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Dancing in the Zoo

von Peter Schäfer (Kommentare: 3)

Lebenslang Knast oder lebenslang Arche Noah? Diese Frage umreißt in etwa das Spektrum an Meinungen, die man zu Zoos und Tierparks finden kann. Kritiker dieser Einrichtungen geraten aber zunehmend ins Hintertreffen, je mehr der Mensch durch Überbevölkerung und Umweltzerstörung das zunichte macht, was Tier von Natur aus zum Überleben benötigt.

Wie artgerecht Käfighaltung ist oder sein kann, sei mal dahingestellt. Fest steht aber: seit den ersten Zoos hat sich eine Menge getan. Zum Besseren. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass auch die Freiheit ihren Preis hat. Jenseits der Gitterstäbe lautet das erste Gebot nämlich „Fressen und gefressen werden“. Die meisten tierischen Bewohner in Gefangenschaft müssten in freier Wildbahn wahrscheinlich schon längst der zweiten Kategorie zugeordnet werden. Jedenfalls ist es eher die Ausnahme, dass Tiere in der Savanne oder im Dschungel an Altersschwäche sterben. Vorher reihen sie sich als Bestandteil einer Mahlzeit wieder in den Kreislauf des Lebens ein.

Die Berliner Gorilladame „Fatou“ hätte in ihrer westafrikanischen Heimat in diesem Jahr ganz sicher nicht ihren 63. Geburtstag gefeiert. In freier Wildbahn werden diese Tiere höchstens 35 und in menschlicher Obhut bis 50 Jahre alt. Fatou gilt nun weltweit als der Gorilla mit dem höchsten bisher dokumentierten Alter. Und das Areal, das ihr allein zur Verfügung steht und in dem sie sich zunehmend langsamer bewegt, ist so groß wie eine Kleingartenkolonie. Eine echte Alternative zu jedem Pflegeheim. Vorausgesetzt, man ist Gorilla.

Gorilladame "Fatou" im Spätherbst ihres Lebens

So gesehen beinhalten Zoos durchaus eine im biblischen Sinne paradiesische Komponente: Mensch und Tier in friedlicher (wenn auch durch Zäune, Glas und Gräben getrennte) Koexistenz. Wäre das nicht auch eine schöne Alternative für Kochmaus, wird sich nun manch treuer Leser und Leserin von rotundgrau.de fragen. In der Tat. Auch familienintern wird – zumindest von einem Teil - über Unterbringungsmöglichkeiten für die umtriebige Mitesserin mit der speckigen Schürze nachgedacht, die heimlich nachts im Kühlschrank rumwühlt und ständig mit den Crackern krümelt, nicht arbeitet, aber ständig am Esstisch sitzt. Mitsamt ihren Verlobten.

Wir könnten sie dem Zoo offiziell anbieten. Damit gehen wir allerdings das Risiko ein, abgelehnt zu werden (das ganze Theater mit dem Zoo in Singapur hängt uns bis heute nach). Oder wir „vergessen“ sie einfach beim nächsten Besuch an einem der vielen Eiswägelchen oder auf dem Spielplatz. Allein findet sie eh nie raus. Und irgendein Käfig in ihrer Größe wird sich schon finden lassen. Der Rest ließe sich mit einer Kochmaus-Patenschaft bewältigen. Zu Hause können wir das schon mal schön vorbereiten. Ein bisschen probewohnen im Laufgitter, Modell „Freilandhaltung“, und die Umstellung wird am Ende so menschen- und kochmausfreundlich wie nur möglich.

Für Kochmaus nur das Beste

Der eigentliche Grund, den Zoo zu besuchen, war aber nicht Kochmaus. Sondern unsere Freundin Conni aus Torgau, die bei uns zu Gast ist und mit der wir gemeinsam etwas unternehmen wollen. Da passt es ganz gut, dass auch wir uns nach langer Zeit der Abwesenheit auf die grüne Oase mitten in Berlin, unweit der Gedächtniskirche, freuen.

Inzwischen hat sich im Berliner Zoo einiges geändert. Der Nachholbedarf war allerdings ziemlich groß, als Zoodirektor Knieriem 2014 seinen Posten übernahm. Vor seinem Amtsantritt war die letzte große Neuerung die Fertigstellung des Vogelhauses mit zwei Freiflug-Bereichen, in denen einem die Piepmätze auch schon mal über die Köpfe segeln oder über die Füße spazieren.

Inzwischen wurde 2017 ein „Panda-Garden“ eröffnet, mit dem Neubezug durch die chinesischen Riesenpandas Jiao Qing und Meng Meng. Sie sind eine Leihgabe aus China. Die Jahres-Ausleih-Gebühr beträgt zurzeit 900.000 Euro (für beide zusammen). Lange vor Corona hoffte man hier auf die ansteckende Wirkung und entsprechendes Zuschauerinteresse durch eine Pandamie. Und tatsächlich findet sich vor der Puschelbär-Wohnanlage eine der wenigen Menschenschlangen, auf die wir im Zoo stoßen. Wartezeiten gibt es ansonsten nur vor der Waldschänke und den öffentlichen Toiletten. Wie wohl sich die Pandas fühlen, lässt sich auch an einem sehr seltenen Ereignis ablesen. 2019 kam Nachwuchs im Bambusforst zur Welt, die Zwillingsbrüder Meng Xiang ("Ersehnter Traum") und Meng Yuan ("Erfüllter Traum“). Der Vorschlag des Berliner Tagesspiegels, die beiden „Hong“ und „Kong“ zu nennen (kein Witz!), konnte sich leider nicht durchsetzen. Politisch neutral rufen die Berliner sie nun „Pit“ und „Paule“ und setzten sich damit gegen den Vorschlag „Curry“ und „Wurst“ durch (kleiner Scherz!).

Bald können sich auch die Nashörner über ein neues Setting freuen. Das alte Gehege im altdeutschen Vorgartenambiente soll einen exotischen Touch erhalten. Wir sind gespannt und werden darüber berichten. Nach den Panzernashörnern möchte die kleine rote Frau auch zu den anderen „…. Dingsda … den Tieren … die da im Wasser ….. Zu den … äh … Unterwassernashörnern.“

Aha?! In der Flusspferd-Anlage werden wir fündig. Leider haben die Unterwassernashörner heute kein Horn. Dafür sehen wir aber auch ein paar Unterwasserkatzen. Heute allerdings ohne Beine und mit Schuppen.

Unterwassernashorn (ohne Horn) und Unterwasserkatze (ohne Beine, mit Schuppen)

Wie immer gibt es im Zoo viel zu sehen und zu entdecken. Zwischendurch bringt ein freilebender Habicht, der sich um sein Essen selber kümmern muss, ein paar Krähen und Tauben in Wallung. Die schnattern und schimpfen um ihr Leben. Die Kollegen im Vogelhaus sehen und hören es mit großer Gelassenheit. Jetzt zahlt sich ihre Sicherungsverwahrung einmal mehr aus. Goldener Käfig eben.

Leider entfällt der Besuch bei den Großkatzen. Die sind jetzt auch mal dran mit „schöner Wohnen“. Alles Baustelle. Alles vernagelt. Wir tragen es mit Fassung. Schließlich dient es dem guten Zweck. Um so schöner wird es, wenn die Käfige bald frisch gefliest und die Stäbe auf Hochglanz poliert sind. Entsetzen erfasst uns allerdings am Eisbär-Gehege. Oder sollten wir sagen „ehemaliges Eisbär-Gehege“. Das bot schon zu Zeiten von Knut ein Arktis-für-Arme-Panorama. Aber jetzt ist nicht mal mehr das größte Landraubtier zu sehen. Dafür blüht der zoologische Nordpol regelrecht auf. Grün ist die Farbe der Saison. Auf den Felsen und im Wasser wachsen die Vorboten eines zukünftigen Dschungels. Überlässt man das alles sich selbst, wird hier bald eine tropische Sumpflandschaft entstehen.

Ob hier absichtlich die Folgen der Erderwärmung demonstriert wird? Eine zukunftsorientierte Erinnerungsinstallation. Oder so ähnlich. Kein Schnee, kein Eis - kein Eisbär. Und die Schneemänner werden es auch nicht überleben. Die Botschaft kommt an. Zumindest bei uns. Mit hängenden Köpfen ziehen wir weiter. Wir haben jetzt zwar auch ein Hybrid-Auto, aber wird das reichen, um das Klima-Ruder nochmal rumzureißen?

Wir hoffen auf Ablenkung und Zerstreuung bei unseren nächsten biologischen Verwandten. Ein Schimpanse versucht sein Glück an einer Monkey-Slot-Machine. Zwischen farbigen Bällen stochert er mit einem Stöckchen, um kleine Bröckchen Brot herauszufummeln, die er dann lustlos wegmampft. Kein Mensch würde von sowas satt werden, geschweige ein ausgewachsener Affe. Ist es bereits Suchtverhalten, das unseren haarigen Kollegen an die archaische Spielhölle kettet? Oder ist es seine Art, den Klimawechsel zu verdrängen?

Wie nah uns die Affen sind, erleben wir bei den Orang-Utans mit. Sie hängen lässig am Maschendraht wie unsereiner auf dem Barhocker und lassen sich von außen Getränke und Häppchen reichen. Ihr Pfleger trägt Mundschutz und bleibt auf Abstand. Denn für das Virus ist der grobmaschige Zaun kein Hindernis.

Wie spät es bereits ist, und dass sich der Tag dem Ende neigt, wird uns erst am Elefantengehege bewusst. Grau und vollgestaubt von ihren Sandduschen, stehen die Rüsseltiere vor den geschlossenen Toren ihrer Unterkunft. Sie folgen ihrer inneren Uhr und wollen rein. Ihr Arbeitstag endet zur immer gleichen Zeit. Dann haben sie es ziemlich eilig, um wieder in die Elefantengarage zu kommen. Drinnen wartet bereits eine Wagenladung Heu für jeden und andere Leckereien.

Bevor es an das frühe Abendessen geht, wird aber noch einmal ihre Geduld auf die Probe gestellt. Körperpflege. Ungewaschen geht auch der Elefant nicht an den Tisch. Tierpfleger kreisen mit großen Straßenbesen um ihre Schützlinge und fegen den Dreck von den riesigen Leibern. Erst dann öffnen sich die Tore zum Buffet. Ein sinnvolles Ritual, dass wir zu Hause demnächst auch für Kochmaus einführen werden (so lange sie noch bei uns ist). Sie liebt es, sich immer wieder mit ungewaschenen Pfoten und dreckiger Schürze an den gedeckten Tisch selbst einzuladen. Nächstes Mal wird sie mit einer alten Schrubberbürste empfangen. Die hat so schöne harte Borsten. Und sie kann sich schon mal auf ihr Leben im Zoo einstimmen.

 

Inzwischen sind auch unsere Kehlen staubtrocken und Hunger macht sich breit. Ein gepflegtes Abendessen vor einem italienischen Restaurant im alten Charlottenburg rundet einen wirklich schönen Tag ab. „Warum in die Ferne reisen, wenn das Gute liegt so nah?“ Das war die Grundüberlegung für unseren traumatischen Ausflug vor einer Woche zum Schlachtensee. Anschließend haben wir dieses alte Sprichwort aus unserer großen Sammlung von Kalenderblattweisheiten auf ewig verdammt. Nun holen wir den Spruch wieder aus dem Papierkorb heraus, streichen ihn glatt und ergänzen ihn um eine Erkenntnis. „Das Gute liegt noch näher als du denkst.“

In unserem Falle sind es 6 Busstationen. Richtung Stadt. Mitten rein.
Grün? Erholung? Tiere?
Welcome in the Großstadtdschungel!

 

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Kommentar von Lys |

Danke für diesen schönen Bericht. Ich weilte kürzlich im Zoo Angermünde und war erschüttert, wie sehr diese kleine Einrichtung unter den Folgen von der Pandemie leidet.
Habe spontan eine Jahreskarte gekauft und vielleicht übernehme ich eine Patenschaft . Wo genau soll denn Kochmaus hin?

Kommentar von Problemcousine |

Als nicht mehr so häufiger Zoobesucher ( Kinder sind aus dem Wochenendbetreuungsmuster,incl. Jahreskarte für den Zoo Schwerin raus) fällt bei seltenen Besuchen in der Jetztzeit auf : Es tut sich was in den Tierparks - und zwar zum Guten. Nach längeren Besuchspausen waren wir von den Visiten in Rostock, Leipzig und auch in unserem Heimatzoo positiv überrascht .Und haben eine Tierpatenschaft (Erdmännchen) an einen der Söhne verschenkt. Grüße aus dem heißen MV.

Kommentar von Cornelia König |

Liebe Freunde,

obwohl unser gemeinsamer Zoobesuch nun schon wieder Tage zurückliegt habe ich heute immer noch schöne Erinnerungen beim betrachten der Bilder und genauso beim lesen des Textes. Da kann man doch mal sehen, was für eine Gabe es ist, Erlebtes in Buchstaben und gelungenen Fotos festhalten zu können. Alles kommt immer und immer wieder und erscheint vor seinem ganz persönlichen, geistigen Auge. Einfach herrlich in dieser schnelllebigen Zeit in welcher es wahrlich nicht nur schöne und unbeschwerte Momente gibt. Ich danke euch Beiden nochmals für den sehr schönen und entspannten Tag. Er wird in meinem Jahresrückblick einen besonderen Stellenwert erhalten.
Lasst es euch gut gehen und bleibt schreibwütig, fotografier-süchtig, neugierig und gesund!
Eure tanzende Freundin Conni