorrübergehende Heimat gefunden haben, während das Pergamon-Museum restauriert wird und deshalb bis mindestens 2023 geschlossen bleibt.

Vor den Statuen stehend bewundern wir die feinen Arbeiten. Obwohl keine der Statuen vollständig ist, und kein Gesicht makellos, taucht man beim Betrachten doch in eine andere Welt ein. Unvorstellbar, dass dieser Stein tausende Jahre alt ist. Besonders beeindruckend finde ich die unglaublich realistische Darstellung der Stoffe und Kleidungsstücke. Als würden sie von einem sanften Wind bewegt. Wie zur Untermalung wird das Licht im Ausstellungsraum weich heruntergedimmt, wie in einer Dämmerung. Die Schatten der Figuren bewegen sich und erwecken sie zum Leben. Es ist fast, als könne ich die Stoffe rascheln hören.

Wir spazieren weiter zum Höhepunkt der Ausstellung: dem 360°-Panorama der Stadt Pergamon.

Die riesige, 30 Meter hohe Darstellung der alten Stadt - geschaffen vom Künstler Yadegar Asisi, führt uns in das Jahr 129 n. Chr. zurück – mitten in die griechisch-antike Stadt Pergamon in Kleinasien. Dargestellt ist ein Tag, an dem der Kaiser Hadrian die Stadt besucht. Eingebettet in die Terrassen der Akropolis auf der hohen Burg fügen sich imposante Bauwerke mit ihren Tempeln und einem Amphie-Theater in die hügelige Landschaft ein. Kleine detailliert dargestellte Alltagsszenen von Menschen, die lebendig scheinen, wechseln sich ab mit einem großen und umfassenden Blick von oben auf die Stadt – je nachdem, wie viele Treppen des 4-stöckigen Turms man erklettern möchte.

Wir lassen uns Zeit auf dem Weg nach oben, genießen die Geräusche und Klänge aus der Stadt. Aus dem Dunklen erhebt sich die Dämmerung, man hört die Hähne krähen, Hunde und Vögel erwachen. Immer lauter und bunter werden die Töne, je mehr die Sonne steigt und der Tag fortschreitet. Die Handwerker arbeiten, es wird geschrien und gelacht, geschimpft und gehandelt, die Stadt lebt, das Theater füllt sich, um den Kaiser zu begrüßen, auf dem Opfer-Altar werden die Gaben verbrannt, man hört die Feuer knistern und sieht den Rauch aufsteigen. Und irgendwann wird es wieder Nacht in Pergamon und die Dunkelheit senkt sich über das Land, begleitet vom ununterbrochenen Gezirpe der Grillen.

Wir bleiben eine ganze Weile und können vom Morgengrauen und der Abenddämmerung über Pergamon gar nicht genug bekommen. Aus jedem Blickwinkel und von jeder Treppenstufe entdecken wir noch etwas Neues.

Wir sind ganz verzaubert auf unserer Zeitreise – 129 Jahre nach Christus – in Pergamon in Klein-Asien – an einem Sonntag mitten in Berlin.

„Pergamonmuseum. Das Panorama", Ausstellungsneubau - Am Kupfergraben, Berlin
Karten über das Internet unter shop.smb.museum
Eintrittspreis 12,- Euro, + Zeitfenster buchen!

Göttlich

Ganz großes Kino

Wer hat sich da ins Bild gewimmelt?

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